„Leben ohne Presserat scheint mir erträglich“: Bild-Chefin Tanit Koch über 60 Jahre Rügen-Presse

Bild-Chefin Tanit Koch sieht in Ziffer 12.1 des Pressekodex‘ eine Bevormundung
Bild-Chefin Tanit Koch sieht in Ziffer 12.1 des Pressekodex' eine Bevormundung

Im 60. Jahr des deutschen Presserats, der heute seinen Geburtstag feiert, ist die Ethik-Kommission umstritten wie nie. Vor allem die Diskriminierungs-Ziffer 12.1 des Pressekodex ist manchem Medienmacher ein Dorn im Auge geworden. Der BDZV nutzt das Jubiläum, um die Rolle der Kontrollinstanz zu hinterfragen. Zu Wort kommt auch Bild-Chefin Tanit Koch, die ihre Kritik noch einmal deutlich verschärft.

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Es war die Silvesternacht in Köln und die Berichterstattung darüber, über die wochen- und monatelang diskutiert worden ist, und die den Deutschen Presserat in diesem Jahr schwer beschäftigte und auch in Verruf brachte. Denn der Kodex des Kontrollgremiums enthält eine umstrittene Klausel, die Journalisten eigentlich als moralischer Kompass dienen soll. Ziffer 12.1 regelt den Umgang mit der Herkunft von Tätern. Der Empfehlung zufolge sollte die Nationalität nur genannt werden, sofern ein „begründbarer Sachbezug“ vorliegt. Die Richtlinie, so die allgemeine Kritik, sorge unter Berichterstattern für Verunsicherung.

Wörtlich heißt es:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Die Diskussion um Ziffer 12.1 ist keine neue und beschäftigt bereits seit Jahren. Im Laufe des Jahres 2016 wurde sie aber in einer Intensität infrage gestellt wie nie zuvor – allen voran von Axel Springers Bild-Zeitung. Chefredakteurin Tanit Koch, studierte Juristin, positioniert sich derzeit als härteste Kritikerin des Presserates und bezeichnete die umstrittene Richtlinie unter anderem als „Bevormundung“ oder „Zensur“.

Zeitig zu den Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag des Presserates holt die Bild-Chefin erneut aus und macht ihre Kritik an Ziffer 12.1 zur Generalabrechnung mit der Ethik-Instanz. „Ein Leben ohne Presserat scheint mir durchaus erträglich, ja sogar lebenswert“, so die Bild-Chefin. Ob es einen braucht, darüber sei sie sich nicht sicher. „Was ich weiß: Diesen Presserat brauchen wir nicht.“ Er handele vermessen und begründe seine Entscheidungen oftmals „schäbig“, sodass er „einem Organ von und für Journalisten unwürdig“ sei. Der Rat, so Koch weiter, schade mit seinen Richtlinien, die die Nennung von Täter-Informationen untersagen, sogar der Glaubwürdigkeit der Medien.

Der Presserat komme seinen Aufgaben nicht nach: In Zeiten, in denen die Glaubwürdigkeit der Medien angezweifelt wird, sei das Gremium nicht in der Lage, „unsere Arbeit in der Öffentlichkeit zu erklären und dafür zu werben“. Koch zweifelt auch an der personellen Besetzung und kritisiert, dass mit Lutz Tillmann ein Geschäftsführer installiert und zu Aussagen über redaktionelle Werte bevollmächtigt ist, der selbst kein Journalist sei.

Mit ihren Statements verschärft Koch die Kritik an Presserat und -kodex deutlich. Bemerkenswert ist der Rahmen, in dem sie ihre Ansichten vorträgt: Ihr Angriff auf das Kontrollorgan der Verlagsszene ist Teil eines mehrseitigen Artikels zur „Bestandsaufnahme“ des Journalismus im Jahrbuch des Bundesverbandes Deutscher Zeitschriftenverleger, dessen Präsident seit diesem Jahr Springer-CEO Mathias Döpfner, Kochs oberster Chef, ist. Dass die Fundamentalkritik Teil des Jahrbuchs sein darf, könnte für eine neue Form des Pluralismus im Verband stehen.

