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„Herr Minister, das ist Gelaber“ – Sandra Maischbergers 500. Sendung in der Populismus-Dauerschleife

Auf der Populisten-Couch: Beatrix von Storch von der AfD, Anton Hofreiter von den Grünen
Auf der Populisten-Couch: Beatrix von Storch von der AfD, Anton Hofreiter von den Grünen

Fast scheint es, als gäbe es nur noch ein Thema in diesem, unserem Lande: der große Flüchtlings-AfD-Populismus-Komplex, an dem sich Politik und Medien wieder und wieder abarbeiten. So auch in der 500. Ausgabe von „Menschen bei Maischberger“. Als AfD-„Star“-Gast war Beatrix von Storch zu Gast. Die Debatte drehte ihre Pirouetten. Das angebliche Thema „Ungarn und Europa“ spielte nur die zweite Geige.

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Thema und Gästeliste waren für eine Jubiläumssendung vielleicht ein wenig unglücklich gewählt. „Pleite für die Populisten – Sieg für Merkels Europa?“ hatte die Maischberger-Redaktion getextet und meinte damit das gescheiterte Referendum in Ungarn. Dort hatte Ministerpräsident Orban darüber abstimmen lassen, ob die EU den Ungarn eine Flüchtlingsquote aufdrücken kann. Im Ergebnis gingen deutlich weniger als 50 Prozent zur Wahl, weswegen das Referendum ungültig ist. Aber über 98 Prozent derjenigen, die wählten, stimmten gegen eine EU-Flüchtlingsquote. Orban ist also gleichzeitig Sieger und Verlierer.

Jeder kann auf seinem Standpunkt beharren, umdenken unnötig. Die Gegner der Merkel’schen Flüchtlingspolitik bekamen so durchaus neue Munition. Daraus einen „Sieg für Merkels Europa“ – wenn auch mit Fragezeichen versehen – diskutieren zu wollen, ist schon recht überjazzt. Und weil der ungarische Botschafter zum selben Thema am Sonntag schon bei Anne Will Erwartbares von sich gegeben hatte, bekam Sandra Maischberger nur ein ehemaliges Regierungsmitglied als Stimme Ungarns in die Runde.

Bis diese Stimme mit den sattsam bekannten Argumenten gehört wurde, dauerte es aber. Denn zuvor hatte Publizistin Lea Rosh mit Frau von Storch von der AfD noch ein Hühnchen zu rupfen. Frau Rosh waren die Fragen der Gastgeberin offensichtlich egal und so sagte sie, mit Zettel bewaffnet – schlecht vorbereitet -, Beatrix von Storch zuerst einmal alles, was sie ihr offenbar schon immer mal in einer Talkshow sagen wollte, aber bisher keine Gelegenheit dazu hatte. U.a. konfrontierte sie die Storch’sche mit einem falschen Zitat, für dass sich schon Michel Friedman eine juristische Klatsche eingefangen hatte.

Die AfD-Frau war putzigerweise auf dem Maischberger-Sofa neben dem Hofreiter Toni von den Grünen platziert, der immer mal wieder reingranteln durfte, wie man das „bei uns in Bayern“ regeln würde. Von seinem Landesvater, dem Seehofer Horst, wollte er dabei aber lieber nix hören. Und dann war da noch Jean Asselborn, Außenminister Luxemburgs und altgedienter Eurokrat, dessen Ausführungen zum Gulasch-Populismus der Ungarn vom Magyaren-Vertreter Gergely Pröhle mit dem nicht ganz unzutreffenden Satz „Herr Minister, das ist doch Gelaber“ gelabelt wurden. Dabei hat Asselborn zwischendurch auch was Nachdenkenswertes gesagt, als er auf den fatalen Eindruck hinwies, dass der pöbelnde Mob von Dresden und anderswo bei ausländischen Beobachtern hinterlässt. Der hässliche Deutsche erhebt sein Haupt usw. Die Deutschlandfahnen, die heute wieder allenthalben so gerne aufgehängt werden, wirken in der Tat ganz anders, wenn sie statt bei Fußball-Duseligkeiten zu Pegida-Geschrei geschwenkt werden.

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Vertieft werden solche Gedanken aber nicht, weil ja immer noch einer der Gäste unbedingt noch seinen Senf ein Stück weiter aus der Tube drücken muss. Sie sehen schon, es war mal wieder nicht leicht mit dem Populismus und der AfD im TV-Talk. Die verkorkste Volksabstimmung in Ungarn war einmal mehr bloß Aufhänger, um über das immergleiche Thema zu debattieren. Am Ende war die Sendezeit abgelaufen und Sandra Maischberger stellte ohne großes Erstaunen fest, dass es Differenzen gibt, „die wir heute nicht gelöst“ haben. Na sowas.

