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„Wir haben ihn nicht ernst genommen“: Deutsche Chefredakteure zur Trump-Berichterstattung

Chefredakteure über Donald Trump (re. unten):  Peter Huth (B.Z., li. oben), Lars Haider (Hamburger Abendblatt, re. oben) und Michael Bröcker (Rheinische Post)
Chefredakteure über Donald Trump (re. unten): Peter Huth (B.Z., li. oben), Lars Haider (Hamburger Abendblatt, re. oben) und Michael Bröcker (Rheinische Post)

Seit dem Wahlsieg von Donald Trump tobt in den Redaktionsstuben und auf den Medienseiten die Debatte, ob die Presse eine Mitschuld am Triumph des Immobilien-Milliardärs hat und ob sie während und nach der Wahl ihren Job gut und objektiv erledigt hat. MEEDIA hat Chefredakteure nach ihrer Einschätzung gefragt. Abendblatt-Boss Lars Haider, B.Z.-Macher Peter Huth und Michael Bröcker von der Rheinischen Post haben geantwortet.

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Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post

Wo sehen Sie die größte Schwierigkeit, über Trump zu berichten?
Seine Unberechenbarkeit bedeutet für uns Unsicherheit. Was will Donald Trump wirklich? Er hat reihenweise Positionen aus dem Wahlkampf korrigiert, zugleich vermeidet er Festlegungen bei konkreten Maßnahmen, die international anstehen. Für die deutschen Journalisten, deren Zugänge zur US-Administration traditionell begrenzt sind, wird es schwerer denn je die Agenda des neuen Präsidenten und die Konsequenzen für Europa und Deutschland zu erkennen und zu erläutern.

Haben die Medien im Umgang mit Trump etwas falsch gemacht?
Na klar. Wir haben ihn nicht ernst genommen, den Frust der Millionen gegen die Eliten unterschätzt und uns lieber über ihn lustig gemacht, als die Hintergründe seiner Popularität zu erforschen.

Was sind die Leitlinien der Berichterstattung ihrer Redaktion?
Akribie. Genauigkeit. Sorgfalt. Und wir sollten – aber das gilt generell – auf Häme und Übertreibungen verzichten.

Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatt

Wo sehen Sie die größte Schwierigkeit, über Trump zu berichten?
Von Trump gibt es zu jedem Thema praktisch jede Aussage. Eine klare politische Linie lässt sich kaum erkennen.

Haben die Medien im Umgang mit Trump etwas falsch gemacht?
Man kann ihnen zumindest nicht vorwerfen, zu wenig über ihn berichtet zu haben.

Was sind die Leitlinien der Berichterstattung ihrer Redaktion?
Für die Berichterstattung über Trump gelten die gleichen Richtlinien wie überall bei uns: Was ist für einen möglichst großen Teil unserer Leser interessiert? Welche Informationen brauchen Sie, um sich eine Meinung zu bilden? Was ist neu und überraschend? Usw.. Bei uns durchläuft jede Geschichte eine Checkliste mit insgesamt zwölf Punkten.

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Peter Huth, Chefredakteur der B.Z.

Wo sehen Sie die größte Schwierigkeit, über Trump zu berichten?
Trump ist Bauunternehmer, kein Politiker. Er spricht eine andere Sprache, als wir gewohnt sind: reduziert, ungehobelt, alles andere als schriftreif. Wenn er Menschen beschreibt, sind sie immer „great“ – von seinem Bruder bis zum General. Er weicht konkreten Fragen aus (zuletzt zu sehen im NYT-Interview), versucht sich einerseits anzubiedern (siehe auch NYT-Interview) und ist andererseits extrem aufbrausend, schnell reizbar, fast larmoyant, was sich selbst betrifft und ungerecht in seinem Urteil. Das ist die Person Trump.

Es wird schwierig werden, zu sezieren, was ein Präsident Trump wirklich meint und was lediglich seinen sehr eigenen Reflexen geschuldet ist. Und natürlich die Frage, ob das überhaupt möglich und vielleicht auch gar nicht sinnvoll ist. Sollte ein solches Amt nicht auch einen Vorbildcharakter haben, was Stil betrifft?

