Socrates: Türkischer Verlag startet „denkendes Sportmagazin“ jetzt auch in Deutschland

Fatih Demireli ist Chefredakteur der deutschen Socrates. Der Verlag sitzt in Berlin, aber die fünfköpfige Redaktion in München
Fatih Demireli ist Chefredakteur der deutschen Socrates. Der Verlag sitzt in Berlin, aber die fünfköpfige Redaktion in München

Es gibt sie noch, die ungewöhnlichen Print-Geschichten: In der Türkei wollte ein Verlag ein Buch über Sport und Philosophie machen und herauskam das monatliches Magazin Socrates, dass sich schnell zu einer Erfolgsgeschichte entwickelte. Jetzt kommt das Heft nach Deutschland und der Chefredakteur Fatih Demireli erklärt im MEEDIA-Interview, warum er auch hierzulande an das Konzept glaubt.

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Wie muss man sich ein Magazin über Fußball und Philosophie vorstellen? Verraten Sie uns, was wir im ersten Heft lesen?
Ganz wichtig: Socrates ist kein Fußball-Magazin, sondern ein Sportmagazin. Der Fußball findet – wie das Cover mit Jürgen Klopp schon zeigt – natürlich seinen Platz, aber Basketball, Baseball, Handball, Golf, Leichtathletik oder Tennis sind für uns gleichermaßen interessant. Ebenso wichtig ist, dass sich im gesamten Heft keine Geschichte findet, die aufgrund der Aktualität ausgewählt wurde. Jede der Geschichten ist heute genauso aktuell wie in einem Monat. So haben wir mit Hoffenheims Julian Nagelsmann über seine Anfänge als Trainer gesprochen, über den Tod seines Vaters, bieten aber auch Platz für eine Story über die Jatanugarn-Schwestern aus Thailand. Eine sehr interessante Geschichte aus dem Damen-Golf. Wir wollen auch Sportlern die Chance geben, ihre Gedanken und Erfahrungen aus erster Hand weiterzugeben. So sind Bundesliga-Spieler Nuri Sahin oder Ex-Bundesliga-Spieler Andreas Görlitz ständige Gast-Autoren. Letzterer schreibt über seine neue Welt, die Musik.

Das Magazin kommt aus der Türkei. Gerade einmal vor 19 Monaten kam dort die erste Ausgabe auf den Markt. Erzählen Sie doch einmal die Geschichte des Heftes.
Socrates gehört zum Literatur-Verlag Can Yayinlari, dem größten Verlag der Türkei. Verleger Can Öz war lange der Meinung, dass man auch dem Sport einen Platz geben musste und kontaktierte vor rund zwei Jahren Bagis Erten, der seines Zeichens ein renommierter Sportjournalist ist. Eigentlich sollte Erten ein Buch schreiben, kam dann aber mit der Idee eines Magazins, das nicht auf die Aktualität achtet, sondern auf die Geschichte. Die Idee wurde extern kritisch beäugt, weil der türkische Printmarkt schwieriger ist als in Deutschland, aber Socrates wurde zum Riesenerfolg und ist heute das größte Sportmagazin der Türkei. Die Idee der Expansion ins Ausland gibt es länger. Man sondierte auch die Märkte in Großbritannien oder Spanien, aber der erste Schritt erfolgte nun im deutschsprachigen Raum. Aber die Pläne für die genannten Gebiete liegen in der Schublade griffbereit.

Die Idee kommt also aus der Türkei, der Verlag sitzt laut Impressum in Berlin. Wo sitzt die Redaktion?
Socrates hat seinen Hauptsitz in Istanbul, der neu gegründete Democracia Verlag befindet sich in Berlin, die deutsche Redaktion wird in München etabliert. Durch die verschiedenen Standorte erhoffen wir uns Flexibilität.

Das Konzept hört sich schon einmal sehr ambitioniert an. Wen sehen Sie als Konkurrenten?
Viele sehen 11 Freunde als Konkurrent für Socrates. Dazu muss gesagt werden, dass 11 Freunde einst eine der Inspirationen für die Gründung von Socrates in der Türkei war. Ich selbst bin immer noch reger Leser von 11 Freunde. Aufgrund des Formats und der monatlichen Erscheinungsweise gibt es sicher Parallelen, aber da Socrates ein Sportmagazin ist und 11 Freunde ein Fußball-Magazin, sind wir keine direkten Konkurrenten. Zusammen mit No Sports dagegen vielleicht schon, aber wir leben gerne zusammen auf diesem Planeten, zumal die Gründung von No Sports gezeigt hat, dass der Markt durchaus Bedarf hatte für ein Sportmagazin, das sich nicht nur über den Fußball definiert.

Reden wir über Zahlen und Ziele: Wie viele Hefte wollen sie mittelfristig verkaufen, wer ist die Zielgruppe?
Wir backen kleine Brötchen und fahren damit auch gut. Es gibt keinen Anzeigen- oder Auflagendruck, aber dass nach den ersten Prognosen in der Entwicklungsphase der 1. Ausgabe uns nahegelegt wurde, die Auflage zu erhöhen, hat uns dann doch Mut gemacht, dass wir einen Platz im deutschsprachigen Raum finden. Die Zielgruppe? Wir haben in der Türkei die Menschen erreicht, die Sport und Kultur in Verbindung sehen. Wir glauben, dass wir genau diese Menschen auch hier finden. Daher ist unsere Zielgruppe jeder Sportbegeisterte, der sich nicht für das Ergebnis interessiert, sondern für die Story dahinter. Wir glauben an den Slow Journalism und leben ihn auch.

