Böhmermanns Bilanz der Erdogan-Affäre: „Wenn ein Witz eine Staatskrise auslöst, ist das ein Problem des Staates, nicht des Witzes“

Comedian Jan Böhmermann, YouTube-Presseerklärung zum Schmähgedicht: „Endlich steht fest: Es war ein Witz“
Comedian Jan Böhmermann, YouTube-Presseerklärung zum Schmähgedicht: "Endlich steht fest: Es war ein Witz"

Nach der Staatsanwaltschaft und seinen Anwälten hat sich am Mittwoch auch Jan Böhmermann selbst zur Einstellung der Strafermittlungen wegen Beleidigung geäußert. Für den 35-Jährigen endet damit ein Alptraum – während seiner YouTube-"Pressekonferenz" (ohne Presse) wirkte er sichtlich befreit. Der Comedian traf dabei den richtigen Ton und stellte sich "zu 100 Prozent" hinter seinen Sender ZDF.

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Hoffentlich keine Häme oder unangemessenes Triumph-Geheul und hoffentlich auch keine Witzeleien über ein im Grunde ernstes Thema. Vor der mit großer Spannung erwarteten Erklärung des ZDFneo-Moderators zum Ende der strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn waren sich viele Beobachter und Fans nicht sicher, wie Böhmermann reagieren und vor die Kamera treten würde. Bei ihm weiß man ja so recht, woran man ist. Am Ende hat er nicht enttäuscht – oder höchstens jene, die darauf gewettet hätten, dass es ihm nicht gelingen würde, die Entscheidung in erwachsener Weise zu kommentieren.

In dem Sieben-Minuten-Video, das der Comedian am Mittwoch um 16.30 Uhr veröffentlichte, kam er gleich zur Sache und bedankte sich bei der Staatsanwaltschaft auch dafür, dass die Anklagevertreter seine Sendung und den beanstandeten Beitrag zur Schmähkritik in voller Länge und aufmerksam angesehen hätten – ein sarkastischer Seitenhieb auf die Medienvertreter und Kritiker, von denen Böhmermann glaubt, sie hätten ihn ohne genaue Sachkenntnis vorverurteilt. Endlich sei von Behördenseite festgestellt worden, das er „ein unseriöser Quatschvogel“ sei, „der beruflich Blödsinn macht“.

Böhmermann machte aber auch deutlich, dass seine Sendung damals „kein Versehen“ und „kein Ausrutscher“ gewesen, sonder genauso geplant und „gewissenhaft vom ZDF abgenommen“ worden sei.

Das Fazit seiner Vorrede: „Jetzt ist klar: Es war ein Witz.“ Böhmermann bekannte sich aber auch zu seinem Sender: „Ich stehe zu 100 Prozent hinter dem ZDF.“ Die Anstalt sei ein „starker Sender“ und auf seine Unabhängigkeit bedacht. Das indes überrascht ein wenig, denn aus der Mainzer Zentrale waren unter großem politischen Druck auch kritische Töne zu hören gewesen, u.a. auch von Intendant Thomas Bellut. Zudem war das Schmähgedicht umgehend aus der Mediathek entfernt worden. Andererseits hatten die Verantwortlichen im Strafverfahren angekündigt, man werde mit dem Moderator „bis in die letzte Instanz“ gehen. Letztlich ließ man den Moderator, der damals mit dem Rücken zur Wand stand, nicht fallen. Dafür scheint dieser bis heute dankbar zu sein.

Böhmermann verwies auch auf die den politischen Zusammenhang und darauf, dass etliche Medienmacher in der Türkei in Haft seien – und im Gegensatz zu ihm ohne Aussicht auf ein faires rechtsstaatliches Verfahren. Viele Deutsche mit türkischen Wurzeln hätten Angst, ihre Meinung zu äußern, weil sie Repressalien gegen ihre Angehörigen in der Türkei fürchteten. Der Comedian kann also auch ernst sein, und das war in diesem Moment die wohl einzig richtige Art, mit dem sensiblen Thema umzugehen.

„Wenn ein Witz eine Staatskrise auslöst, dann ist es nicht ein Problem des Witzes, sondern des Staates“, lautete sein Resümee der Schmähgedichts-Affäre, die zumindest in strafrechtlicher Hinsicht ausgestanden sein dürfte. Den Rest überlasse er seinen „acht oder neun Anwälten“, die in der Sache für ihn tätig sind. Böhmermann: „Ich persönlich freue mich, dass ich wieder rausgehen und Witze zu jedem Thema machen kann.“ Fragen will er übrigens auch beantworten – die solle man ihm bis Mittwochabend via Facebook oder Twitter stellen. Die zehn Fragen mit den meisten Likes werde er beantworten: „Like-Einsendeschluss  ist heute Abend, null Uhr.“ Keine Frage: Der Böhmermann der Vor-Erdogan-Ära ist wieder da.

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Alle Kommentare

  1. Ach Herr Bömmelmann…

    Zunächst möchte ich sagen, das ich den Song am Ende große Klasse fand!

    Aber: Menschen, die verfolgt werden, weil sie eine dem Regime nicht passende Meinung haben, die gibt es doch schon längst hier in Kartoffeldeutschland.
    Fensterscheiben werden eingeworfen, Autos in Brand gesetzt, die Scheiben und Reifen zerstört… stinkender Teer wird an die Hausfassade geworfen oder auch nur Farbbomben… Gaststättenbesitzer werden bedroht, ihr Chef wird genötigt sie zu feuern… All das geschieht hier in Deutschland… und Herr Bömmelmann schweigt!

    Zweitens: Es heißt nicht „DEUTSCHE mit türkischen Vorfahren“!
    Haben sie denn dem GröTaZ vom Bosporus wieder nicht zugehört? Können sie nicht einen Beitrag bringen, ohne Erdolf Erdowahn grundlos zu schmähen und zu verunglimpfen??

    „Ein Türke ist immer ein Türke, EGAL welchen Pass er hat“! So heißt das und der Führer aller Türken muss das ja schließlich wissen!

    Wenn sie so weiter machen, verliert die arme Claudia noch ihre Villa in der Türkei, oder er lässt seinen präsidialen Zorn an unseren heldenhaften „Sturmtruppen“ in Incirlik aus…

    Aber egal, „in 20 Jahren gehört Deutschland sowieso UNS und dann werden wir uns rächen“.. ein Türke vergisst niemals…

    Vergessen sie das nicht, Herr Bömmelmann….

  2. Stimme Meedia zu, sehr erwachsene und angemessene Reaktion von Böhmermann. Hoffe sehr dass ihn das bestärkt weiterhin intelligent und satirisch aktuelle Themen aufs Korn zu nehmen.

    Und @k.Einer: Ihre Haltung wird er vermutlich eher nicht teilen, im Gegenteil, Angstmacher/-hasen wie Sie in „Kartoffeldeutschland“ liefern Stoff für jede Sendung. Zum b(e)ömmeln Mann. Dafür vielen Dank 👍

  3. Freud hat geschrieben, in jedem Witz stecke ein Körnchen Wahrheit. Leute wie Erdogan und Boehmermann sind sich wohl selbst der nächste.

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