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„Jeder Journalist kann besser werden – und die Besten bekommen den Nannen Preis“

stern-Chefredakteur Christian Krug, Nannen Preis-Einreichungen: „Jeder kann besser werden. Und die Besten erhalten den Nannen Preis“
stern-Chefredakteur Christian Krug, Nannen Preis-Einreichungen: "Jeder kann besser werden. Und die Besten erhalten den Nannen Preis"

Nach einigen Eklats und wachsender Kritik an der vormals pompösen Inszenierung hat Gruner + Jahr den Henri Nannen Preis im vergangenen Jahr in runderneuerter Form präsentiert. Christian Krug, stern-Chefredakteur und damit inoffiziell Erster Journalist des Hauses, zieht im MEEDIA-Interview eine erfolgreiche Bilanz der Neupositionierung. Als Jury-Mitglied sieht er den deutschen Journalismus im europäischen Vergleich ganz vorn und mahnt Regionalverlage, bei Qualität und Recherche keine Abstriche zu machen.

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Nach einem Jahr Moratorium ist der Nannen Preis 2016 neu an den Start gegangen. Wie zufrieden sind Sie mit der Neuausrichtung?
Christian Krug:
Ich bin wirklich sehr zufrieden. Denn natürlich mussten wir damit rechnen, dass die Leute sagen: Früher war alles besser. Aber das haben wir nicht ein einziges Mal gehört. Tatsächlich haben wir viel Lob dafür bekommen, die Preisverleihung auf das Wesentliche zu reduzieren. Mir selbst war das auch wichtig: Wir wollten alles weglassen, was zu sehr nach Blaskapelle und Effekthascherei aussah. Und wir wollten den Journalismus glänzen lassen, der selbst schon so glänzt, dass er Beiwerk gar nicht nötig hat. Dies ist durch eine stringente Inszenierung gelungen. Der Abend gehörte ganz den Journalisten, und das hat jeder als Gewinn empfunden.

Nun gibt es eine Änderung. Die Foto-Jury wurde vergrößert.
Die Foto-Jury besteht jetzt aus sieben Juroren statt bisher drei und vereint hochkarätige Fotografen, Art-Direktoren und Bild-Redakteure. Sie sichten und entscheiden über alle Arbeiten, die zum Wettbewerb eingereicht worden sind, und decken somit den gesamten Jury-Prozess von der Vorauswahl über die Nominierungen bis hin zu den Preisträgern ab. Außerdem gibt es neben der Reportage-Fotografie, also nicht gestellten Bildern, nun eine zweite Kategorie: die inszenierte Fotografie, sofern sie eine journalistische Aussage enthält. Damit können wir seit der Verleihung 2016 zum Beispiel hervorragende Portraitfotografen auszeichnen, deren inszenierte Bildstrecken wir früher nicht hätten berücksichtigen können.

Mit Dunja Hayali haben Sie zudem eine prominente neue Jurorin. Wie kam es dazu?
Sie selbst war ganz erstaunt, dass wir sie gefragt haben, weil sie keine schreibende Journalistin ist. Beim Nannen Preis geht es zwar auch um Formulierungskunst, aber vor allem um Inhalt und Haltung. Und diese Qualitätskriterien gelten für alle Medien. Über ihre Zusage bin ich sehr froh und auch darüber, dass sie sich das zutraut. In die Jury des Nannen Preises berufen zu werden, ist ja für jeden eine Ehre – aber die Aufgabe kann auch Angst machen.

