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„Lobby Hetzschreiberinnen“ im Fall Kachelmann: Thomas Fischers Abrechnung mit Alice Schwarzers Emma

„Wahrhaft erbärmliches Geschäft“: Thomas Fischer nimmt sich die Emma zur Brust
"Wahrhaft erbärmliches Geschäft": Thomas Fischer nimmt sich die Emma zur Brust

Der streitbare Bundesrichter Thomas Fischer nimmt sich in seiner aktuellen Kolumne bei Zeit Online die Kommentierung von Alice Schwarzers Zeitschrift Emma zum jüngsten Kachelmann-Urteil zur Brust. Als „medientheoretische Fachausdrücke“ für die „Emma-Sprech“ schlägt Fischer „kontrafaktische Infamie" oder „unbelehrbare Hetze" vor. Der Bundesrichter ist in Fahrt.

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Zum Hintergrund: Das Oberlandesgericht Frankfurt hatte Jörg Kachelmanns Ex-Geliebte zur Zahlung von rund 7.000 Euro Schadensersatz verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Claudia Dinkel die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Kachelmann „mit krimineller Energie“ frei erfunden habe. Kachelmann war in einem Prozess vor dem Mannheimer Landgericht wegen Mangels an Beweisen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. In der Emma kommentierte Chantal Louis das jüngste Urteil u.a. folgendermaßen:

Dieses Urteil ist nicht nur für Claudia D. eine schwere Niederlage. Es ist auch eine Katastrophe für alle tatsächlichen Opfer einer Sexualstraftat, bei denen der oder die Täter am Ende nicht verurteilt werden. Und das passiert in den meisten Fällen: Nur jede zehnte Anzeige wegen Vergewaltigung endet mit einer Verurteilung des Angeklagten. So hat es das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ermittelt und beklagt eine „besorgniserregende Entwicklung“.

(…)

Nur jede zwölfte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung wird überhaupt angezeigt. Nach diesem Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt dürften die Opfer von Vergewaltigungen nun noch seltener zur Polizei gehen, denn: „Über allen Opfern schwebt jetzt ein Damoklesschwert“, sagt auch Anwalt Zipper. „Denn das Signal dieses Urteils an die Opfer lautet: Wenn du anzeigst und der Täter wird nicht verurteilt, musst du damit rechnen, selbst vor Gericht gestellt zu werden und hohe Kosten zu haben. – Das darf so nicht stehenbleiben!“

Fischer bezeichnet die Emma-Autorin und andere, die ähnlich argumentierten, in seiner Kolumne als „Lobby-Hetzschreiberinnen“. Trotz der Rechtskraft zweier unterschiedlicher Gerichte gehe „die Hetze für das eigene Interesse, die eigene Bedeutsamkeit, die höchstpersönliche Besserwisserei einfach weiter“.

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Die Emma-Analyse erscheine „als Ausdruck eines geschlossenen Wahnsystems“. Einmal in Fahrt, ist Fischer nicht zu stoppen:

Auf medienpolitischer Ebene scheint es mir ein wahrhaft erbärmliches Geschäft, nicht mit einem, sondern mit beiden Beinen tief im Sumpf und in den Argumentationsfiguren eines totalitären, antidemokratischen Denkens steckend, das immerzu „entlarvt“, wie verrottet alles wohl sein muss, zu dessen Verständnis einem selbst Wille, Intellekt und mindestens Kenntnis fehlen. Teile der ehemals emanzipatorischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte haben sich in derart autoritärer, fanatischer und hermetischer Weise in die Bilder ihres ewigen kleinbürgerlich-beschränkten Zukurzgekommenseins hinein verloren, dass sie schon um der eigenen ökonomischen Existenz willen gar nicht mehr davon ablassen können. Es gibt weder Grund noch Zweck, das aus purer Sentimentalität zu verschweigen.

