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ProQuote-Vorsitzende Maren Weber: „Die FAZ ist und bleibt eine Männerbastion“

ProQuote-Vorsitzende Maren Weber

Die Presselandschaft ist eine Männerdomäne. Erst kürzlich machte der Verein ProQuote bekannt, dass bei 95 Prozent aller Regionalzeitungen ein Mann im Chefredakteurssessel sitzt. Wie es sein kann, dass es so wenige Frauen an die Spitze schaffen, welche Redaktionen Männer-Zirkel sind, was die Ausnahmen anders machen – und was sich ändern muss. Das beantwortet die RTL-Journalistin und neue Pro Quote-Vorsitzende Maren Weber im MEEDIA-Interview.

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Frau Weber, Sie sind gerade aus der Elternzeit zurück und haben gerade erst den Vorsitz von ProQuote übernommen. Gab es schon Momente, in denen Sie dachten: „Oh Gott, was habe ich mir da angetan?“
Nein. Erst einmal überwiegen die positiven Reaktionen auf unsere Vorstandswahl und unsere Arbeit. Ich habe sehr viel Zuspruch nach meiner Wahl erhalten, übrigens auch von vielen Chefredakteuren. Auch für unsere jüngste große Aktion, der Auszählung des Verhältnisses von Männern und Frauen an der Spitze von Regionalzeitungen, gab es viel Lob aus der ganzen Republik. Ich fühlte mich regelrecht beseelt, nachdem ich meinen Posteingang durchgearbeitet hatte. Dieser Zuspruch motiviert und entschädigt für viele Stunden Arbeit, oft auch in der Nacht. Allerdings macht mir das derzeit nicht so viel aus: Mit zwei sehr kleinen Kindern bin ich da eh oft wach.

ProQuote verkündete bei der Gründung vor vier Jahren, dass sich der Verein auflöse, wenn bis zum Jahr 2017 in Medienunternehmen 30 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt sind. Das Ziel wird bis 2017 höchstwahrscheinlich nicht erreicht werden. Glauben Sie, dass überhaupt jemals der Moment gekommen sein wird, in dem es ProQuote nicht mehr braucht?
Das hängt ganz von den Redaktionen ab. Unsere Devise heißt : Schafft! Uns! Ab! Wir legen keinen besonderen Wert darauf, länger als geplant um etwas kämpfen zu müssen, was wir für selbstverständlich halten. Noch haben wir nicht 2017. 30 Prozent, das ist doch zu schaffen. Deswegen unser Appell: Chefredakteure, Verleger, Intendanten: Strengt Euch an!

Frauen machen häufiger Universitätsabschlüsse und dominieren die Medienstudiengänge. Außerdem stellen sie die Mehrheit bei Volontären, Auszubildenden und Journalistenschülern. Wie kann es sein, dass all diese Frauen auf dem Weg nach oben verlorengehen?
„Verloren gehen“ ist ein falsches Bild. Sie sind ja noch da. Nur werden ihre Talente nicht wahrgenommen. Viele scheitern schon an der Festanstellung, und wenn sie einen Redakteursposten ergattern, stoßen sie intern an die betonharte „Gläserne Decke“. Denn die gibt es nach wie vor.
Aufstieg funktioniert nach dem Ähnlichkeitsprinzip, darunter leiden ja nicht nur Frauen. Ökonomisch gesehen sind diese Monokulturen ein Irrsinn. Es ist eine Binse, dass ein Produkt besser wird, je mehr unterschiedliche Menschen an der Entwicklung beteiligt sind.
Bei den Medien kritisieren das sogar die Kunden: Zuschauer und Leser wollen ausdrücklich mehr Blatt-, Fernseh- und damit Meinungsmacherinnen. Eine Emnid-Studie im Auftrag von ProQuote hat das gezeigt: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung findet die Herrenclubs an den Redaktionsspitzen nicht mehr zeitgemäß.

