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Trump, Affen und die Hirnforschung: Bei Wahlen entscheiden die Emotionen

Donald Trump und die Medien – eine schwierige Beziehung, wie sich immer  wieder zeigt
Donald Trump und die Medien – eine schwierige Beziehung, wie sich immer wieder zeigt

Die Hirnforschung geht davon aus, dass 70 bis 80 Prozent aller Entscheidungen auf unbewusster Ebene stattfinden. Die restlichen 30 Prozent sind auch nicht so frei, wie wir uns das wünschen. Tatsächlich bestätigen Wissenschaftler, dass die Rationalität letztlich nur ein Maximum an positiven Emotionen anstrebt. Denn nur mit positiven Emotionen können wir dauerhaft unsere biologische Fitness stärken und damit langfristig überleben. Was das mit Donald Trump zu tun hat? Dazu kommen wir gleich.

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Von Cristián Gálvez

Wirft man einen Blick in die Neurobiologie, so wird sehr schnell deutlich, dass der Mensch zu ca. 98 Prozent mit dem Schimpansen genetisch verwandt ist. Je nach Analysemethode fallen die Werte etwas niedriger oder sogar höher aus. Besonders deutlich wurde diese Verwandtschaft nach unserer Zeit in der Nacht zum Mittwoch. Betrachtet man die Aggressionen auf Amerikas Straßen, so fällt der Vergleich zum Affenfelsen nicht schwer. Wahlentscheidungen sind Emotionsentscheidungen.

Nach dem überraschenden Wahlerfolg Donald Trumps stellt sich die Frage, was im Hirn der Menschen stattgefunden hat, als sie dem Republikaner Donald Trump ihre Stimme gegeben haben.

Hirnforscher sind sich einig: Unser bedeutendstes Emotionssystem im Gehirn ist das sogenannte Angst-Furcht-Sicherheitssystem. Es warnt uns vor Gefahren und Bedrohungen. Es hat nur ein Ziel: Sicherheit wieder herzustellen. Wirtschaftspsychologen verwenden in diesem Zusammenhang deshalb auch gerne den positiv besetzten Begriff des Sicherheitssystems. Persönlichkeiten, die es verstehen, durch ihr Auftreten dieses dominante Emotionssystem zu aktivieren, beherrschen im unbewussten Emotionssystem ihre Wähler.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Sie gehen nachts durch den Park, und plötzlich steht Ihnen ein bewaffneter Mann gegenüber. Mit der Pistole an ihrer Schläfe antwortet Ihr limbisches System spontan. Es schießen Noradrenalin und Cortisol durch ihren Körper. Dadurch entsteht eine physiologische Reaktion. Ihr Herz schlägt u.a. deutlich schneller. Jetzt schaltet sich eine Gefühlskomponente hinzu. Sie nennen es Angst und Furcht. Sie befinden sich in einem festgefahrenen Zustand (Stucked State). Die Ratio ist vollständig ausgeschaltet. Erst nach einer Zeit schaltet sich das kognitive System dazu und sucht nach Lösungen.

Es stellt sich die Frage, ob sich bei Trumps Wählern das kognitive System überhaupt zugeschaltet hat und wenn ja, wie überlegt und differenziert dieses überhaupt war. In einem durch Angst und Furcht bestimmten System haben einfache Botschaften ein leichtes Spiel. Insbesondere wenn die kognitive Komponente stark eingeschränkt ist. Die Analyse der Wahl zeigt, dass die Mehrheit von Trumps Wählern über wenig Bildung (kognitive Komponente) verfügt. Zudem ist das Angst-Furcht-Sicherheitssystem evolutionsbedingt bei Männern sehr stark auf Dominanz ausgelegt. Das Wahlergebnis spiegelt auch das wider. Es waren viele weiße Männer, die Trump ihre Stimme gaben.

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1967 wurde von dem amerikanischen Psychologen Martin E.P. Seligman der Begriff der „erlernten Hilflosigkeit“ in der Psychologie eingeführt. Erlernte Hilflosigkeit beschreibt, bestimmte Situationen nicht kontrollieren können und damit keinen Einfluss zu haben. Seligman setzte in seinen Untersuchungen u.a. Hunde in einem Käfig unter Strom und gab ihnen keine Möglichkeit, auf diesen Reiz reagieren zu können. Nach kurzer Zeit zeigten sich diese Hunde lethargisch – man könnte auch sagen „frustriert“. Sie haben gelernt, dass sie im Grunde genommen dem System ausgeliefert sind.

Schaut man sich die Wählergruppen an, die gestern Trump ihre Stimme geschenkt haben, sind es genau die Menschen, denen in der Gesellschaft das Gefühl der Selbstwirksamkeit fehlt. Sozial abgestiegen haben sie in den letzten Jahren „Stromstöße“ empfunden. Trump hat in seinem Wahlkampf genau hier angesetzt. Laut und mit schlichter Klarheit hat er mit dem Angst-Furcht-Sicherheitssystem seine Wähler mobilisiert. Viele Amerikaner haben das Gefühl, dass sie die Pistole an der Schläfe haben. Trump hat dieses Gefühl bestärkt. Erst ist auf dieser Gefühlskomponente weitestgehend geblieben. Die wichtige kognitive Komponente, eine tiefe Auseinandersetzung mit echten Lösungen, blieb völlig außen vor.

Es bleibt zu hoffen, dass die Suche nach Lösungen in der Politik wieder Einzug erhält. Das politische System in Europa ist gefordert. Denn auch bei uns setzen immer mehr Politiker auf das Angst-Furcht-Sicherheitssystem. Wie kraftvoll dieses Emotionssystem in einer gewachsenen sozialen Schicht ist, wurde in der letzten Nacht deutlich. So gesehen sind wir mit unserer Gehirnentwicklung in der Evolution stecken geblieben. Eine Entwicklung braucht Bildung.

 

Cristián Gálvez ist Experte für Persönlichkeit, Motivation und Wirkung. Der Redner und Coach studierte BWL und Wirtschaftspsychologie in Deutschland und den USA. Er ist u.a. der Kommunikationscoach vieler deutscher Vorstände. Als Autor erfolgreicher Ratgeber analysierte er u.a. die Wirkungssmechanismen politischer Inszenierung sowie das Storytelling bekannter Politiker. Mehr dazu hier.

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