Das Verhältnis zwischen Bild und dem Presserat ist seit eh und je ein ambivalentes. Koch und ihr Blatt fühlen sich vom Presserat bevormundet und sehen vor allem in Richtlinie 12.1 eine Einschränkung der Pressefreiheit. Regelmäßig stoßen die Entscheidungen der Ethik-Experten bei den Bild-Leuten auf Unverständnis. Auch unter Kochs Vorgänger und Bild-Herausgeber Kai Diekmann kam es oft und öffentlichkeitswirksam zu Auseinandersetzungen. Nicht immer ließ der Presserat mit sich reden oder zeigte sich offen für Kritik. Tanit Koch steht mit ihrer Haltung zur Rügen-Instanz unter Berufskollegen nicht allein. Doch gibt es innerhalb der BDZV-Mitglieder auch andere Meinungen.

So kommt im Jahrbuch auch Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, zu Wort, der den Presserat grundsätzlich für „unverzichtbar“ hält. „Der Sündenfall Wulff zeigt, dass Journalisten durchaus nicht immer mit Augenmaß agieren“, so Maus. „Man sollte auch nicht so tun, als würde der Pressekodex die Redaktionen entmündigen.“ Anders als Koch glaubt Maus, dass der Presserat der „Integrität und Glaubwürdigkeit“ der Medien diene. Doch Maus differenziert: „Wir sind aber gut beraten, Ziffer 12.1 nicht zu eng auszulegen. Der Nachsatz ‚Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte‘ scheint mir unnötig verstärkend.“

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Alle Kommentare

  1. Gewaltakte wie die gegen die Frauen in der Silvesternacht ohne Hinweis auf die Herkunft der Täter zu berichten, kann nicht ernsthaft von irgendwem in Erwägung gezogen werden. Die Kultur der Täter machte dies überhaupt erst möglich. Die Forderung nach Verschleierung der Fakten kann hier allenfalls einem praxisfernen Akademiker einfallen.

    Das beliebte BILD-Bashing ist mir ohnehin zu simpel. Es war doch die vermeintlich so elitäre SZ, die sich in den boulevardesken Sumpf begab, als sie in der causa Wulff sich als eilfertigster Trittbrettfahrer eben jener BILD offenbarte.

    Dann stellte sich heraus: An den Vorwürfen gegen Wulff war praktisch nichts dran. Heribert Prantl reagierte vor der Kamera trotzig wie ein fünfjähriger Rotzlöffel an der Kasse im Supermarkt: „Der war doch selber schuld!“ Wie hat der Presserat dieses Totalversagen der SZ geahndet? Mir sind da wohl die öffentlichen Rügen entgangen, oder gab es die erst gar nicht?

    Journalisten wie Prantl reden sich gerne in Rage, wenn der Vorwurf der Lügenpresse erhoben wird. Sie verschanzen sich gern hinter der Behauptung: Lüge sei nur die Verbreitung einer bewussten Unwahrheit. Niedriger kann man die Latte nicht mehr hängen. Aber wenn Prantl den Anspruch der SZ auf dieses Niveau abgesenkt hat, darf er sich über Gleichsetzungen mit der BILD nicht ärgern.

    Denn für wahrhaftige Journalisten gilt ein höherer Anspruch auch aufgrund der größeren Reichweite und Folge einer Veröffentlichung als für Privatpersonen: Ziffer 2 des Pressekodex verpflichtet Journalisten zur gründlichen Recherche vor der Veröffentlichung. Wer also Behauptungen verbreitet, ohne sie vorher gründlich zu prüfen, muss sich zumindest den Vorwurf der lässlichen Lüge vorwerfen lassen. Im Fall Wulff kann hier auch nicht mehr von Einzelfällen gesprochen werden, es waren die reinsten Lügenkaskaden, die sich über den Bundespräsidenten ergossen. Das darf man auch kurz und knapp Lügenpresse nennen.

    Die postfaktischen Attitüden haben längst die Redaktionen infiziert – oder gingen sie von ihnen aus? Dagegen hilft auch kein zahnloser Tiger namens Presse-Rat. Als ob die Herren Chefredakteure sich nicht in der Rolle des Dompteurs gefielen. Eine Zensur ist auch keine Lösung. Also wird der schlechte Ruf der Journalisten eben nicht besser, in der Tendenz eher schlechter.