Viele haben das Gefühl, dass es beim Nannen Preis am Ende stets die üblichen Verdächtigen von Zeit, Gruner, Spiegel oder SZ sind, deren Arbeiten prämiert werden. Leidet der wichtigste deutsche Journalistenpreis unter Inzucht?
Unser Arbeitsprinzip ist ja so: Wir rufen alle Redaktionen auf, sich zu beteiligen. Beim letzten Mal wurden so über 900 Stücke allein in den Textkategorien eingereicht, so viele wie noch nie zuvor. Die 28 Vorjuroren, die daraus die Auswahl für die Hauptjury treffen, kommen aus 28 unterschiedlichen Redaktionen, von Regionalzeitungen über Online-Portale bis hin zu freien Journalisten. Zudem sind noch sechs Journalistenschulen eingebunden. In der Vergangenheit kam es häufig vor, dass sich bei der Vorauswahl Magazine und Zeitungen durchsetzten, die viel in die Qualität ihrer journalistischen Arbeit investierten. Aber immer wieder wurden auch Tages- und Regionalzeitungen ausgezeichnet. So ging 2016 der Preis für die beste Web-Reportage an die Berliner Morgenpost. Ich sehe eher das Problem, dass viele Regionalzeitungen nicht mehr den Aufwand betreiben können, um noch konkurrenzfähig zu bleiben. Nicht, dass es dort nicht viel schreiberisches Talent gäbe, aber ich frage mich: Haben diese Redakteure noch die Möglichkeit, sich intensiv um ein Thema zu kümmern? Schauen wir zum Beispiel nach Berlin: Früher waren in unserer Vorauswahl immer auch Beiträge vom Tagesspiegel oder der Berliner Zeitung dabei. Wir wissen durch die Berichterstattung von MEEDIA und anderen Diensten, dass deren Mittel begrenzter werden. Können die Kollegen dort auch in Zukunft in rechercheintensiven Disziplinen, wie der Dokumentation oder Investigation, noch zeitraubende Tiefenbohrungen vornehmen? Ich hoffe das sehr, aber nach Ihren Meldungen habe ich Zweifel.

Etliche Verlage stellen das anders dar und erklären, dass der Journalismus bei ihnen trotz sogenannter Effizienzprogramme – dem aktuellen Modewort fürs Sparen – besser geworden sei. Der Focus-Chefredakteur Robert Schneider hat diese Behauptung gerade erst beim VDZ-Kongress aufgestellt und gesagt, man habe trotz Kürzungen im Redaktionsetat „den besten Focus aller Zeiten“. Sie saßen mit auf dem Podium…
… an der Stelle hat Giovanni di Lorenzo eingehakt und gesagt, er glaube nicht, dass die Qualität besser würde, je mehr man an der Redaktion spare. Da haben unterschiedliche Verlagshäuser sicher verschiedene Strategien. Ich will überhaupt nicht verhehlen, dass in guten Zeiten in Redaktionen viel Speck angesetzt wurde. Allerdings haben alle Redaktionen – durchgängig – in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, ihre Apparate effizienter zu machen. Das ist ein Prozess, und der wird sicher auch noch weiter gehen. Manchmal arbeiten schlankere Redaktionen sogar besser. Jeder muss für sich die Grenze finden, wann die Qualität leidet.

Wie spiegelt sich das in der Qualität der Einreichungen?
Im letzten Jahr haben viele Juroren, die schon länger dabei sind, gesagt, die Qualität sei selten so gut gewesen. Der Nannen Preis steht dafür, wie ein Perlentaucher zu sein, und wenn man sich die nominierten Beiträge dann ansieht, anhört oder liest, dann merkt man, wie hochklassig der deutsche Journalismus auch im internationalen Vergleich ist. Wir glauben schon, dass wir in der Breite einen stärkeren Journalismus haben, als das etwa in England oder Frankreich der Fall ist.

Dabei ist der Nannen Preis mit seiner Neuausrichtung deutlich weniger international geworden. Die Beiträge über deutsche Themen stehen im Mittelpunkt.
Mit der Neuausrichtung hat das überhaupt nichts zu tun, sondern mit dem Jahrgang 2015, bei dem aus bekannten Gründen deutsche Themen in der Berichterstattung eine große Rolle spielten, etwa das Thema Flüchtlinge. Ebenso die Veränderungen in Zentraleuropa und die Folgen davon für uns. Übrigens war auch in den Kategorien Dokumentation und Investigation die Bandbreite deutscher Themen auffallend groß.

