Flow macht Wolf: Retro-Eskapismus für Turnbeutel-Vergesser und Ladekabel-Liegenlasser

Die Flow-Chefredakteurin Sinja Schütte kümmert sich auch um Wolf
Die Flow-Chefredakteurin Sinja Schütte kümmert sich auch um Wolf

Keine nackten Babes, kein Super-Yachten, keine PS-Monster und auch keine Anmachsprüche, die auf das aktuelle Tinder-Date garantiert unwiderstehlich wirken sollen. Die Gruner-Beteiligung Deutsche Medien Manufaktur (DMM) hat die Köpfe hinter dem Frauen-Erfolg Flow das Männer-Magazin Wolf machen lassen. Im Erstling versprechen sie „no Bullshit“ und ein Heft, das sich auf „das Wesentliche konzentriert“.

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Was sich die Hamburger darunter vorstellen, verraten sie auf vier Sinnsprüchen, die dem Neuling – ganz altmodisch – als Postkarten beigelegt sind. Da heißt es: „Was würde Colt Seavers tun?“ oder auch „The tiger and the lion might be stronger but the wolf does not perform in the circus“.

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Grundsätzlich scheint die Redaktion ganz verschossen in beigelegte und angesteckte Papier-Gimmicks zu sein. So bieten sie unschlüssigen Neu-Lesern einen unterhaltsamen Service. Via Selbsttest, wie wir das aus Frauenzeitschriften oder von früher aus der Bravo kennen, soll man(n) feststellen, ob er „bereit für Wolf ist“? Zumindest verspricht dies ein Pappzettel, der an die Titelseite der ersten Ausgabe gesteckt ist. Die zu beantwortenden Fragen lauten:

  • Wünschen Sie sich weniger Tempo und mehr Leben?
  • Sehnen Sie sich danach, auch mal offline zu sein?
  • Suchen Sie nach mehr Inspiration statt nur Information?
  • Haben Sie schon mal an einer Rosine gelauscht?

Bei einem oder mehren Jas, gehört man also zur angepeilten Zielgruppe, die „mehr offline“ sein will, „mehr Freiheit“ sucht und „mehr Mut“ braucht. Nur vier Seiten später erklären die Macher nicht nur die Idee hinter dem Konzept, sondern auch das Problem, das die anderen Männer-Magazine haben: „Das komisch verkrampfte Harter-Hund-sein-müssen, um keine Klassenkeile von den anderen Jungs zu bekommen“. Genau von dieser Attitüde versprechen sie eine Pause. Stattdessen argumentieren sie mit einer YouGov-Studie, dass sich 68 Prozent aller Männer Entschleunigung und 81 Prozent mehr Sinn im Leben wünschen.

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Diesem Ansatz will Wolf nun in vier Ressort Rechnung tragen. Sie heißen: „Wir zusammen“, „mehr verstehen“, „jetzt ich“ und einfach machen“. Über allen thront das Titelthema „Was wirklich zählt“. Konkret bedeutet das, dass im ganzen Magazin ganz viel gesucht wird. Vor allem nach dem früheren Ich. Als man noch Zeit hatte, als es noch keine Handys gab, als man noch mit dem Auto einfach spontan ans Meer fuhr. Bei einer weiblichen Zielgruppe funktioniert diese Form des Retro-Eskapismus, der mit einer kräftigen Prise Wehmut, Melancholie und Nostalgie angereichert wird. Ob Männer auch so ticken?

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Die Themenmischung hält sich schon einmal an dieses Raster: So ist auf dem Cover ein alter VW-Bulli zu sehen, von dem alle Möchtegern-Surfer in ihrer Jugend träumten, inklusive Jack Kerouac -Taschenbuch „On the Road“ auf dem Beifahrersitz. Zudem liegt dem Heft ein Auto-Retro-Quartett bei. Wem das noch nicht genug Erinnerung an früher ist, der findet sogar noch eine Meldung zu den „drei ???“.

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Offiziell firmiert Wolf erst einmal als Special von Flow, deren Chefin, Sinja Schütte, auch für das neue Männer-Magazin verantwortlich ist: „Auch Männer sehnen sich nach etwas Flow im Leben, das haben wir in den letzten Jahren immer wieder gehört. Darum bieten wir ihnen jetzt ein Magazin, das klug und humorvoll mit, über und von Männern spricht, das den Fuß vom Gas nimmt und den Blick auf den Moment richtet“.

Selbst, wenn Mann alle weiter oben genannten Fragen mit „Nein“ beantwortet, könnte es sein, dass das Heft genügend Leser findet. Bullis sind heute so gefragt und teuer wie nie und die „drei ???“ verkaufen so viele Tonträger wie. Die Macher schielen also schon auf einen gewissen Massenmarkt.

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Trotzdem bleibt die Frage, ob Männer sich im besten Alter wirklich ernsthaft so viel mit sich selbst beschäftigen wollen. Denn noch immer gilt die auch die alte 80er-Jahre-Regel: Wer Zeit hat über sich nachzudenken, hat zu viel Zeit, ist demnach nicht ausgelastet und damit auch irgendwie kein echter Kerl. Das ist natürlich Bullshit, beherrscht aber noch immer das Selbstverständnis vieler Kerle. Zudem ist das Zeitschriftenregal schon voll von Männermagazinen. Sie heißen nur nicht so, sondern sind Special-Interest-Titel für Angler, Modellbauer oder Rennradfahrer. Viele große Jungs finden nämlich schon heute ihre Entschleunigung und Entspannung in ihrem Hobby oder neudeutsch Nerdtum. Aus diesem Bereich kaufen sie dann auch entsprechende Fachmagazine.

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Ob der moderne Mann des Jahres 2016, von einem erfolgreichen Frauen-Magazin lesen will, dass aus „dem Turnbeutel-Verlier von früher, nun der Ladekabel-Liegenlasser von heute geworden ist“, wird sich aber erst in einem harten Realitätscheck an der Kiosk-Kasse zeigen.

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Alle Kommentare

  1. Jetzt versehe ich warum Männer Frauen nicht verstehen und umgekehrt. Das Magazin kommt rüber wie ein Bügeleisen für Frauen zum Gebutstag.

  2. Der letzte Absatz stellt doch eine rethorische Frage. Turnbeutel-Verlier wurden zu meiner Schulzeit nicht gerade zu Leitwölfen… Und für Selbstmitleid braucht man nun wirklich kein bedrucktes Papier.

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