Es ist schon lange ein Kreuz mit den politischen Talkshows, die an zu vielen Gästen kranken. Sandra Maischberger hatte im Gespräch mit der dpa jüngst ganz richtig darüber räsoniert, dass sie an ihrer Sendung das eine oder andere ändern will. Das Publikum will sie zum Beispiel stärker einbinden, was ein sehr ambitioniertes Unterfangen ist. „Das Publikum“ ist nämlich ein vielgestaltiges Ding, das man im Rahmen einer Fernsehsendung kaum befriedigend zu fassen bekommt. Zahlreiche gescheiterte Experimente von Publikumseinbindung legen davon beredt Zeugnis ab. Den besten Weg hat Kollege Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ gefunden, der Publikumsmeinungen von seiner nimmermüden Brigitte Büscher vorsortieren lässt.

Sie wolle auch den „Duell-Charakter“ manchmal stärker betonen, sagte Maischberger noch: „In unserer ersten Ausgabe nach der Sommerpause hatten wir die Politikerinnen Sahra Wagenknecht und Frauke Petry zu Gast und haben hinterher überlegt: Es wäre spannend gewesen, zunächst nur die beiden miteinander ins Gespräch zu bringen und erst später weitere Gäste einzubinden.“ Jaha, das wäre wohl spannend gewesen. Noch spannender wäre es freilich gewesen, nur Petry und Wagenknecht debattieren zu lassen, wie es dann die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gemacht hat.

Wenn man dem deutschen Polit-Talk etwas wünschen darf, dann Mut zum Weglassen. Zum Weglassen von Gästen. Eine Talkshow mit nur zwei oder – Schockschwerenot, Schnappatmung – einem Gast: das wäre auch Hoffnung auf Erkenntnisgewinn statt auf „Gelaber“. Über die ganze Sendezeit können ein oder zwei Personen die Phrasen-Maske deutliche schlechter aufbehalten, als wenn man sich zwischendurch in der Gruppe neu sortieren kann. Das erforderte von Moderation, Gästen und Zuschauern natürlich ein deutlich höheres Maß an Konzentration. Einfach mal laufen lassen, ginge nicht. Es gäbe womöglich auch weniger Krawall. Fraglich nur, ob dies gewünscht ist.

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Alle Kommentare

  1. Man kommt sich vor wie in der Truman- Show, Endlosschleife der ewiggleichen Hetzparolen gegen jene, die es wagen, den Irrsinn draußen vor der Tür zu kritisieren. Aber nicht mehr lange, die Zeit läuft ab.

  2. Bezeichnend dass sich die aktuellen Regierungsinhaber außer Stande sehen die Probleme in diesem Land zu erkennen und anzugehen.
    Statt dessen ist AfD-Bashing angesagt.
    Auf allen Kanälen und Medien.
    Dass man dann dort im persönlichen Umgang mit einzelnen AfD Politikern gerade die Verhaltensmaßstäbe über Bord wirft, die man gestern noch in Dresden mit gekünstelter Erschütterung vermisst haben will, fällt mittlerweile auch dem letzten ARD-Zuschauer auf.
    Aber solange Medienschaffende z.B. Nahles Rentenreformplänen zujubeln, die auf eine Einheitsrente auf Sozialhilfeniveau hinauslaufen und mit lediglich 890.000 Asylanträgen für Entspannung sorgen wollen, braucht sich die Politik doch tatsächlich nur vor der ernstzunehmenden Opposition durch die AfD zu fürchten.
    Kritische Fragen an die Regierungen durch die selbsternannte 4. Gewalt sind in der Amtszeit Merkels nicht mehr zu erwarten.
    Aber so ist es „spannend zu sehen“ wie eine korrumpierte Medienlandschaft zusammen mit einer unfähigen Politik Hand in Hand in die Bedeutungslosigkeit marschieren und vorher noch verzweifelt versuchen mit immer hysterischen Tönen von Döner-essende NPD Politikern, reitendem Putin, Trumps Geschlechtsteile und Petrys Beine die Gesellschaft zu vergiften.
    Nicht jeder abgehalferter Journalist wird es bis ins Kanzleramt oder in die Rundfunkanstalten schaffen. Und das ist gut so.

  3. Auf jeden Fall, und dass wollen wir doch in aller Deutlichkeit festhalten, war diese unnötige Maischberger-Quasselshow wieder einmal eine hervorragende Wahlkampfwerbung für die AfD. Eigentlich brauchen eingeladene AfD-Politiker gar nicht viel zu machen: einfach nur freundlich und sachlich bleiben und bei den nächsten Wahlen die Stimmen einkassieren.

  4. Anspruch, vorgestern: „Wir wollen die Stimmen, die etwas zu sagen haben“
    Realität, heute: „Das ist doch Gelaber“
    *gnihihi*

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