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Medienforscher über Social Media und Wahlkampf: „Lärmende Rhetorik im Netz für Demokratie brandgefährlich“

Medienforscher Stephan Weichert, US-Wahl: „Wie klassische Journalisten Ereignisse kommentieren, hat kaum noch Einfluss auf das Wahlverhalten“
Medienforscher Stephan Weichert, US-Wahl: "Wie klassische Journalisten Ereignisse kommentieren, hat kaum noch Einfluss auf das Wahlverhalten"

In der heißen Phase der US-Wahlen war der Journalismusprofessor Stephan Weichert in New York. Sein Fazit: „Der US-Journalismus hat während des Wahlkampfes versagt.“ Im MEEDIA-Interview erklärt der Medienwissenschaftler, welche Gefahr von Social-Bots ausgeht, warum der Journalismus „ein Problem mit der Augenhöhe“ hat und warum die Newswelt an der Schwelle zu "einer postjournalistischen Ära“ steht.

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Die AfD überlegt, Social-Bots für ihren Wahlkampf einzusetzen. Sie haben den Einsatz solcher Chat-Roboter gerade aus nächster Nähe gesehen. Was kommt da auf uns zu?
Stephan Weichert:
Ich halte den Einsatz von Social Bots und generell von Algorithmen im politischen Prozess sowohl gesellschaftlich und ethisch für äußerst bedenklich. Wir können im US-Wahlkampf sehr gut beobachten, wie solche automatisierten Tarnprogramme gezielt zur Stimmungsmache, zu Propagandazwecken und sogar zur Manipulation von Wahlen missbraucht werden. Die Twitter-Armee des Präsidentschaftskandidaten Trump versucht zum Beispiel, den amerikanischen Wählern maschinell erstellte Trending Topics vorzugaukeln oder Unterstützung aus schwierigen Wählerlagern Trumps zu suggerieren. Die Berater Trumps wollen mit den Fake-Accounts ein Gegennarrativ zur konventionellen Berichterstattung etablieren.

Hört sich erst einmal nach einen prima PR- und Werbe-Instrument an.
Gefährlich wird es vor allem dann, wenn die journalistischen Medien darauf einsteigen und diese Stimmungsmache unreflektiert kolportieren. Die Automatisierung darf gerade bei der politischen Willensbildung nicht unterschätzt werden, wir sehen daran nämlich, dass ein Kurznachrichtendienst wie Twitter eigentlich nur ein Verbreitungskanal ist, der – wie andere soziale Plattformen – kinderleicht instrumentalisiert werden kann und deshalb auch keine unabhängigen Quellen ersetzen kann. Die AfD hat von ihrem Vorstoß, Meinungsroboter im Wahlkampf einzusetzen, glücklicherweise wieder Abstand genommen. Ich gehe aber davon aus, dass die Automatisierung politischer Kampagnen uns für die nächsten Wahlen in Deutschland noch beschäftigen wird.

Sind Social-Bots im Wahlkampf also Fluch oder Segen?
Social Bots mögen zwar für Politiker und ihre Wahlberater praktisch sein, aber sie unterminieren die politische Diskursrationalität. Sie sind in letzter Konsequenz ein perfider Demokratiekiller, weil sie eine potenzielle Gefahr für unser gesamtes Wahlsystem darstellen, das auf politischer Interaktion und sozialer Partizipation beruht. Wenn man die schleichende Automatisierung in den sozialen Netzwerken weiterdenkt, bedeutet es, dass die gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildung, aber auch unsere Weltanschauung in den nächsten Jahren ganz wesentlich von dieser Art der Algorithmisierung abhängen könnte. Wir müssen uns als Gesellschaft deshalb fragen: Wollen wir das zulassen? Das größte Problem sehe ich darin, dass sich kaum Transparenz darüber herstellen lässt, welche Urheber hinter den Bots stecken und es unkenntlich ist, von welchen politischen Interessen sie gelenkt werden.

Unabhängig davon behaupten Sie, dass wir im US-Wahlkampf gerade in ein postjournalistischen Zeitalter eintreten. Was heißt das genau?
Den politischen Gegner bis ins Mark zu beleidigen, politische Konversationen zu vereinnahmen und Pseudo-Öffentlichkeiten zu erzeugen – das alles ist längst kein harmloses Spiel mehr. Auch wenn wir in Deutschland den US-Wahlkampf und die Attacken von Donald Trump bisweilen belustigt oder achselzuckend zur Kenntnis nehmen, weil es unsere Vorstellungen übersteigt, dass ein solcher Anti-Demokrat Präsidentschaftskandidat werden konnte, ist die lärmende Rhetorik im Netz brandgefährlich. Das, was bei in den sozialen Medien über den Stream läuft, ist für viele US-Amerikaner, vor allem für junge Erwachsene, die erste und oft leider auch die einzige Informationsquelle.

