FAZ macht FAQ: feine Magazin-Wundertüte für die Kaffeetische kluger Köpfe

Claudius Seidl (li.) macht zusammen mit Rainer Schmidt die Frankfurter Allgemeine Quarterly
Claudius Seidl (li.) macht zusammen mit Rainer Schmidt die Frankfurter Allgemeine Quarterly

Auf einmal brauchen kluge Köpfe auch noch einen Kaffeetisch: Die alte Tante FAZ, die Grande Dame aller konservativen Bewahrer eines fast schon aus der Zeit gefallenen Tageszeitungsjournalismus, macht auf einmal alles anders: Mit Frankfurter Allgemeine Quarterly (FAQ) legt der Verlag ein überzeugendes Coffee Table-Magazin vor, das vor allem das Neue und Innovative feiert - in diesem Fall zurecht.

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Tatsächlich ist der Magazin-Neuling eine feine Wundertüte voller hübscher Ideen, toller Geschichten und mit überraschender Optik und Haptik. Das geht schon mit dem Namen los. Offiziell heißt das Heft Frankfurter Allgemeine Quarterly. Eine logische Wahl, immerhin erscheint das Heft quartalsweise. Der Clou dabei: Kürzt man den Namen in gewohnter F.A.Z.-Manier jedoch ab, heißt die dicke Hochglanz-Illustrierte auf einmal F.A.Q. – die im Web sehr weit verbreitete Abkürzung für Frequently Asked Questions.

Die Fragen, denen sich das Print-FAQ dann widmet, sind jedoch nicht immer wirklich „Frequently“. So geht es auch um Nischen-Wissen wie „warum Tischtennis schlauer macht“, „wie politisch krause Haare sind“, aber auch um die Antwort auf die Frage, „was Bret Easton Ellis gegen Likes auf Facebook hat“?

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Zumindest auf diese Frage sei hier schon einmal die Auflösung verraten. So erklärt der Autor von „American Psycho“ im Interview, dass die Welt immer schlimmer wird. Aber nicht wegen Krieg und Terror, sondern „wegen des Kults, gemocht zu werden“. Er nennt das die „Likeability“. „Jeder soll nett sein, sonst halten wir es nicht mehr aus“. In den sozialen Netzwerken herrsche ein „Positivity Mob“, der „Likes“ verteile, Kritik und Abneigung aber nicht ertragen könne. „Kritische Äußerungen werden reflexartig abgewehrt. Aufgrund seiner Masse und Allgegenwart dominiert uns dieser Mob mehr als jeder Terrorakt. Es ist eine neue Form von Gewalt, die uns weit mehr prägt als jeder mündliche oder tätliche Angriff.“

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Neben den „Häufig gestellte Fragen“, ist die vierteljährliche FAZ noch in die drei weiteren Teile „Das Thema“, „Materialien“ und „Was kommt“ unterteilt. Zudem unterscheiden sich die verwendeten Papiersorten.

Obwohl das Wort „Frankfurter“ bereits im Titel des Magazins Erwähnung findet, kommt das Heft eigentlich aus Berlin und London. In der deutschen Hauptstadt sitzen die beiden Macher Rainer Schmidt (früher unter anderem Chefredakteur des Rolling Stone) und Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In London ist dagegen die Monocle-Redaktion beheimatet, deren Mastermind, Tyler Brûlé, tatkräftig bei FAQ mithalf.

Für alle drei scheint es „höchste Zeit, sich mit dem Stand der Dinge nicht zufriedenzugeben“. So schreiben sie in ihrem Editorial:

Es gibt zu viele Glücks- und Freiheitsversprechen, die noch nicht eingelöst sind. Und es gibt so viele Menschen, die an der Einlösung arbeiten, so viele Ressourcen, die genutzt werden wollen, so viele Herausforderungen, für die es Optimismus und Selbstvertrauen braucht. Und einen Verstand, der sich etwas Besseres vorstellen kann als bloß die bestehenden Verhältnisse. Davon handelt dieses Magazin.

So viel Zukunftsbegeisterung hätte man der FAZ kaum zugetraut. Bei ihrem neuen vierteljährlich erscheinenden Heft gönnen sie sich jedoch auf einmal auf das Angenehmste einen gewissen – fast schon amerikanischen – Optimismus. Passenderweise beleuchtet die Titelgeschichte den „Kampf um die Zukunft“, der im Silicon Valley geführt werde. Zudem beschäftigt sich die Redaktion mit polyamourösen Paaren, mit Michel Houellebecq oder auch mit einem Wunderauto von VW, das jedoch „irgendwann einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwand“. Erwähnt seien zudem noch eine Reportage von Autor und Sänger Sven Regener, der mit einem Schädlingsbekämpfer unterwegs war, und das kluge Essay von Joseph Vogl zum Thema Amok.

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Bei allem inhaltlichen Lob, sei aber auch erwähnt, dass das Adjektiv „überladen“ für das Cover noch untertrieben ist. Mehr Text, mehr Artikel-Anrisse und ein nichtssagenderes Foto waren schon lange nicht mehr auf der Titelseite einer hochklassigen Illustrierten. Auch das Layout spielt noch nicht derselben Liga wie der Inhalt. Mal sind die Bilder zu klein, mal fehlt es an Opulenz.

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Der Werbeschuber, in dem die Frankfurter ihre Rezensionsexemplare verschicken, verspricht „Inspiration und Denkanstöße für die Welt von Morgen“. Laut Selbstbeschreibung soll das Magazin „kluge Einblicke“ bieten und dabei „anspruchsvoll, cool, elegant und vorausdenkend“ sein. Nach den 202 Seiten der ersten Ausgabe lässt sich ganz modern und zukunftsgewandt sagen: mission accomplished.

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Alle Kommentare

  1. @Olaf: So einen Scheißdreck kann auch nur jemand schreiben, der sich im Verlagswesen nicht auskennt und weiß, was die Herstellung eines solch aufwenidigen Magazins kostet.

  2. 10stolze Euro für gefühlt ein Drittel der Seiten Werbeanzeigen zu verlangen ist schon echt frech. Erste Ausgabe und nie wieder. 2Euro mehr ist es nicht Wert. Die restlichen 8 Eur hat doch die Werbung schon finanziert. Bye bye.

    1. Stolze 10 Euro – das ist mal eine Ansage. Aber warum auch nicht, wenn die Qualität stimmt und der Umfang einem mittleren Taschenbuch entspricht.

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