Welcher Spieler bzw. Trainer hat Ihrer Meinung nach das größte philosophische Potential?
Da gibt es viele Kandidaten, aber unser Namensgeber ist das beste Beispiel. Der 2011 verstorbene Fußballspieler Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, der sich im Rahmen der Demokratiebewegung in Brasilien politisch sehr engagierte und auch im Fußball basisdemokratische Strukturen durchsetzte, verkörpert die Seele unseres Magazins ganz besonders. Auch der Philosoph Socrates, nach dem der Fußballer auch benannt worden ist, beeinflusst das Magazin. Sie werden beim Lesen viele philosophische Ansätze finden.

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Alle Kommentare

  1. Entschuldigung. Das erste Posting oder den Anfang vom zweiten Posting gerne&bitte löschen falls möglich.
    Nur am Ende der „Nachtrag:…“ sollten sich die beiden Postings unterscheiden.

  2. Readers Digest gibts ja auch und das sind wohl auch Geschichten die eher nicht zu einem Datum gehören sondern verfalls-frei immer gelesen werden können.

    Diese Crime-Zeitschrift gehört vielleicht auch zu diesem Konzept auch wenn ich nicht weiss, ob es echte oder fiktive Fälle sind: Man will was spannendes lesen und dort findet man es. Vergleichbar jetzt für Sport.

    Schön das solche Nischen doch hin und wieder noch gefunden werden.

    In Italien gibts evtl fast nur Sport-Tages-Zeitungen weil es keine/kaum Zustelldienste gibt oder gab um Abo-Zeitungen aufzubauen.
    Von daher wäre interessant wie der Markt der Türkei aussieht.

    Habe ich es überlesen oder fehlt Häufigkeit, Auflage-Höhe und Preis für hier und dort ?

    Bei „immerwährenden“ Geschichten wäre natürlich online-Zugriff oder Einzelkauf z.b. 10 Golf-Geschichten oder 10 Tennis-Artikel auch ganz interessant.
    Weil es (dank rot-grüner Internet-Neuer-Markt-Politik aber schwarz-gelb war ja auch nicht besser) immer noch kein/kaum MicroPayment gibt, haben solche Ideen natürlich ein Problem wenn man die hohen Gebühren (20Cent+1%..3% oft wohl bei Kreditkarten oder fast allen Payment-Diensten welche laut CNBC-Interview oft nur die Kreditkarten-Gebühren weitergeben) hat.

    Nachtrag: Der Artikel von heute über Geo passt auch gut dazu, weil dort ja beschrieben wird, das man Artikel über einen längeren Zeitraum vermarktet um die Kosten hereinzuholen.

  3. Readers Digest gibts ja auch und das sind wohl auch Geschichten die eher nicht zu einem Datum gehören sondern verfalls-frei immer gelesen werden können.

    Diese Crime-Zeitschrift gehört vielleicht auch zu diesem Konzept auch wenn ich nicht weiss, ob es echte oder fiktive Fälle sind: Man will was spannendes lesen und dort findet man es. Vergleichbar jetzt für Sport.

    Schön das solche Nischen doch hin und wieder noch gefunden werden.

    In Italien gibts evtl fast nur Sport-Tages-Zeitungen weil es keine/kaum Zustelldienste gibt oder gab um Abo-Zeitungen aufzubauen.
    Von daher wäre interessant wie der Markt der Türkei aussieht.

    Habe ich es überlesen oder fehlt Häufigkeit, Auflage-Höhe und Preis für hier und dort ?

    Bei „immerwährenden“ Geschichten wäre natürlich online-Zugriff oder Einzelkauf z.b. 10 Golf-Geschichten oder 10 Tennis-Artikel auch ganz interessant.
    Weil es (dank rot-grüner Internet-Neuer-Markt-Politik aber schwarz-gelb war ja auch nicht besser) immer noch kein/kaum MicroPayment gibt, haben solche Ideen natürlich ein Problem wenn man die hohen Gebühren (20Cent+1%..3% oft wohl bei Kreditkarten oder fast allen Payment-Diensten welche laut CNBC-Interview oft nur die Kreditkarten-Gebühren weitergeben) hat.

  4. Ist man dort auch schon von Erdogahn „gesäubert“ worden und die Inhalte mit der Religionsbehörde abgestimmt?

    1. Ganz abgesehen davon das du „Erdogan“ falsch schreibst,
      hast du in deinem Text keinen Komma drin. Mach dir jetzt
      ein paar Minuten Gedanken über dein Leben..
      LG dein türkischer Deutschlehrer.

      1. Keinen Komma? Der Komma, das Komma, Komma ist für alle da! Auch für türkische Deutschlerner.

      2. Der Unterschied zwischen einem Vertipper und einem Troll ist Ihnen, drogenfahnder, aber schon geläufig, oder?

    2. Glaube kaum, dass ein philosophisches Sportmagazin so schnell auf den Index von Erdogan gerät – es sei denn, die philosopierenden Sportler beschäftigen sich allzu sehr mit dem aktuellen politischen Zeitgeschehen in der Türkei.
      Schön auf jeden Fall, dass es aus der Türkei auch mal einen solch geistreichen Export gibt, ich gönne ihm den Erfolg auch bei uns (falls das Heft wirklich gut gemacht ist).

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