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Womit rechnen Sie bei den ab jetzt eingehenden Einreichungen?
Ich erwarte erneut einen Themenschwerpunkt aus dem Bereich Flüchtlinge, aber jetzt einen Schritt weiter. Im vorigen Jahr ging es um die Bewältigung der Ankunft. Nun verschieben sich die Schwerpunkte der Berichterstattung: Die Flüchtlinge sind da. Eine bundesdeutsche Realität. Jetzt beschreiben viele Autoren, wie sie die Psychologie des Landes verändern, wie sich der politische Kosmos neu ausgerichtet hat. Und es geht auch um den medialen Umgang mit dem Thema, bis hin zum Erstarken der AfD. Da wird sicherlich ein Schwerpunkt der Einreichungen liegen.

Die Jury kann stets nur aus dem Material auswählen, das eingereicht wird. Gibt es Bereiche, aus denen Sie sich mehr Bewerbungen wünschen?
Ich persönlich wundere mich, dass das Thema Sportreportage so wenig präsent ist, denn das ist ja ein enorm vielfältiger Bereich, in dem großes Geschäft und große Egos aufeinanderprallen. Dann gibt es relativ wenig aus dem Bereich der klassischen Sozialreportage, die aus dem Bauch Deutschlands berichtet.

Der Nannen Preis ist von seiner Tradition her zuallererst ein Printpreis für Zeitschriften und Zeitungen. Sind das Internet und die digitalen Medien heute ausreichend und adäquat repräsentiert?
Wir haben die Kategorie Web-Reportage jetzt umbenannt in Web-Projekte, um sie noch breiter aufzustellen. Zudem werden wir den Online-Arbeiten nicht gerecht, wenn wir den Begriff der Reportage 1:1 aus dem Printbereich aufs Internet übertragen. Wir haben festgestellt, dass die Perlen im Web oft andere sind als das, was wir klassisch unter einer Reportage verstehen. Oft bekommt da eine Reporterleistung erst durch die multimediale Umsetzung ihre besondere Qualität. Das war übrigens eine Anregung des Jury-Mitglieds Mathias Müller von Blumencron, der meinte, wir sollten das Netz noch weiter auswerfen. Grundvoraussetzung ist aber nach wie vor, dass es sich um journalistische Projekte handelt.

Planen Sie weitere digitale Kategorien?
Es kann gut sein, dass es in den nächsten Jahren eine weitere Internet-Kategorie geben wird. Wir sehen dabei aber die Schwierigkeit, dass vieles, was im Web passiert, technologiegetrieben ist und mit journalistischen Inhalten nicht so viel zu tun hat.

Es gibt inzwischen eine Reihe gehypter webbasierter Medienmarken. Vice ist mit einer Bewertung um drei Milliarden Dollar bereits ein Konzern. Spielt die Präsenz dieser Plattformen auch in der Juryarbeit eine Rolle?
Das Gefühl hatte ich bisher nicht. Meines Wissens gelangte bislang nichts von Vice in die Endausscheidung, und es ist ja so: Die Monetarisierung einer Plattform interessiert uns als Jury ebenso wenig wie die Durchsetzungsfähigkeit eines Mediums; wir achten ausschließlich auf die Qualität eines einzelnen Stücks. Jedes muss immer für sich alleine stehen, egal wie erfolgreich ein journalistischer Trend sein mag.

Was würden Sie heute jungen Autoren raten, die in der Liga der Nannen Preis-Kandidaten mitspielen wollen?
Ich denke, es ist für junge Journalisten ganz wichtig, sich multimedial zu schulen. Sie müssen heutzutage auf allen Kanälen senden können. Ansonsten glaube ich, dass die Voraussetzungen für herausragenden Journalismus grundsätzlich auch nicht viel anders sind als früher. Das ist diese Mischung aus Talent und Training, aus Handwerk und Haltung. Manches muss man mitbringen, anderes lässt sich erlernen. Man darf halt nur nie glauben, „fertig“ zu sein. Jeder kann besser werden. Und die Besten erhalten den Nannen Preis.

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Alle Kommentare

  1. Soso. Dunja und Vergleichbare in der Jury. Das wertet einen solchen Preis für journalistisches Schaffen doch gleich gewaltig auf. Oder?

    1. Wenn Hayali bei einer Bewertung ausnahmsweise unsicher ist, fragt sie einfach ihre Mitjurorin Tanit Koch. Fachpersonal unter sich.

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