Und am Ende dieses Aspekts gibt es dann noch einen Schlenker zu einem weiteren Lieblingsthema Fischers: dem reformierten Sexualstrafrecht, das auch die sexuell motivierte Berührung einer anderen Person „unter Ausnutzung eines Überraschungsmoments“ unter Strafe stellt. Als Beispiel führt Fischer das „klassische Hinterntätscheln“ an, das künftig mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden könne. Sollte der Täter ein Taschenmesser in der Tasche haben, drohe gar eine Mindeststrafe von drei Jahren und eine Höchststrafe von 15 Jahren. 15 Jahre fürs Hinterntätscheln – da geht Fischer das Messer in der Tasche auf.

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Alle Kommentare

  1. Wenn tatsächlich nur 1 von 10 Vergewaltigungs-Anzeigen mit einer Verurteilung endet, wäre das Grund sich zu echauffieren. Es erfinden nicht 9 von 10 Frauen eine Vergewaltigung. Das Strafrecht aus dem 19. Jahrhundert beruht aber immer noch auf der Annahme, Gewalt gegen Personen sei eine Sache der Unterschicht. Was kümmert’s also die Besseresser?

    Der Herr Richter aus dem 19. Jahrhundert präferiert daher eine generelle Suada gegen den Irrweg des Feminismus. So unmöglich ich Frau Schwarzer manches Mal schon gefunden habe, hier argumentiert die Emma sachbezogen und der Richter entwarf seine Suada eher nachts um halb eins am weinseligen Stammtisch.

    Der Herr Richter – der von Berufs wegen gewohnt ist, Recht zu haben, äh, zu sprechen – wirft auch noch seine altphilologische Besserwisserei in den Ring; wäre doch gelacht, könnte man nicht auf auf dieser Ebene seine Überlegenheit demonstrieren. Dass solche Artikel in der ZEIT erscheinen, muss einen nicht wundern. Im Rahmen des Pluralismus ist Vieles erlaubt. Zu Recht. Für besonderen Geschmack oder Gespür für Notwendigkeiten der heutigen Zeit spricht solche Textgeschwulst des Herrn Fischer allerdings nicht. Aber wo sonst als im Altherrenblättchen Deutschlands wäre dieses passender?

    Der Vorwurf der Verschwörungstheorie darf heutzutage in keinem Portfolio mehr fehlen, so konstruiert Fischer kurzerhand eine solche; semantische Spielereien, bei denen man glauben könnte, er werde nach Zeilenhonorar entlohnt und müsse sich die nächste Knackwurst noch erdichten.

    Mag eine Frau Schwarzer mir krumm nehmen, dass ich sie Armleuchter nenne, obwohl sie doch eine Armleuchterin sei, aber der Schutz von Frauen sollte Männern – oh Gott, was bin ich ungegendert – ein höchstes Gut sein. Wenn nun das „klassische Hintertätscheln“ (so nennt der alte Mann – ich darf das sagen, bin selber einer) strafbar wird, wo soll er dann mit seinen Wurstfingern denn zukünftig hin, wenn’s beim Anblick der jungen Referendarin zuckt und ruckt in den Gliedern und es nicht bloß die Arthritis ist? Warten wir auf seinen nächsten Schreibanfall, in dem er uns dann hoffentlich erklärt, ob Fummeln an fremden Frauenkörpern nur Akzidens oder gleich Essenz des Mannes an und für sich ist.

    1. „Der Vorwurf der Verschwörungstheorie darf heutzutage in keinem Portfolio mehr fehlen, so konstruiert Fischer kurzerhand eine solche; semantische Spielereien, bei denen man glauben könnte, er werde nach Zeilenhonorar entlohnt und müsse sich die nächste Knackwurst noch erdichten.“

      „Warten wir auf seinen nächsten Schreibanfall, in dem er uns dann hoffentlich erklärt, ob Fummeln an fremden Frauenkörpern nur Akzidens oder gleich Essenz des Mannes an und für sich ist.“

      Köstlich :-). Sie wären ganz offenbar ein würdiger Gegner unseres werten Herrn Fischer.

