Anzeige

ProQuote rechnet vor: 95 Prozent aller Chefredakteure bei Regionalzeitungen sind Männer

Cordula von Wysocki und Brigitte Fehrle sind zwei von fünf Chefredakteurinnen der von Männern dominierten Regionalzeitungen

Das Patriarchat beherrscht die kleinen Regionalzeitungen. Das sagt zumindest die Initiative ProQuote, die gerade ermittelt hat, wie viele Frauen in den Chefredaktionen der regionalen Zeitungen mit eigenem Mantel vertreten sind. Das Ergebnis: 95 Prozent der Chefredakteurssessel sind von Männern besetzt. Auch ihre Stellvertreter sind zu 82 Prozent männlich.

Anzeige

Die fünf Ausnahmen sitzen beim Trierischen Volksfreund (Isabell Funk), bei der Kölnischen Rundschau (Cordula von Wysocki), der Ludwigburger Kreiszeitung (Ulrike Trampus), der Berliner Zeitung (Brigitte Fehrle) und der Rhein-Neckar-Zeitung (Inge Höltzcke in einer Doppelspitze).

Stellvertretende Chefredakteurinnen finden sich schon deutlich häufiger: bei der Nordwest-Zeitung, beim Nordkurier und dem Weserkurier, bei der Oldenburgischen Volkszeitung, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, der Lausitzer Rundschau, den Ruhr-Nachrichten, der Westdeutschen Zeitung, der Oberhessischen Presse, dem Gießener Anzeiger und der Gießener Allgemeinen, der Thüringer Allgemeine, der Chemnitzer Neuen Presse, der Sächsischen Zeitung, dem Hanauer Anzeiger, dem Mannheimer Morgen, der Heilbronner Stimme, dem Badischen Tagblatt, der Schwäbischen Zeitung und der Passauer Neuen Presse. Aber: Bei manchen dieser Zeitungen handelt es um Führungspositionen, in denen sich mehrere Personen den Posten des Stellvertreters teilen. Das heißt: Häufig gibt es dort eine stellvertretende Chefredakteurin neben bis zu drei männlichen stellvertretenden Chefredakteuren. Zudem stehen Frauen im Süden Deutschlands seltener an der Spitze, als im Norden.

Warum das so ist? Die Mehrheit der Verantwortlichen schweigt. Nur acht Chefredakteure waren zu einer Stellungnahme bereit. Sogar rein frauengeführte Zeitungen reagierten nicht auf die Statement-Anfrage von ProQuote.

Welche Aussage besonders ins Auge fällt: Ulrike Trampus, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung, lehnt eine Quote ab: „Chefredakteurin oder Stellvertreterin muss man sein wollen, dafür auch den Rückhalt des privaten Umfelds haben und vor allem: sich den Job zutrauen.“ Frauen wollen also gar nicht. Das deckt sich mit eine der Begründungen, die Rheinpfalz-Chefredakteur Michael Garthe nennt: „Ich suche derzeit ein zusätzliches Mitglied für die Chefredaktion, verantwortlich für unsere digitalen Produkte – es gibt keine einzige Bewerberin. Zwangsläufig wird ein Mann zum Zuge kommen und diese Position dann auf viele Jahre hinaus besetzen“, erklärt er.

Hans-Herbert Jenckel von der Landeszeitung der Lüneburger Heide sieht den Grund weniger in dem Unwillen der Frauen. Er geht einen Schritt weiter und spricht die gläserne Decke an: „Die Frauen haben längst die Macht in den Redaktionen, aber auf dem Weg an die Spitze liegt irgendwo ein Engpass, da pappt ein Schild: Zutritt nur für Frauen, die wie Machos wüten und garantieren, dass die Kinder die anderen kriegen“, erklärt er und ergänzt zuversichtlich: „Es sind die Vorurteile und tradierten Werte von harten Blattmachern mit Ellbogen und Ego, die noch den Status quo prägen – aber nicht mehr lange.“

Auch auf den heute beginnenden Zeitungskongress 2016 wird das Thema Frauenquote zur Sprache kommen. Mathias Döpfner will sich zum ersten Mal in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) öffentlich äußern. „Wir sind gespannt, welche Maßnahmen Herr Döpfner dagegen vorschlägt“, sagt ProQuote-Vorstandsvorsitzende Maren Weber. „Wenn Frauen sogar die auflagenstärksten Zeitungen der Republik, Bild und Bild am Sonntag, verantworten, müsste das doch in den Regionen ein Leichtes sein.“

Anzeige