Anzeige

„Wir sitzen quengelnd hinten im Kindersitz“: Jean Remy von Matt über die verlorene Autorität von Werbern

Jean Remy von Matt ist Co-Gründer der Kreativagentur Jung von Matt
Jean Remy von Matt ist Co-Gründer der Kreativagentur Jung von Matt

Er ist ewig unzufrieden, und er spricht es auch aus: Jean Remy von Matt zeichnet kein gutes Stimmungsbild von seiner Branche. Der Einfluss auf die Kunden schwinde, zudem sei Werbung durch Content Marketing und Co. "intransparenter denn je", erzählt er im Interview mit dem Handelsblatt Magazin. Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – denkt die Werbe-Ikone mit 64 noch lange nicht ans Aussteigen.

Anzeige
Anzeige

Die Entwicklung des (vor allem digitalen) Marketings ist klassischen Werbern ein Dorn im Auge – auch Jean Remy von Matt, dem Reklame-Gott, wie ihn das Handelsblatt Magazin in seiner morgen erscheinenden Ausgabe bezeichnet. Im Gespräch mit dessen Chefredakteur Thomas Tuma kritisiert von Matt, dessen Unternehmen sich als Kreativ-Agentur weltweit einen Namen gemacht hat, Werbung, die immer schlechter als solche zu erkennen ist und somit nicht mehr ihren Zweck erfülle – nämlich Transparenz zu schaffen. Grund seien bei Werbekunden an Beliebtheit gewinnende Möglichkeiten wie Content Marketing oder Native Advertising, bei denen Werbeinhalte als redaktioneller Content verkleidet werden, und die „im Ergebnis alles Schleichwerbung“ seien.

Während sich Werbung treibende Konzerne auf diese neuen Felder der Kommunikation konzentrieren, schwinde der Einfluss der Kreativagenturen, so von Matt weiter. Schuld daran seien zum einen ein „Absicherungswahn“ und Risikoscheue der Kunden, aber auch die eigene Branche, die „Autorität verspielt hat“. Entwickelt habe sich die Situation aus dem Wettbewerbsdruck, der Agenturen „willfährig“ und weniger mitbestimmend gemacht habe: „Mein Idealbild war immer, dass wir Werber wie der Beifahrer eines Rallye-Piloten unseren Kunden ständig zurufen, wo es langgeht. Inzwischen sitzen wir oft nur noch quengelnd hinten im Kindersitz.“

Unzufrieden zeigt sich von Matt auch mit der Entwicklung in Segmenten, in denen die Agentur selbst mit mischt. Mit Viral-Spots wie „Supergeil“ oder „Heimkommen“ für die Supermarktkette-Edeka erntete die Agentur weltweit Beachtung. Doch dabei handele es sich um „einen gigantischen Selbstbetrug“, weil eine Kampagne nur dann erfolgreich sei, wenn sie millionenfach geteilt und konsumiert worden sei, wobei Kunden möglichst wenig zahlen wollen. „Der Lockruf lautet: Reichweite ohne Mediakosten“, so von Matt. Was dabei allerdings vergessen werde: Es würden „massenhaft“ Virals produziert, „die in Wirklichkeit keine sind, weil sie bei ein paar Tausend Abrufen liegen bleiben.“ Bemerkt werde das aufgrund der Algorithmen in sozialen Netzwerken nicht. Gemessen an diesen Reichweiten würden sich Produktionskosten kaum decken, so der Top-Werber.

Anzeige

Zwar hat von Matt die Rolle als Vorstandsvorsitzender an Thomas Strerath (von Matt ist noch Mitglied des Vorstandes) abgegeben. Ans Aufhören denkt der Mann, dessen Leitsatz „Wir bleiben unzufrieden“ ist, derzeit aber offensichtlich noch nicht. Auch mache er sich keine Gedanken darüber, wie sein Ausstand stattfinden sollte. Am Schreibtisch mit einem unvollendeten Genie-Claim zu sterben sei eine Idee, die im gefällt. „Und vor dem Abtransport bitte noch den Song ‚School’s Out Forever‘ von Alice Cooper spielen“.

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Mir fehlt die kritische Selbstreflexion. Es wurde hier in einem Kommentar schon angesprochen. Die Suppe haben sich große, wie kleine Kreativagenturen über all die zurückliegenden Jahre selbst eingebrockt. Immer wieder zeigt sich, dass die zum Teil komplexen Kundenetats nach gewonnenem Pitch meist mit semiprofessionellen Mitarbeitern betreut werden – Ziel, größt möglicher Ertrag, bei geringfügiger Dienstleistung. Das dies die Unternehmen irgendwann einmal nicht mehr mitmachen und sich selbst in den Driverseat begeben, ist doch sehr gut nachvollziehbar. So etwas kommt von so etwas…

    Also – nicht Jammern, sondern kreativ an einer kundenorientierten Lösung des Dilemmas arbeiten!

  2. da hat Jean Remy völlig recht, nur wäre er in der Lage gewesen solche moralisch unsäglichen Kampagnen wie „Geiz ist geil“ zu verhindern, das hat er nicht gemacht. Die Einsicht kommt ein paar Millonen zu spät, trotzdem ist es gut, jetzt den Mund auf zu machen und auf die Gefahr der Informationsmonopole wie Google, FB und Apple hinzuweisen, wenn die branche das immer noch nicht erkannt hat, ist es vorbei mit derselben

  3. Eine Branche, die zig Jahre mehr oder weniger davon lebte „teure“ Mitarbeiter gegen „billige“ Praktikanten etc. pp auszutauschen, sollte vielleicht einfach einmal die Klappe halten. Aber, das können die Lautsprecher dieser Branche nur in selten.

    Marketing, Werbung und Kommunikation ist Handwerk, manchmal sogar einmal Kunsthandwerk. Entschuldigung, eine Branche die sich über Kreativpreise, in der Kampagnen/Anzeigen/Spots/etc. ausgezeichnet werden, die de facto gar nicht geschaltet worden sind, definiert, die darf sich nicht wundern, dass ihr Glaubwürdigkeit Schaden nimmt.

    Genauso wenig wie über den Jugendwahn deutscher Agenturen. Gilt allerdings nicht für die Agenturbosse. Dumm nur, das die Branche mittlerweile ein Nachwuchsproblem hat, weil zu diesen Konditionen will diese unsere deutsche Jugend nicht mehr Tag und Nacht sowie am Wochenende schrubben… Wenn sie es wollen, ziehen sie nach Berlin, arbeiten für einen Hungerlohn bei einem Samwer Start up und fühlen sich ultra cool.

    Also, einfach mal die Klappe halten, den Ball flach halten, Mitarbeiter wirklich ausbilden, eine gesunde Altersstruktur aufbauen und sich mit dem Kunden WIRKLICH auseinandersetzen – dann klappt es auch wieder. Wer rumweint , weil die Welt so schlecht ist, der outet sich halt als Pussy.

  4. Das ist professionelle Matt’sche Eigenwerbung durch Quengeln – im voll-nativen Redaktions-Gewand.

    Nativer Style, geschickt getarnt. Jetzt darf Matt damit werben – er hat ja zuvor davor gewarnt.

    Gute Camouflage ist bei sowas entscheidend. Jean Matt hat’s einfach drauf!

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*