Läuft es bei den Häusern, bei denen Frauen an der Spitze stehen – wie Bauer, Gruner oder RTL – besser?
Diese Frage kann ProQuote nicht beantworten. Wir sind ein ehrenamtlicher Verein. Unsere Auswertungen der Machtverhältnisse in Redaktionen hat sich bisher auf Leitmedien beschränkt – die wichtigsten Zeitungen und Magazine, die Sender, Online-Medien. Die meiste Zählarbeit wurde unentgeltlich geleistet, oft so lange, bis unseren Helferinnen die Augen tränten. Erst jetzt, nach vier Jahren, ist es uns gelungen, uns die Regionalzeitungen vorzuknöpfen, womit wir ein Fernziel aus der Gründungszeit von ProQuote endlich erreicht haben. Alle Gruner-, RTL- oder Bauer-Objekte zu erfassen, dazu bräuchte es substanzielle Spenden! Wir verfolgen von Gruner und Jahr bisher nur den „stern“ als Leitmedium. Da ist die Redaktionsspitze genauso homogen männlich wie bei der SZ oder der FAZ. Es gab beim „stern“ aber immerhin zu unserer letzten Zählung im Juli 2016, rund 27 Prozent Frauen in Führungspositionen einschließlich der Ebene der stellvertretenden Ressortleiterinnen. Der Wille ist da, für den z.B. Julia Jäkel steht und den sie im Verlagsbereich auch immer mehr durchsetzt.

Die Verlagsbranche ist eigentlich in Frauenhand: Hinter dem Bauer Verlag, hinter Bertelsmann und Axel Springer stehen mächtige Frauen. Ist es nicht verwunderlich, dass dort nicht viel mehr Frauen an der Spitze sind?
Redaktionen wollen und sollten unabhängig ihr Personal rekrutieren. Gute Verlegerinnen und Verleger respektieren das. Immerhin gibt es bei Axel Springer oder bei Gruner + Jahr inzwischen Leitlinien für die gezielte Frauenförderung. Die greifen mitunter formidabel: Die auflagenstärksten Zeitungen der Republik, Bild und BamS, werden von gemischten Führungsteam unter Chefredakteurinnen gestaltet. Übrigens: Haben Sie gezählt, wie viele Chefredakteurinnen beim Bauer-Verlag arbeiten? Wir haben auf Nachfrage schon vor Jahren überzeugende Zahlen bekommen. Leider, wie gesagt, fehlen uns die Mittel, diese nachzuprüfen. Aber auch eine Yvonne Bauer ist eine Chefin, die Frauen fördern will. Sie hat sich schon zweimal Rat bei ProQuote geholt!

Frauen wollen keine Frauen fördern. Ist da diesem Vorurteil etwas dran?
Nein, das kann ich aus meinem eigenen Erleben und Arbeitsumfeld überhaupt nicht bestätigen, und ich habe auch eine Chefin.
Der beste Frauenförderer in den Medien war übrigens eine Frau: Dagmar Reim. Sie hat als Intendantin des RBB in einem beispiellosen Kraftakt die Frauenführungsquote auf über 40 Prozent katapultiert – doppelt so hoch wie in vielen anderen ARD-Sendern. Und ihre Nachfolgerin, Patricia Schlesinger, hat sich vorgenommen, diesen Weg fortzusetzen. Als Mitglied von ProQuote steht sie uns Kolleginnen seit Jahren mit Tipps und Tricks zur Seite. Studien zeigen: Je höher der Frauenanteil in Führungspositionen ist, desto eher werden andere Frauen befördert. Weibliche Führungskräfte haben auch eine Vorbildfunktion. Steht eine Frau an der Spitze, dann trauen sich andere Frauen eher zu sagen: „Ich kann und ich will.“

Vergangenen Montag veröffentlichte ProQuote die katastrophalen Zahlen, wie viele Chefredakteursposten der Regionalzeitungen von Frauen besetzt sind. Es sind nur fünf von hundert. Warum sind ausgerechnet die Regionalzeitungen eine Männer-Domäne?
Die überregionalen Zeitungen sind es zum großen Teil auch! Wir haben diese Frage aber allen Chefredaktionen der ausgewerteten Zeitungen vorgelegt. Die Mehrheit der Verantwortlichen schwieg sich dazu aus. Nur sieben Chefredakteure und eine Chefredakteurin haben uns geantwortet. Die Gründe, die angegeben wurden, sind sattsam bekannt: Frauen würden die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheuen, sie würden nicht gern männliche Verhaltensmuster imitieren müssen und: Ihnen fehle einfach der Mut.
Aber es gibt auch sehr viele furchtlose, kompetente Frauen, und sogar kinderlose, kompetente Frauen – und auch die kommen nicht hoch. Im Übrigen kann das Vereinbarkeitsproblem seitens des Arbeitgebers gewaltig gemindert werden – oder eben verstärkt.
Was die Regionalzeitungen angeht, gibt es noch einen Grund für den Reformstau: Sie stehen nicht unter einem solchen Beobachtungsdruck wie die überregionalen Medien – zum Beispiel durch ProQuote.

Abgesehen von den Regionalzeitungen: Bei welchen Publikationen und Verlagshäusern sieht es auch besonders düster aus?
Die FAZ ist und bleibt eine Männerbastion. Bei den überregionalen Magazinen hängt der Focus stark hinterher.

