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Snippets und Vorspeisen – die seltsame Leistungsschutz-Welt des Digitalkommissars Günther Oettinger

Vorspeise gratis, Hauptspeise zahlen? Günther Oettinger (l.) verzettelt sich in der LSR-Diskussion mit Mario Sixtus
Vorspeise gratis, Hauptspeise zahlen? Günther Oettinger (l.) verzettelt sich in der LSR-Diskussion mit Mario Sixtus

Nachdem die EU-Kommission um Digital-Kommissar Günther Oettinger jüngst einen Vorschlag für ein EU-weites Leistungsschutzrecht eingebracht hat, geht die Debatte darum im Netz weiter. Auf Twitter streitet sich Oettinger u.a. mit dem Journalisten Mario Sixtus, ob sich Nutzer nur mit kurzen Anreißern von Artikeln zufrieden geben. Der Digitalkommissar macht dabei einmal mehr keine gute Figur.

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Günther Oettinger war schon zu Beginn der Woche aufgefallen, als er beim Kongress der Zeitungsverleger recht unverhohlen forderte, die Verleger mögen doch bitte ihre online publizierenden Journalisten, die das Leistungsschutzrecht kritisch sehen, auf Linie bringen. Ein bedenkliches Verständnis von Meinungs- und Pressefreiheit, das der führende EU-Politiker da an den Tag legte.

Nun legt Oettinger auf Twitter nach. Der Journalist Mario Sixtus provozierte mit einem LSR-kritischen Tweet den Widerspruch des Digitalkommissars:

Erneut erstaunt Oettinger mit Aussagen, die der Lebenswirklichkeit von Medienschaffenden im Digitalen komplett widersprechen. Immerhin geben Verlage beträchtliche Summen für eine Google-Optimierung ihrer Seiten aus und selbst die Verlage, die in Deutschland in der VG Media organisiert sind und das LSR unterstützen, beeilten sich, Google so genannte „Gratis-Lizenzen“ zu erteilen als die Gefahr drohte, ihre Angebote könnten bei Google rausfliegen. Seinerzeit probte allein Axel Springer einen Mini-Aufstand gegen Google und verweigerte für die vier Angebote Welt.de, Computerbild.de, Autobild.de, Sportbild.de eine Gratis-Lizenz. In der Folge zeigte Google Artikel der vier Angebote nur noch mit Links und Überschriften an, nicht aber mehr mit kurzen Zusammenfassungen, so genannten Snippets.

Die Zugriffe auf die vier Angebote brachen daraufhin dramatisch ein und Springer beeilte sich, nachträglich die restlichen Gratis-Lizenzen zu beantragen. Trotz solcher Nachweise, dass große Teile des Web-Traffics tatsächlich von Google auf die Seiten der Verlage kommt, hängt Oettinger offenbar dem Glauben an, viele Leute würden ausschließlich die Snippets lesen. Er versteigt sich sogar zu einem wirren Vergleich mit Vor- und Hauptspeise, deren Sinn sich nicht in 140 Twitter-Zeichen ergründen lässt.

Schließlich verweist Oettinger auf eine EU-Umfrage zum Thema, bei der 47 Prozent der befragten User, die Anreißer lesen, angaben, nicht auf die Artikel weiterzuklicken.

Zunächst einmal bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Hälfte derjenigen, die Anreißen lesen ja weiterklicken. Denn es ist ja völlig unsinnig anzunehmen, ein Nutzer müsste auf jeden Anreißer klicken, den er liest. Genau dafür sind die Anreißer ja da, um eine Entscheidungshilfe zu leisten, ob es sich lohnt, zum dahinterliegenden Artikel weiterzuklicken oder eben nicht.

Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. Die Art und Weise, wie Befürworter des Leistungsschutzes argumentieren, bleibt hanebüchen.

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Alle Kommentare

  1. Es ist wirklich beängstigend, wie ahnungslos und bewusst realitätsfremd hier argumentiert und Politik gemacht wird. Oettingers Argumentation lässt sich wohl nur noch als postfaktisch bezeichnen…

  2. Daraus kann man eigentlich nur zwei Schlüsse ziehen: Entweder
    a) Oettinger stillt seinen eigenen Nachrichtenbedarf mit Snippets (weil er mehr nicht verarbeiten kann?) und kann deshalb nicht nachvollziehen, dass den meisten Lesern bei interessanten Themen die Schnipsel nicht ausreichen, oder
    b) Oettinger kennt Google und das Internet nur vom Hörensagen.
    Er darf sich gerne aussuchen, was in seiner Position und Funktion blamabler ist.

  3. Das ist ja das Schöne, solche Leute wie Kommissare müssen nicht wissen was sie tun. Hauptsache sie sind weg von dort, wo sie Unheil anrichten konnten, weil ihre Partei dies zuließ. Es gibt glücklicherweise ausreichend Sachkundige, die erfolgreich bremsen. Respekt!

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