Haben die Medien im Umgang mit Trump etwas falsch gemacht?
Viele Medien haben Trump erst  überhaupt nicht ernst genommen, daraus resultierte sich eine verwaschene Auseinandersetzung mit seinen politischen Zielen. Man hat sich an einem abgearbeitet, den man (nicht ganz zu Unrecht) für einen Politclown hielt. Ich bin jetzt seit fast zweieinhalb Monaten in den USA und sehe vieles, was mir klar macht, warum so viele Leute Trump gewählt haben – nicht in Palo Alto und Los Angeles, aber in den ländlichen Gebieten der Südküste. Das heißt nicht, dass Trump Recht hat, sondern lediglich, dass die Medien die Situation der Bevölkerung auf dem Land unterschätzt haben.

Nach der Wahl tritt jetzt der Halo-Effekt des Amtes ein – viele nehmen ihm plötzlich sehr, sehr ernst, nach dem Motto: Vielleicht wird es ja nicht so schlimm. Das ist wishful thinking, manchmal Opportunismus. Wir dürfen nicht vergessen: Er ist und bleibt ein Populist, der sexistisch gehandelt, sich rassistisch geäußert hat und in den meisten wichtigen politischen Feldern von erstaunlicher Ahnungslosigkeit ist. Trump ist – egal, ob er nun fast alles, was er im Wahlkampf angekündigt hat, zumindest relativiert – ja der gleiche, der er während der Kampagne war.

Ich halte – gerade im Boulevard – Entlarvung, auch durch Zuspitzung, für ein absolut angemessenes Mittel der Berichterstattung. Damit muss Trump leben. Die Rolle der deutschen Medien in Sachen Trump wird, meiner Meinung nach, überbewertet. Ich kenne nur einen einzigen Amerikaner, der sich brennend für unsere Medienlandschaft interessiert – Jeff Jarvis. Und der lebt davon.

Was sind die Leitlinien der Berichterstattung ihrer Redaktion?
Es gibt natürlich kein Lex Trump – so einzigartig ist er (leider) nicht. Ich glaube schon, dass es Zeit ist, über den Umgang mit Populisten zu sprechen, weil es verschiedene Ansätze, Meinungen und Erfahrungen gibt und auch weil es die Medien in ihrem Kernbereich, der Freiheit, berührt. Diese Diskussion kann aber intern erfolgen, die Leser interessieren sich weit weniger für unsere Selbstreflexion als wir denken.

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Alle Kommentare

  1. kann ich als in USA lebender Deutscher Journalist nur bestätigen: Was Europa (im speziellen „Deutschland“) denkt, interessiert hier keinen. Man macht Witze über Merkel in Kombination mit Trump.

  2. ignorieren wir einmal den einen oder anderen schwachsinn in der kommentierung zum Beitrag hier, fällt eines am Thema auf: ausgerechnet der Chefredakteur der BZ antwortet umständlich, schwafelnd, wo er doch eigentlich kurz und knackig sein sollte. Das beschreibt die Misere der Medien beim Thema Trump und USA kontrastreicher als alle anderen Beiträge.

  3. Genauso ist es. Wer mal in den USDA als Journalist unterwegs war, der bekam hautnah mit, dass die Amis auch nichts anderes interessiert als die USA, dass dort ein unglaubliches Nichtwissen herrscht, was wohl niemanden stört. Hatte mehrere Gespräche zum Beispiel mit Kollegen während der Olympischen Winterspiele in Lake Placid, keiner wusste, dass es zwei Deutschland gibt. Die meisten US-Journalisten halten es wie Trump: USA, USA, USA – die Hand natürlich an die Stelle, wo das Herz liegt, nicht an den Kopf, wo das Hirn sitzt…

  4. Was interessiert den Leser was ein Haufen Jounalisten fühlen, denken und empfinden?
    Und jetzt wieder zurück zur AfD Hetze und Kanzlerinnen Lobhudelei , ihr „Journalisten“.

