Kolumbus und Kassandra im Digitalzeitalter: Hubert Burdas Bilanz als Verleger-Präsident

Zieht sich nach 20 Jahren als VDZ-Präsident zurück: Hubert Burda
Zieht sich nach 20 Jahren als VDZ-Präsident zurück: Hubert Burda

Kaum eine Branche kämpfte in den vergangenen Jahren derart mit den Herausforderungen der Digitalisierung und dem Wandel der Konsumenten-Interessen wie die Medien. Hubert Burda war von diesem stürmischen Zeiten gleich doppelt betroffen - als Verleger wie über zwei Jahrzehnte als prägende Figur des einflussreichen Branchen-Verbandes VDZ. Letzteres Amt wird er nun abgeben. Ein Rück- und Ausblick.

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Während die meisten heimischen Zeitschriften- und Zeitungsmacher die Anfänge im Silicon Valley ignorierten und sich praktisch unangreifbar wähnten, hatte der inzwischen 76-Jährige schnell erkannt: Was sich dort entwickelt, kann unser Leben grundlegend verändern und, mehr noch, auch das Geschäfsmodell der Verlagswelt auf den Kopf stellen. Schon 1999 pflegte er enge Kontakte zu den Google-Gründern Larry Page und Sergej Brin.

Als dann die deutschen Medien nach dem Debakel  der New Economy katastrophale Anzeigeneinbrüche verkraften mussten  und noch damit beschäftigt waren, ihre Wunden zu lecken, handelte Burda erneut anti-zyklisch. Entgegen dem damaligen Verlagstrend zur digitalen Zurückhaltung durchforstete der Münchner längst wieder das Silicon Valley und traf die neuen Helden des Web2.0, wie den jungen Mark Zuckerberg. Burda ließ sich von den Tech- und Software-Shootingstars inspirieren und holte sie auch nach Deutschland, wie bereits in den 80er-Jahren den Kunstvisionär Andy Wahrhol.

Der Mann aus der damals so innovationsresistenten Verlagsszene sorgte auch dafür, dass Deutschland ins Sichtfeld der Entrepreneure in den USA rückte: 2005 legte er die digitale Zeitgeist-Konferenz DLD auf, die sich binnen kürzester Zeit zum Magneten des Who-is-Who der internationalen Tech-Branche entwickelte – lange bevor andere Verlage den unschätzbaren Wert einer Lehrzeit im Silicon Valley realisieren sollten.

Beim DLD trafen viele der später gefeierten US-Gründer einer neuen Medien-Ära erstmals auf die eher konservative Medienelite Deutschlands. Es gehört zu einer lieb gewonnenen Tradition, dass sich Burda direkt im Anschluss an den Mega-Event in München mit seiner Entourage auf den Weg nach Davos zum Weltwirtschaftsforum macht.

Der Brückenschlag zwischen diesen beiden Top-Events des Wirtschaftslebens zeigt, wie der Verleger und Kunstkenner tickt. Er ist ein passionierter Netzwerker, der es versteht, das Neue mit dem Alten zu verbinden. Nicht von ungefähr gewann der VDZ in den vergangenen Jahren vor allem auf dem politischen Parkett immer mehr an Gewicht. Je stärker sich die EU-Politik mit den großen US-Unternehmen und ihrem Einfluss auf die europäischen Gesellschaften und Märkte beschäftigte, um so mehr konnte Burda die Agenda im Sinne im der Verlage mitbestimmen. Es zahlte sich dabei aus, dass der Verleger dem Digitalen gegenüber immer aufgeschlossen, aber nie naiv war. Sind sie nun Freund oder Feind, hatte er sich mit Blick auf den Siegeszug von Google oft gefragt, obwohl die Gründer doch gute Bekannte waren. Sein Begriff des „Frienemy“ war schnell eine feste Branchenvokabel. In der aufkommenden neuen Medienwelt war Burda Kolumbus und Kassandra in einer Person.

Zu seinen Erfolgen als VDZ-Präsident gehört es sicherlich, dass es gelang, die drängenden Fragen der europäischen Medien- und Digitalindustrie auf die Agenda in Brüssel und Berlin zu setzen. Das Privileg seines Reichtums und Einflusses als Verlegersohn hatte Hubert Burda schon in Studienjahren genutzt, um internationale Kontakte zu knüpfen und so der engen Weltsicht vieler regional-orientierter Verleger im eigenen Land zu entgehen. Zudem zeichnete ihn ein untrügerisches Gespür für die Gefahren wie Chancen aus, die die Medienindustrie der Zukunft prägen würden. Burda analysierte aber nicht nur, sondern handelte auch, wenn er seine Branche unter Druck sah.

Bereits bei seinem Amtsantritt im Jahr 1997 kämpfte der Münchner gegen Werbeverbote und eine schrankenlose Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die vergangen Jahre waren dagegen geprägt von dem Bestreben, dass sich die US-Tech-Riesen denselben Regeln und Steuergesetzen unterwerfen müssen wie die Player in Deutschland und der EU. Mit großem Wohlwollen dürfte der 76-Jährige sehen, dass kurz vor dem Ende seiner Amtszeit auch noch ein europaweites Leistungsschutzrecht auf den Weg gebracht wurde.

