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„Ich muss nicht mit jedem Gast in den Urlaub fahren, ich will eine spannende Sendung machen“

„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg, umstrittener ARD-Film „Terror“ über Selbstjustiz: „Die Welt wird nach diesem Stück nicht untergehen“
"Hart aber fair"-Moderator Frank Plasberg, umstrittener ARD-Film "Terror" über Selbstjustiz: "Die Welt wird nach diesem Stück nicht untergehen"

Schuldig oder nicht? In "Terror – Ihr Urteil" (17. Oktober, ARD) sollen die Zuschauer im Fall einer Selbstjustiz entscheiden – der Kampfpilot Lars Koch hat eigenmächtig einen Passagierjet abgeschossen, den Terroristen auf in ein Fußballstadion lenken wollten: Nach dem auf einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach basierenden Film diskutiert Frank Plasberg das Zuschauer-Votum in seiner Sendung „hart aber fair". MEEDIA sprach mit ihm.

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Soll man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Durfte der Jagdflieger Lars Koch (gespielt von Florian David Fitz) ein Passagierflugzeug abschießen, um zu verhindern, dass ein Terrorist die Maschine auf ein vollbesetztes Fußballstadion stürzen lässt? Gibt es auf diese Fragen überhaupt eine Antwort? Muss es. Und die Qual der Wahl liegt beim Zuschauer.

In „Terror – Ihr Urteil“ (ARD, 17.10., 20.15 Uhr) verhandelt das TV-Publikum den Fall in der Strafkammer des Schwurgerichts mit – und stimmt im Anschluss an die Schlussplädoyers der Staatsanwältin (Martina Gedeck) und des Verteidigers (Lars Eidinger) über das Urteil ab. Je nachdem, wie dieses ausfällt, wird der Film zuende gehen – gedreht wurden zwei Fassungen. Frank Plasberg wird das Urteil in seiner Sendung „hart aber fair“ (ARD, 17.10., ca. 21.55 Uhr) mit Experten erörtern – auch die Abstimmungsergebnisse aus Österreich und der Schweiz werden direkt mit dem deutschen Ergebnis verglichen.

Herr Plasberg, in „Hart aber fair“ diskutieren Sie aktuelle Reizthemen rund um Politik und Gesellschaft. Was ist an „Terror – Ihr Urteil“, einem fiktionalen Theaterstück von Ferdinand von Schirach, hart aber fair?
Frank Plasberg:
Eine Grundvoraussetzung für jede „Hart aber fair“-Sendung ist es, fünf Stühle mit einer Meinung zu vermeiden. Sprich: Wir suchen die leidenschaftliche Diskussion. Und dieser Stoff lässt einen definitiv nicht auf der hinteren Sesselseite sitzen. Es gibt kaum einen prädestinierteren Stoff für „Hart aber fair“.

Das Theaterpublikum ist aber ein anderes als das Fernsehpublikum.
Es ist – glaube ich – gelungen, dass sich auch bei der Fernsehumsetzung von „Terror“ das Gefühl einstellt: Wenn ich das nicht gesehen habe, dann habe ich etwas verpasst. Und das gilt dann hoffentlich auch für die Diskussion bei „Hart aber fair“.

Das Theaterstück wurde gefeiert, aber auch scharf kritisiert. Die Rede war vom „Aufruf zur Selbstjustiz“, „verfassungswidrigen Gedanken“ – die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch haben sich gegen die TV-Ausstrahlung ausgesprochen. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
In diesem Fall war es sehr beachtlich, dass liberale Politiker eine Art Sendeverbot gefordert haben. Das werden sie sich gut überlegt haben. Ich habe in meinem Berufsleben gelernt, dass alles, was du pädagogisch verbieten möchtest, irgendwann wie eine Eiterblase an der falschen Stelle herauskommt. Die Welt wird nach diesem Stück nicht untergehen.

Plädieren Sie für schuldig?
Ich habe bereits bei einer Aufführung des Theaterstückes in Düsseldorf abgestimmt – und werde nicht verraten, wie. (lacht) Ein Moderator sollte erst einmal neutral sein. Andernfalls kann ich mir nach der Sendung erst recht anhören, ich hätte wieder zu links, rechts oder mittig gestanden.

Ist es nicht schwer, besonders bei hochemotionalen Themen wie diesen, die Diskussion im Rahmen zu halten – und nicht mit der eigenen Meinung herauszuplatzen?
Ja, da gibt es solche Beispiele. Aber es ist mein Job, eine spannende Sendung abzuliefern. Und da muss ich nicht immer alles auf Kurs bringen – es kann auch mal einen leidenschaftlichen Ausritt geben. Ich mache „Hart aber fair“ im Ersten seit neun Jahren und sage mir: Ich muss nicht mit jedem Gast in den Urlaub fahren, ich will eine spannende Sendung machen – und da reißt mir auch mal die Hutschnur.

Sind Sie schon einmal zu weit gegangen?
Ja, bestimmt. Aber jetzt fragen Sie mich nicht nach einem Beispiel. Wenn Sie fast 40 Sendungen im Jahr machen, gibt es gute, durchschnittliche und misslungene Sendungen – und dementsprechend auch Moderationsleistungen. Wo du etwa den Zugang zum Thema nicht findest. Oder eine Weiche verpasst, um die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken. Und es gibt auch mal Ausraster.