Die meisten Frauen in Führungspositionen findet man bei Bild (38,8 Prozent), dann bei Zeit (37,9 Prozent) und Spiegel (28,3 Prozent). Was ist in diesen Häusern anders? Oder arbeiten dort einfach nur die besonders ehrgeizigen Frauen?
Kai Diekmann, Giovanni di Lorenzo und Klaus Brinkbäumer haben schneller als andere begriffen, dass männerdominierte Redaktionen den Anforderungen eines zeitgemäßen Journalismus nicht entsprechen. Themenwahl, Tonalität, Arbeitskultur verändern sich, werden moderner, wenn da, wo entschieden wird, auch Frauen entscheiden. Der Erfolg der Zeit zeigt es: Die Zeit meistert die Branchenkrise wie kaum eine andere.

Es gibt Marktforschungsstudien, die zeigen, dass Frauen sich durchschnittlich weniger für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft interessieren als Männer. Auch lesen sie laut Reichweitenanalysen seltener Nachrichten und Zeitung. Haben Frauen schlicht die falschen Interessen für eine Karriere als Top-Journalist?
Zwei Gegenfragen. Erstens: Wenn das wirklich zutreffen würde: Waren es dann die politikinteressierten Männer, die ihre Frauen dazu zwangen, Angela Merkel zu wählen? Zweitens: Frauen interessieren sich überdurchschnittlich viel für Medizin und studieren dies auch seit Jahren zu einem weit höheren Anteil als Männer. Wieso bleibt der Anteil der Chefärztinnen dann ähnlich niedrig wie der der Chefredakteurinnen?

Immer wieder sagen Personalverantwortliche: Frauen wollen gar keine Top-Positionen bekleiden.
Natürlich wollen talentierte Frauen Top-Positionen bekleiden. Aber viele nicht um jeden Preis. Frauen sind weniger bereit, Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, in denen sie ihre Energie verschwenden: altbackene Präsenzkulturen, endlose Meetings, Gespreize und Postengeschacher. Wenn also die Verantwortlichen gute Frauen haben wollen, müssen sie gute Bedingungen schaffen. Für eine optimale Personalstruktur zu sorgen, das ist Führungsaufgabe. Chefs, die darin versagen, machen ihren Job nicht.

Die Organisationspsychologie hat eine Vielzahl von Faktoren identifiziert, weswegen Frauen seltener Karriere machen: Ein geringeres Machtmotiv, eine größere Scheu davor, sich unbeliebt zu machen. Man sagt auch: Die Frauen, die nach oben kommen, sind die, die sich verhalten wie Männer.
Sie können es auch positiv formulieren: Frauen sind sachorientiert und teamfähig. Sie neigen weniger zu Selbstüberschätzung, gehen kritischer mit den eigenen Talenten um. Das sind in unserer Branche dringend benötigte Qualitäten. Die lauten Journalisten, die in die Führungspositionen drängen, sind nicht die besten! Sondern die, die gut zuhören können.

Wenn man sich eine Tanit Koch oder eine Marion Horn ansieht, eine Miriam Meckel oder eine Bascha Mika; oder auch auf Manager-Ebene eine Anke Schäferkordt oder Julia Jäkel: Was machen diese Frauen anders?
Diese Frauen haben, was jede gute Führungskraft ausmacht, egal ob Mann oder Frau: Leistungsfähigkeit, Machtwillen, Entscheidungslust, Kreativität, Überzeugungskraft, Humor – und ein dickes Fell.

Kann es nicht sein, dass sich das Problem irgendwann von selbst erledigt? Die Männer, die gerade an der Spitze sind, sehen doch, was ihre Töchter drauf haben.
Was haben denn die Väter der Generationen davor gesehen? Dumme Töchter? Untalentierte Töchter? Außerdem sollen die Väter nicht auf ihre Töchter gucken, sondern auf die Frauen in ihrer Redaktion, die viel drauf haben, und diese in die Positionen setzen, in die sie gehören.
Trotz vielfacher Beteuerungen und Selbstverpflichtungen hat sich in unserer Branche in der Hinsicht in den vergangenen 20 Jahren so gut wie nichts geändert. In vielen Chefetagen geht es unglaublich schleppend voran. Verläuft das weiterhin so, wird es rechnerisch bis zum Jahr 2060 dauern, bis die Hälfte der Zeitungen von Frauen geführt werden. Ich bin mir sicher: Das will keiner. Die Argumente sind ausgetauscht, rauf und runter und immer wieder. Es ist alles gesagt. Und nun Chefs: Liefert.

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