Allerdings konnte auch Burda die einbrechenden Auflagen und Anzeigen-Erlöse im Zeitschriftensegment nicht stoppen und auch das Leistungsschutzrecht ist – zumindest in Deutschland – noch weit davon entfernt, eine Erfolgsgeschichte zu sein. Zudem produzierte auch er während und nach der New-Economy-Blase so manchen Digital-Flop. Wettbewerber belächelten gern, dass die Digital-Investitionen der Burda-Gruppe in der Folge oft medienfernen Bereichen galten – etwa einem Partnerschaftsbörse, einem Tierfutter-Versender oder einem Hotelbewertungsportal. Sie verkannten dabei, dass Burda vor vielen anderen auch die journalistischen Geschäftsmodelle im Web versucht und erprobt hatte. Als einer der wenigen Topverleger war er selbst auch erfolgreicher Blattmacher und Blattentwickler gewesen und hatte die Bunte als Societymagazin neu erfunden. Burda hatte stets einen journalistischen Anspruch, es ging ihm – wie jedem echtem Verleger – nicht nur darum, ein gutes Geschäft zu machen. Aber er wusste auch: Qualität kostet. Sein provokanter Ausruf beim DLD, mit Werbung im Netz ließen sich für Verlage nur „lousy Pennys“ verdienen, ist legendär. Bis heute ist die Branche auf der Suche nach einem allgemein funktionierenden Finanzierungsmodell für den News-Content.

Dass die Verlagswelt trotz aller Bewährungsproben und Irrwege heute dennoch auf guten Weg ist, sich in der digitalen Welt zu behaupten, ist auch sein Verdienst. Mit großem Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit schreibt Burda in seinem Abschiedsbrief an die Delegierten des Verbandes der deutschen Zeitschriften, dass der VDZ so gut wie nie aufgestellt sei: „Er wirkt mit großer Nachhaltigkeit und erfolgreich sowohl in Berlin als auch in Brüssel, wir haben gerade in diesem Jahr politisch enorm viel erreicht.“

Weiter schreibt er: „In Zeiten enormer Umbrüche im Zuge der digitalen Revolution ist es uns gelungen, den VDZ zu einem der besten Verbände Deutschlands zu machen – kraftvoll in seinen Netzwerken, wirksam in der Kommunikation nach außen wie nach innen und mit einer Strahlkraft, die weit über die Verlagswelt hinausreicht.“

Das sehen seine Präsidiumskollegen offenbar ähnlich. So dankte der Verband seinem scheidenden Präsidenten in einer ersten Stellungnahme für seine „herausragenden Leistungen und Verdienste für die gesamte Branche“. Er hätte die positive Entwicklung des VDZ maßgeblich gestaltet. „Als Verleger ist er ein Musterbeispiel dafür, wie ein Unternehmer in der zunehmend digitalisierten Verlagswelt agieren kann“, so Vizepräsident Rudolf Thiemann. Burda stehe exemplarisch für die Leidenschaft der deutschen Zeitschriftenverleger. Er habe nie nachgelassen, die Bedeutung des Magazinjournalismus in der Gesellschaft zu betonen.

In der Frage, wie Verlage Print und online konstruktiv verbinden und voranbringen können war Burda stets Visionär. Zugute kam dabei sein Studium der Kunstgeschichte sowie sein immerwärendes Interesse an zeitgeschichtlichen Zusammenhängen. So regte der Verleger das Gleichnis von den Kutschunternehmern, die sich plötzlich gezwungen sehen, auch die Seefahrt zu beherrschen. Hubert Burda ist überzeugt, dass trotz der riesigen Ozeane, die das Internet geschaffen hat, die Landwege nicht verschwinden. Es geht also beides – eine Co-Existenz ist möglich – genau diesen Weg beschreiten nun die allermeisten Medienhäuser.

Zwar betont der 76-Jährige, dass er in seiner Rolle als Verleger die Zukunft weiter tätig sein werde. „Ich bleibe Teil unserer großartigen Branche, an deren Zukunft ich weiter aktiv arbeiten werde.“

Dennoch ist es sicher ein Verlust, wenn einer wie Hubert Burda nun erkennbar kürzer tritt und sich auf Raten zurückzieht. Verlegerpersönlichkeiten wie er, die die Mediengeschichte über Jahrzehnte mitgeschrieben haben, lassen sich nicht einfach kopieren. Immerhin steht mit Stefan Holthoff-Pförtner ein Nachfolger als VDZ-Präsident parat, der nun in die übergroßen Fußstapfen seines Vorgängers treten wird.

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Alle Kommentare

  1. „Burda stehe exemplarisch für die Leidenschaft der deutschen Zeitschriftenverleger. Er habe nie nachgelassen, die Bedeutung des Magazinjournalismus in der Gesellschaft zu betonen.“
    >>> Er mag das ja betont haben, aber gehandelt hat er nicht so – siehe die neuesten Redaktions-Schließungen im eigenen Haus…

    „In der Frage, wie Verlage Print und online konstruktiv verbinden und voranbringen können war Burda stets Visionär.“
    >>> Ja, aber seiner DONNA hat er noch nicht mal eine eigene Homepage gegönnt – vielleicht auch ein Grund für den plötzlichen „Ausverkauf“ der Redaktionsmitglieder. Und huch, kurz vor der Umsiedelung gibt es plötzlich eine…

  2. Drei Rechtschreibfehler, die einem regelrecht ins Auge springen… Diesen Text zu lesen ist eine immerwärende Bewehrungsprobe. Da kommt man ganz aus dem tritt.

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