      1. In der Tat!

        Erfinden 9 von 10 Frauen eine „Vergewaltigung“, um Männer in bösartiger Weise zu verleumden, erpressen und gesellschaftlich zu vernichten???

        Das wäre in der Tat ein Skandal und sollte von der „Wahrheitspresse“ unbedingt journalistisch aufarbeitet werden… ich kann den nächsten „Spiegel“ schon vor mir sehen:

        „Die Vergewaltigungslüge“
        „Frauen gegen Männer, woher kommt nur dieser Hass?“

  2. Da sieht der publikumswirksame Chef-Lobbyist Fischer wohl für seine Klientel in der Richterrepublik eine Gefahr durch Emma. Unverschämt und ein Hetzer, wer mittels unbequemen Fakten die Daseinsberechtigung seiner Standeskollegen und deren Finanzierungsmodell in Frage stellt. Einem Richter und seinem Richterspruch ist schließlich von Natur aus unbedingten Gehorsam zu leisten. Diese Tendenz passt aber zu einer Pöbelgesellschaft, deren wesensbestimmendes Merkmal das hysterische Geplärre und die Verunglimpfung des Andersdenkenden ist. Dem kann sich offensichtlich auch ein Herr Fischer nicht entziehen.

  3. es gab in der deutschen nachkriegsgeschichte einen punkt, an dem ausgefochten wurde, wer in den köpfen emanzipierter frauen „regiert“: dummerweise hat die falsche gewonnen

    mit dem, was danach folgte, müssen wir zurecht kommen: ein besserwisserisches BDJM-mädel, die „damals“ auch was geworden wäre mit ihrem typisch deutschen fanatismus, geht uns noch heute auf den wecker.

    1. Oh ja, es wäre natürlich wesentlich besser gewesen, wenn Frau Vilar mit so unglaublichen Blüten wie „Ein Mädchen hat mit 12 ihren letzten vernünftigen Gedanken“ oder „Aber die Männer sind stark, intelligent, phantasievoll, die Frauen schwach, dumm und phantasielos.“ oder „Die wüsten Schreie, die häufig durch die Türen der Entbindungszimmer zu ihnen dringen, lassen sich am besten durch fehlenden Stolz und mangelnde Selbstbeherrschung erklären“ oder „daß an den Frauen, außer einer Vagina, zwei Brüsten und ein paar Lochkarten mit dummen, stereotypen Redensarten, nichts, aber auch wirklich nichts ist? Daß sie Konglomerate von Materie sind, Klumpen ausgestopfter Menschenhaut, die vorgeben, denkende Wesen zu sein?“ in den Köpfen „deutscher Frauen regieren“ würde.

      Selbstverständlich. Das wäre erstrebenswert, nicht wahr? In Ihrer Welt.

      1. zeit und raum.

        ich sehe mir so an, wofür sich esther vilar so interessiert hat und stelle fest, daß sie offensichtlich mehr als nur ein thema hatte. rosinenpickerei ist da nutzlos: damals eine person, die sich das recht herausnahm „ihren mond“ für sich zu beanspruchen … auf der anderen seite das produkt deutscher erziehung, die gerne blockwart gespielt hätte.

        das gespräch spricht für sich.

        fand ich btw. schon damals …

      2. Interessiert mich, ob Sie es auch als „Rosinenpickerei“ bezeichnen, wenn Männer sich die schlimmsten Zitate von Feministinnen zu Herzen nehmen. Aber klar, bei Esther Vilar ist es natürlich völlig verzeihbar, wenn sie Frauen als „Klumpen ausgestopfter Menschenhaut“ und „Lochkarten“ bezeichnet. Würde gerne Ihren (und Frau Vilars) Aufschrei hören, wenn Männer so benannt würden.

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