„US-Wahlkampf ist ein Indikator dafür, dass wir den Eintritt in eine postjournalistische Ära erleben“

Welche Konsequenzen beobachten Sie dadurch?
Facebook und Twitter, YouTube und Snapchat haben den traditionellen Nachrichtenanbietern schon einige Zeit den Rang abgelaufen. Die Performance letzterer in den sozialen Medien ist meist derart unattraktiv für junge Zielgruppen, so dass sie diese nicht mehr erreichen. Ich glaube daher, dass der US-Wahlkampf ein Indikator dafür ist, dass wir dort den Eintritt in eine postjournalistische Ära erleben, in der das, worüber klassische Journalisten berichten und wie sie politische Ereignisse kommentieren, kaum noch Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Hinzu kommt das, was uns Jeff Jarvis vor ein paar Tagen in einem Interview für MEEDIA bestätigt hat: Der US-Journalismus hat während des Wahlkampfes versagt. Viele amerikanische Medien haben es schlicht nicht geschafft, ihrem Publikum die Nöte und Sorgen der Trump-Wählerschaft näher zu bringen. Stattdessen war es einigen Top-Journalisten offenbar wichtiger, ihren Lesern und Zuschauern die eigene Cleverness unter Beweis zu stellen. Jarvis sprach davon, dass sich der Journalismus in eine tiefe existentielle Krise befinde. Ich denke er hat Recht, auch wenn das nicht das Ende des Journalismus oder der Demokratie ist.

Was können die Journalisten und die Medien dagegen unternehmen?
Wir müssen uns nur mehr damit befassen, warum uns Journalisten immer mehr die Deutungshoheit abhanden kommt.

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Wenn der Journalismus, wie Sie sagen, so schnell an Einfluss und Relevanz verliert: Was können die politischen Medien machen, um nicht gänzlich ihre Daseinsberechtigung zu verlieren?
Der Journalismus, nicht nur der amerikanische, hat manchmal ein Problem mit der Augenhöhe. Sich nicht auf die Anliegen der kleinen Leute einzulassen, die Dinge von oben herab zu beschreiben oder sich nur am Rande für die Benachteiligung sozialer Randgruppen zu interessieren, halte ich für einen schwerwiegenden Fehler. Das ist der Grund für den Unmut vieler Bürger, der sich in den Lügenpresse-Skandierungen ausdrückt. Eine Aufgabe von Journalisten sollte nicht nur sein, politische Skandale zu enthüllen und Verfehlungen aufzudecken, sondern durch ihre Berichterstattung die individuellen Lebenschancen der Benachteiligten zu verbessern. Ich glaube, dass Journalisten dieses Ziel in den Zeiten der Medienkrise schlicht vergessen haben. Und davor waren es die fetten Jahre, die einige Kollegen betriebsblind gemacht hat – also die Zeit, die der langgediente Reporter des Spiegel Cordt Schnibben kürzlich als „Verfettung des Journalismus“ beklagt hat. Diese Zeiten sind hoffentlich vorbei. Dass Journalisten heute hin und wieder über ihr Selbstverständnis sprechen, hat so gesehen auch sein Gutes, weil sie gezwungen sind, sich aus ihrer Komfortzone heraus zu bewegen. Immerhin bietet das Netz ihnen alle Möglichkeiten, die Fehler von damals wiedergutzumachen, indem sie den digitalen Dialog mit den Nutzern suchen und eine Community um sich scharen. Viele Redaktionen machen das leider nur halbherzig und verlassen sich darauf, dass die Relevanz ihrer Arbeit gottgegeben ist. Anders jedenfalls lässt sich ihre Ignoranz gegenüber den Nutzern nicht erklären.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien im US-Wahlkampf? Helfen Sie bei der demokratischen Willensbildung oder zeichnen sie stets ein politisch verzerrtes Bild der Wirklichkeit?
Das Risiko, dass unser Bild der Wirklichkeit durch die sozialen Medien verzerrt wird, ist bei Facebook tatsächlich enorm. Dabei geht es nicht nur um den Begriff der postfaktischen Politik, indem Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen einfach behauptet werden und, sobald sie erst einmal im Netz zirkulieren, es eigentlich keine Rolle spielt, ob es sich um Fakten handelt oder nicht. Das eigentliche Dilemma in dieser „Post-Truth-Era“ liegt in der starken Emotionalisierung von Debatten und deren eigentümlicher Diskursverschiebung, die unsere politische Kultur als Ganzes verändern könnte.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?
Ein gutes Beispiel sind die „Reaction-Emoticons“ bei Facebook-Live, mit denen User Zustimmung oder Ablehnung während der TV-Duelle ausdrückten. Ein solches Angebot, mit dem Facebook über seine Live-Funktion immerhin mehrere Millionen Zuschauer erreicht, ist höchst fragwürdig, weil das Austeilen von Herzchen, Daumen-hoch-Symbolen und „Angry Smileys“ für die Facebook-Nutzer vollkommen intransparent und algorithmisiert ist. Es wird wohl auch in Zukunft so sein, dass die sozialen Medien vor allem einer Krawallmache Vorschub leisten und als Sprachrohr von Populisten wie Donald Trump oder der AfD missbraucht werden, um den Verlauf politischer Prozesse nach ihrem Ermessen zu polarisieren. Dieses Guerilla-Marketing werden wir vermutlich auch bei den bevorstehenden Kampagnen in Deutschland und auf Europaebene erleben. Es muss daher klar sein, dass wenn der politische Betrieb vollständig auf Autopilot geschaltet ist, uns ein Stück Autonomie verloren gehen wird.