Das ist hart und vielleicht fair.
Als die Sendung entwickelt und der Titel erfunden wurde, sagte eine Kollegin zu: „Du willst ja immer hart aber fair sein, also lass uns die Sendung so nennen!“ Schöner wäre natürlich gewesen zu sagen, ich sei hart aber fair. (lacht)

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Was bedeutet Fairness für Sie?
Fair war es, wenn meine Mutter hinterher nicht sagt: Der oder die hat mir Leid getan – das kann auch der Gauner der Sendung gewesen sein, der sich mit Halbwahrheiten durchschummeln wollte. Dann haben wir die Sendung schlecht geplant, etwa weil derjenige Gast einem Tribunal gegenüber stand.

Wie halten Sie da die Balance?
Gute Frage. Das hat sich glaube ich mit der Zeit verändert. Mittlerweile lasse ich es länger laufen, habe gelernt, etwas später zu unterbrechen. Sie brauchen dafür die Autorität und die Zustimmung des Zuschauers im Rücken, sonst ist ihre eigene Autorität eine sehr persönliche.

Bei den Abstimmungen im Theater hat bundesweit eine deutliche Mehrheit für Freispruch plädiert. Glauben Sie, dass sich das TV-Urteil nach schrecklichen Ereignissen wie in Nizza, Würzburg oder Ansbach verändert?
Es wird spannend sein zu sehen, ob die Frage, wie wehrhaft eine Demokratie sein muss und wie viel Freiheit wir für Freiheit opfern wollen, das Urteil der TV-Zuschauer beeinflusst.

Nun hat die TV-Abstimmung den Nachteil, dass Sie sich nicht von selbst erklärt. ARD-Programmdirektor Volker Herres hat gesagt, dass das Urteil bei Ihnen „bewertet“ und „gewichtet“ wird. Wie kann man denn eine moralisch so komplexe Frage bewerten und gewichten?
Es liegt doch auf der Hand, dass eine so komplexe Debatte nicht mit dem Urteil, auch nicht mit dem Urteil der Zuschauer, endgültig beantwortet ist. Und wenn Herr Baum tatsächlich kommt, könnte ich mir auch vorstellen, dass er erklärt, warum dieser TV-Film nicht gesendet werden sollte. Schlimmstenfalls kommt es zu einer Urteilsschelte gegen die Mehrheit der Abstimmenden, die gibt es im wahren Leben auch – und dann hätten wir eben eine im Fernsehen. Mehr Sauerstoff geht nicht.

Wäre es nicht sinnvoll, auch Zuschauer mitdiskutieren zu lassen? Immerhin wird über die Zuschauermeinung diskutiert.
Wir haben mit Brigitte Büscher eine bewährte Zuschaueranwältin, die uns einen journalistisch Überblick gibt, was in die sozialen Medien, am Telefon und auf unserer Internetseite los ist. Darauf werden unsere Gäste reagieren. Daneben planen wir noch ein Zuschauer-Experiment, dass das Hin-und Hergerissensein während des Prozesses dokumentiert .

Sollten die Zuschauer bei den Öffentlich-Rechtlichen häufiger abstimmen können?
Kommt auf das Format an. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ich eine „Hart aber fair“-Sendung mache und nach einer halben Stunde abbreche und frage: Wer soll gehen? Darf der oder die bleiben? Das ist für mich Container-TV.

Für Container-TV zahlen die Zuschauer aber keinen Rundfunkbeitrag. Finden Sie nicht, der Zuschauer sollte sich ein Stück weit aussuchen dürfen, was er zu sehen bekommt?
Er tut das jeden Tag über die Quote. Von der ich ein großer Fan bin: Je nach Sendeplatz und -zeit kann man sehen, welche Chance man hatte und wie sie genutzt wurde. Wissen Sie, ich lebe ja im Rheinland. Und das schönste Kompliment, dass ich für „Hart aber fair“ bekommen kann, geht so: „Hör’ zu, Jong: Isch wollt’ dat eigentlich jarnisch geguckt haben – dat hat mich jarnisch interessiert dat Thema – aber isch bin hänge jeblieben!“ Genau diese Themen wollen wir präsentieren. Themen, die sich auch gegen einen Fernsehfilm bei ZDF oder eine Show bei RTL behaupten können. Daneben hat Fernsehen für mich aber auch die Aufgabe, Erwartungen mal zu erschüttern – und auch wichtige Themen zu bearbeiten – die eher Quoten-Versenker sind oder Zuschauer dazu bringen, nebenbei andere Sachen zu machen.

Nehmen Sie das als Moderator persönlich?
Natürlich ist es nie einfach für einen Fernsehmacher, der sich während einer Livesendung für den Mittelpunkt der Welt hält, sich vorzustellen, dass nebenbei gegessen, gebügelt, geschwatzt und telefoniert wird. So ist das eben. Aber ich würde ich mich freuen, wenn es bei diesem besonderen Thema nur das Sofa und den Fernseher gibt.

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Alle Kommentare

  1. „Natürlich ist es nie einfach für einen Fernsehmacher, der sich während einer Livesendung für den Mittelpunkt der Welt hält, …“
    Die Beschränkung auf den Zeitraum der Live-Sendung scheint mir unangemessen bescheiden….

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