  2. Der Presserat, als sich dankbar zu zeigende, mit Regierungsgnaden eingesetzte Wahrheitskommission.
    Da muss ein abgewirtschaftete BPräsident noch mal ran;
    anmaßend von „uns“ sprechend;
    mal wieder von „Entsetzen“ und „Hass“ fabulierend und sich dabei lediglich vor eine völlig orientierungslose und unter Druck stehender Politik stellend.
    Und das auch noch gegenüber Journalisten, die sich gerne als 4. Macht und letzte Kontrolle der Politik verstehen und sich scheinbar gänzlich sämtlicher Glaubwürdigkeit beraubt haben, dadurch dass man sich geradezu verzweifelt und blind auf die Seite dieser Regierungspolitik gestellt hat, die bis heute die Begründung für Ihr irrwitziges Zuwanderungsgehabe schuldig geblieben ist.
    So bleibt dann nur der offener Schrei nach Zensur.
    Natürlich wie immer in dieser Politik nicht durch grundrechtsgebundene Staatshandeln selbst, sondern durch kleine willfährige Helferlein, die sich gehorsam und fleißig zeigen wollen und durch permanentes Klüngeln und Giften Sorge tragen sollen, dass keiner der ihrigen aus der Kolonne des sog. selbstkontrollierten Qualitätsjournalismus ausschert.
    Wo käme man denn da hin, wenn der Bürger erneut erfahren müsste , dass kürzlich auf dem Staatsbanquet in München es zu sexuellen Übergriffen und versuchten Vergewaltigungen im Rathaus durch „Flüchtlinge“ gekommen ist.
    Und die Politik, Tage später dabei ertappt, dann erneut nur dümmlich in die Kameras glotzt um irgendeinen Bullshit abzusondern.
    Aber solange der Presserat keine Schwierigkeiten mit antiamerikanischen oder antirussischen Beiträgen sieht, darf sich der Leser mit AdBlocker schon wundern, warum er dann lediglich ein Problem mit der Benennung des Migrationshintergrund aus islamnahen Täterkreisen haben soll. Spaßbegeisterte Jugendliche, Rockerbanden, Antänzer, Großfamilien oder einfach nur Männer mit Lagerkoller im eigenen Land interessieren den aufmerksamen Leser halt mehr, als dumm-infantile Berichte im Stern über die Länge des Penis eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten.
    So ist der Schritt von Lücken- zu Lügenpresse nicht weit. Auch wenn der Oberlehrer Herr Gauck dem dummen Volk zu erklären versuchte, was es bei diesen Befrifflichkeiten zu Denken hat.

  3. von Hobbes bis Schreck auch hier die inzwischen üblichen Kommentare der Qualität ‚muss doch wohl noch sagen dürfen, die zwischen den Zeilen so deutliche rassistische wie vordemokratsche Tendenzen zeigen, dass man schon wieder nicht so viel essen kann, wie man ….

  4. Mensch…

    …Arni Dee. Da kommt doch glatt der Reflex vor dem Argument. Dein 3,5 Zeiler ist nicht im mindesten geeignet, die nachvollziehbaren und durchaus gut durchdachten Einwände der beiden Vorredner auch nur anzukratzen. Wie das so oft eben ist mit den inzwischen üblichen Kommentaren der Qualität „was interessieren mich Fakten und Zusammenhänge“? Wenn man eben vor lauter Opportunität nicht mehr geradeaus schauen kann.

    Was mich an Ziffer 12.1 des Pressekodex schon immer störte:
    1. Wer ist denn überhaupt in manchen Fällen „die Minderheit“. Ich denke da an Berliner Schulklassen oder Kindergärten oder Bezirke wie Neukölln und Wedding. Umso jünger die Altersgruppe desto deutlicher wird hier die Minderheit.
    2. Die absichtliche Nichtnennung eines (optisch) entscheidenden Tätermerkmals verhindert AKTIV die Verfolgung einer Straftat. Da steht mal wieder eine verschwurbelte, realitätsferne und im Endeffekt arrogante pseudomenschenfreundliche Borniertheit vor dem Schutz der Opfer.

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