Das Thema wird auch beim Vocer Innovation Day am 19.11. beim Spiegel Verlag in Hamburg zur Sprache kommen. Wird Facebook den Journalismus verändern oder hat Facebook den Journalismus schon verändert?
In Experimenten hat man gezeigt, dass der Facebook-Feed politisch manipulativ eingesetzt werden und die Einstellungen großer Gruppen prägen kann. Das können Konsumenten sein, aber eben auch Wählerkohorten, deren politische Haltung in die eine oder die andere Richtung beeinflusst wird. Einzelne Posts nach Vorlieben zu sortieren und unliebsame Meinungen auszufiltern, sind solche Techniken, die man dem amerikanischen Technologiekonzern durchaus vorwerfen kann. Auch wenn sich nicht bestätigt hat, dass einige Facebook-Mitarbeiter implizit aufgefordert wurden, konservative Meinungen zu unterdrücken, wirft es letztlich doch die Frage auf, ob und wie wir als Gesellschaft die Kontrolle über unsere Daten zurückgewinnen und uns nicht den Algorithmen gewinnorientierter Unternehmen ausliefern. Ich finde, dass der Journalismus einen wesentlichen Anteil daran hat, diese Frage zu beantworten.

Sie kommen gerade aus New York, wo sie wieder die neuen News-Startups wie Vox Media oder Buzzfeed besucht haben. Diese setzten massiv auf Facebook. Produzieren diese überhaupt noch guten Journalismus im klassischen Sinne?
Man kann ja sagen oder denken über Buzzfeed, Vice, Vox & Co., was man will. Aber es ist unbestritten, dass diese Unternehmen erstens ein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden haben und zweitens sehr genau wissen, wie sie die Millennial-Generation ansprechen, und das tun sie größtenteils über Facebook, Snapchat, YouTube, WeChat & Co. Wenn man bedenkt, dass es Buzzfeed seit 2006 gibt und Vice schon seit 1994 sind das ja keine Newcomer mehr. Ihre Redaktionen waren offenkundig experimentierfreudiger, wandlungsbereiter und weniger innovationsresistent als viele andere, weshalb die New York Times, die Washington Post und andere Flaggschiffe des US-Journalismus noch immer ganz neidisch auf deren Nutzerzahlen, aber auch deren journalistische Anhänge schauen. Ich finde es ehrlich gesagt überholt, in den Kategorien klassischer bzw. analoger und digitaler Journalismus zu denken. Es muss uns als Medienbranche insgesamt doch darum gehen, gute Geschichten anzubieten, die möglichst viele Nutzer erreichen und darüber hinaus ein Modell zu finden, das den Journalismus, der uns wichtig ist, finanzieren kann. Um nichts Anderes geht es.
Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Studiengang Digital Journalism an der Hamburg Media School und lehrt als Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Macromedia, University of Applied Sciences, in Hamburg mit den Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten digitaler Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit sowie Innovationskultur in Journalismus und Medien. 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Demokratie ist es, das Volk so in die Hölle zu schicken das es sich auf die Reise freut und mit begeisterung selbst finanziert. ??

    Demokratie:

    1. die Regierungsform, bei der eine gewählte Volksvertretung die Politische Macht ausübt.

    Hier stellt sich die Frage, welches Volk. Das eigene wohl kaum. ?

    2. Land im Demokratie (1.) als Staatsform.

    Hier stellt sich die Frage, wann man in dieser Form die ersten Schritte unternehmen möchte. Bisher ist nichts davon zu sehen.

    3. das Prinzip, Entscheidungen durch die Mehrheit treffen zu lassen.

    Volksentscheid in Deutschland??? ??
    Bisher undenkbar….

    Meines erachtens ist dies arglistige Täuschung, vortäuschung falscher Tatsachen, und Verrat des Geleisteten Eides der Kanzlerschaft.
    Von einem Verstoss gegen das Völkerrecht.

    Das dies nicht bestraft wird, zeugt von enormer Korruption innerhalb des Staates.

    Ergo: mit Demokratie zu werben halt ich daher für unangebracht.

    ( wenn ich einen Fernseher kaufe, erwarte ich schliesslich auch einen Fernseher. Aber da ich ja meinen Verkäufer selbst ausgewählt habe….. muss ich eben mit einer Microwelle leben wenn dieser meint sie sei besser für mich)

    ??

    ja nee is klar.

    Liebe Grüsse

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