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„Wir ergeben uns nicht“: Über 40 deutsche Medien veröffentlichen Text der Cumhuriyet-Redaktion

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Zum "Writers-in-Prison-Day" an diesem Dienstag setzen über 40 deutsche Tageszeitungen und Online-Medien gemeinsam ein Zeichen und veröffentlichen einen Text der türkischen Oppositionszeitung Cumhuriyet. Darin beschreibt die Redaktion die jüngsten Festnahmen – und beschließt den Aufruf mit ihrer Grundüberzeugung: "Wir ergeben uns nicht".

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Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein weiterer Schlag gegen die Presse- und Meinungsfreiheit durch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan erfolgt. Derzeit steht besonders die türkische Oppositionszeitung Cumhuriyet unter Beschuss – vor zwei Wochen haben die türkischen Behörden 13 Mitarbeiter des Blattes festgenommen, darunter auch Chefredakteur Murat Sabuncu. Dennoch: Die verbliebenen Journalisten recherchieren und schreiben weiter für das Blatt. Bisher gelang es ihnen sogar die tägliche Erscheinungsweise aufrecht zu erhalten.

Unter welch schweren Bedingungen die Redaktion mittlerweile arbeiten muss, hat sie nun aufgeschrieben – und über 40 Tageszeitungen (u.a. FAZ und SZ) und Online-Medien (u.a. Zeit und SpOn) veröffentlichen den Text am heutigen“Writers-in-Prison-Day“ auf deutsch und türkisch. Übersetzt wurde der Artikel von Welt-Korrespondent Deniz Yücel und dem FR-Autoren Timur Tinç.

In dem Stück beschreiben die Cumhuriyet-Journalisten etwa die Festnahme von Chefredakteur Murat Sabuncu.

Alles begann am Morgen des 31. Oktober 2016, mit dem Anruf unseres Chefredakteurs Murat Sabuncu. Morgens um sieben Uhr meldete er sich bei unserem Chef vom Dienst und sagte: „Mein Freund, sie nehmen mich mit.“ (…) Die Polizei durchsuchte Murat Sabuncus Wohnung und nahm ihn fest. Seinem Anruf folgten bald weitere; unsere Telefone begannen, wie verrückt zu klingeln

Weiter erzählen die Betroffenen.

Wir Mitarbeiter versammelten uns sofort in unserem „Haus“. Schon in unseren ersten Gesprächen stellten wir fest, dass die Operation gegen die Cumhuriyet niemanden wirklich überrascht hatte. Weil die Regierung jeden, der ihr widerspricht, zum Schweigen bringen will. Darunter auch unsere Zeitung, wie wir seit Längerem bezeugen können.

Wie es so weit kommen konnte? Sei nicht einfach zu erklären. Zumindest für jemandem im Ausland, so die Redaktion.

Unserer Ansicht nach wollte die sich seit 2013 mit der AKP im Machtkampf befindende religiöse Organisation, die Fethullah-Gülen-Gemeinde, die Regierung mit einem Putsch stürzen. Dagegen stand das ganze Land auf und schützte seine gewählten Repräsentanten. Menschen aus allen Schichten kamen zusammen und demonstrierten auf der Straße für die Demokratie. So wurde der Putsch zerschlagen. Bald darauf wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Im Kampf gegen die Gülen-Organisation ergingen gegen Tausende Menschen Haftbefehle und noch immer werden neue erlassen.

Dennoch habe man sich auf der ersten Redaktionskonferenz gesagt: „Wir müssen eine gute Zeitung machen.“ Bis plötzlich das Telefon geklingelt hat – und der nächste Kollege inhaftiert wurde. Von der Arbeit abhalten lassen wollte man sich trotzdem nicht. Zwei Mitarbeiter seien sogar „von sich aus und ohne zu zögern“ zur Polizeiwache gegangen, nachdem sie von den Haftbefehlen gegen sich erfahren hatten.

Wegen des Ausnahmezustands habe die Redaktion „von unseren 13 Freunden vier Tage lang keine Nachricht erhalten“, heißt es in dem Text. Allen juristischen Bemühungen zum trotz. „Doch die Wahrheit hat eine Angewohnheit: Sie kommt ans Licht.“

So war es abermals ein Journalist, der aufdeckte, dass der Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen die Cumhuriyet geführt hatte, selber in einem Gülen-Prozess angeklagt ist. Ein Beispiel dafür, wie lebensnotwendig die Arbeit von Journalisten ist. Die Tatsache, dass ein wegen Mitgliedschaft in der Gülen-Organisation angeklagter Staatsanwalt die Ermittlungen geführt hatte, hätte das Verfahren gegen die Cumhuriyet eigentlich zusammenbrechen lassen müssen – jedenfalls wäre das so, wenn wir in einem anderen Land leben würden. So aber sprach der Justizminister bloß von einem „Missgeschick“. Das Ministerium war nicht einmal auf die Idee gekommen, den Staatsanwalt von seinen Aufgaben zu entbinden. Nein, lachen Sie nicht, das ist der Cumhuriyet passiert und kein Bestandteil einer schwarzen Komödie.

Von vier freigelassenen Journalisten hätte man später erfahren, was der Staatsanwalt von ihnen wissen wollte: „Warum habt ihr so eine Nachricht veröffentlicht?“, „Warum habt ihr so getitelt?“, „Warum habt ihr das hervorgehoben?“ – der Staatsanwalt „beschuldigte uns also mit nichts anderem, als Journalisten zu sein“, so Cumhuriyet.

Was bleibt? Ist die Unterstützung von (ausländischen) Kollegen, Mitbürgern, Lesern und vielen mehr. Der Brief endet mit dem Versprechen:

Nur eine Garantie fehlt uns: die Pressefreiheit. Wir Bürger dieses Landes brauchen die Meinungs- und Pressefreiheit, die für jedes demokratische Land unverzichtbar ist. Um in Ruhe unserer Arbeit nachgehen zu können, müssen wir einfach nur Journalisten bleiben. Wir müssen für jene eine Stimme sein, die keine haben, wir müssen die Tatsachen berichten und aufschreiben. Unsere Arbeit ist schwer, der Druck ist groß, die Bedrohungen ernst. Aber nichts davon wird uns abhalten. Die Nachricht unseres Chefredakteurs Murat Sabuncu, die er aus der Haft geschickt und damit unsere Augen mit Tränen gefüllt hat, ist eigentlich der Grundsatz von jedem, der bei der Cumhuriyet arbeitet: „Wir werden uns nur unserem Volk und unseren Lesern beugen.“

Die Redaktion der Cumhuriyet

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