    1. Nur falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: Dies hier ist ein Portal für Medienschaffende, wo sich die Journalisten auch mal ganz gerne mit ihrem eigenen Quark beschäftigen. Für den allgemeinen Leser ist das nicht unbedingt gedacht. Und jetzt wieder zurück zu Kopp, RT Deutsch und Konsorten.

    2. Dem „mündigen“ Bürger in seiner Eigenschaft als Konsument journalistischer Produkte sei anheim gestellt, sich auch jenseits seines „Heimatblattes“ einigermaßen saubere Informationen einzuholen und sich ein individuelles Weltbild zu machen. Es zeugt nicht unbedingt von Kenntnis der Medienlandschaft (und von einer weitgehenden Negation des in den „Sozialen Medien“ anzutreffenden Bullshits), die Schuld einfach auf die Journaille abzuwälzen.
      Grundsätzlich gebietet es der „gesunde Hausverstand“, sich über Produkte, seien es die der industriellen Fertigung oder der Ernährungsindustrie, sowie letztlich des Geschäftes mit Nachrichten vor deren Konsum zu informieren. Dass halbe Wahrheiten und einseitige Beleuchtung ein falsches Bild der Realität erzeugen können, weiß auch so ziemlich jeder Erfahrene. Also, bitte, liebe Mitbürger, seid so lieb und hinterfragt erst mal die eigene (Nicht-)Bereitschaft zur differenzierten Informationsaufnahme, bevor ihr wieder, genau wie die zu recht vielgescholtene Pegida, den Journalismus in toto verteufelt…

  5. Versager gibt es offensichtlich mehr als Versagerinnen!
    ZEUGNIS
    Abschreiben = sehr gut
    Recherche = ungenügend
    Wahrheitsgehalt = mangelhaft
    Betragen= mangelhaft
    Ideologie = sehr gut

    deutsche Presse 2016 !

  6. Das wird in den USA sicher ein mediales Erdbeben auslösen, wenn sich die Statements dieses „White Trash“ auf den langen Weg über das Meer machen. Nebenbei: wie lange geht das eigentlich noch? Die Wahl ist doch vorbei. Und die katastrophale Verfassung der Mainstreamheulsusenklatschblätter braucht kluge Köpfe jetzt. Nur gibt’s die nicht mehr seit Scholl-Latour.

  7. Wie witzich… Nach den weissen, alten Männer am Tag nach der Wahl nun die kleineren weissen alten Männer. Meedia – es hängt uns zum Hals raus!!!! Wo sind die Frauen? Gibt’s keine, die auf Ihre Fragen antworten könnten? Werden sie alle dominiert von den weißen alten Männern? Die da oben was von „populistisch und sexistisch“ faseln? Brauchen Sie Namen? Sollen wir helfen?

    1. Streiten Sie etwa ernsthaft ab, dass Trump im Wahlkampf populistisch aufgetreten ist? Und seit wann setzen Sie sich für die Gleichstellung der Frau in den Chefetagen deutscher Tageszeitungen ein?

    2. Ob „die Medien“ eine Mitschuld am Wahlsieg von Donald Trump haben?
      Tja, jetzt müssen „die Medien“, nämlich die hiesigen, ganz ganz stark sein – denn die einfache und offenbar desillusionierende Antwort lautet: Nein, haben sie nicht.
      Der US-amerikanische Präsident wird nicht von, durch oder mit den deutschen oder europäischen Medien gewählt. Auch nicht von deutschen Chefreportern, Chefredakteuren, Chefmoderatoren oder anderen Chefs. Und erst recht nicht von unseren geschätzten „fellow Germans“.
      Immer noch haben nur US-Amerikaner das Wahlrecht – auch wenn das in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen nicht vorausgesetzt, dafür aber gerne verschwiegen wird.
      Ach so, die Frage bezieht sich auf US-amerikanische Medien? Tja, dann sollte man in Erwägung ziehen, US-amerikanische Journalisten und Journalistinnen zu befragen – oder reichen Kontakte und Englischkenntnisse ‚der Medien‘ dazu nicht aus?

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