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Die Handschrift des Blattmachers: Gedanken zum Tod des Journalisten Ernst Fischer

Ernst Fischer, Journalist und Blattmacher, ist am Dienstag in München gestorben
Ernst Fischer, Journalist und Blattmacher, ist am Dienstag in München gestorben

Der Journalist Ernst Fischer, Ex-Chefredakteur der Hamburger Morgenpost und Mitglied der Chefredaktion des stern und der Süddeutschen Zeitung, ist tot. Er starb im Alter von 74 Jahren in München an einer Krebserkrankung. Fischer hatte seine Laufbahn bei der Abendzeitung gestartet und machte – was selten ist – sowohl im Boulevard-Metier wie bei den überregionalen Leitmedien Karriere. Ein Nachruf.

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Als Ernst Fischer mein Chef wurde, hatte ich gerade das Volontariat bei der Hamburger Morgenpost begonnen, einem Haus mit schon damals sehr wechselvoller und zuletzt unruhiger Historie. Der Eigentümer der Zeitung war Gruner + Jahr, dessen Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen sich drei Jahre zuvor aus unerfindlichen Gründen in ein Blatt verguckt hatte, das so gar nicht zum Glanz und Gloria des feinen Zeitschriftenverlags mit seinen vielen Hochglanz-Magazinen, den Anzeigen-Millionen und den vielen standesdünkelnden Alpha-Tieren passte. Vom „Affenfelsen“ an der Hamburger Außenalster, seinerzeit noch G+J-Verlagssitz, bis zum roten Backsteingebäude nahe Tankstelle und Auffahrt zur A7 lagen nur einige Kilometer und doch Welten.

Schulte-Hillens Sympathie für die linke Boulevardredaktion, die den hochgerüsteten Springer-Zeitungen Bild Hamburg und Hamburger Abendblatt personell hoffnungslos unterlegen war, fand im Management von Gruner + Jahr wenig Widerhall. Den meisten Führungskräften war das journalistische Aschenputtel im Portfolio wohl zuwider. Statt es nach Kräften zu fördern, ließ man die Zeitungsleute an der Griegstraße weiterwursteln wie gehabt. Immerhin verpflichtete Schulte-Hillen nach dem Kauf 1986 mit dem SPD-Politiker Wolfgang Clement einen bundesweit bekannten Journalisten als Blattmacher und gestattete ihm, beim Rivalen Bild ein paar Boulevard-Profis abzuwerben. 1989 war das Gastspiel des ehemaligen Parteisprechers, späteren Ministerpräsidenten und Bundeswirtschaftsministers beendet – mit durchwachsener Bilanz. „Es ist leichter, ein Land wie Nordrhein-Westfalen zu führen als die Hamburger Morgenpost“, sagte Clement später über diese Zeit.

Ein Neuer musste her: Ernst Fischer. Für die Stadtprominenz war der Mann aus München ein No Name, und auch die Redaktion nahm die Nachricht mit Skepsis auf. Ein Bayer als Macher eines Hamburger Lokalmediums – wie soll das gut gehen? Noch bevor der Mittvierziger seinen Job antrat, machten Fotos die Runde, die ihn in Trachtenjoppe und Lederhose zeigten, hämische Kommentare inklusive, wie das bei einer verunsicherten Mannschaft eben üblich ist. Die Kritiker, die ihn vorschnell als Fehlbesetzung abqualifizierten, haben sich getäuscht – und wie! Unter Ernst Fischer kehrte die Hamburger Morgenpost, die in den Wirtschaftswunder-Jahren mal mehr als 400.000 Exemplare täglich verkauft hatte, zwar nicht zu alter Auflagenstärke zurück. Der neue Chefredakteur aber sah sofort, was der Zeitung fehlte, und er handelte danach. Die intern als „Mottenpost“ verspottete Mopo bekam jeden Donnerstag das Extrablatt beigelegt, einen Sieben-Tage-Veranstaltungsplaner, der bald voller Anzeigen war. Fischer gab der Zeitung eine verschütt gegangene Eigenschaft zurück: die Lebensfreude.

Für viele Redakteure war das neu: Sie waren richtig gut darin, Schimmel in städtischen Wohnungen aufzuspüren, Ärzte-Pfusch anzuprangern oder Skandale in Politik und Wirtschaft aufzudecken. Nur das Leichte ging ihnen ab, die schönen Seiten ihrer Hansestadt zu zeigen war ihre Sache nicht. „Ihr liebt Eure Stadt nicht“, sagte Fischer in einer Konferenz, und das saß, weil er – ausgerechnet der Bayer! – ja nur zu recht hatte. Die Redaktion hatte längst gemerkt, dass da ein Profi am Werk war, der wusste, was die Leute lesen wollten. Ernst Fischer verdiente sich den Respekt lange vor der Zuneigung, denn als Chef war er nicht einfach zu nehmen, heute würde man sagen: „speziell“. Seine Launen waren berüchtigt, seine Ansprüche an jeden Einzelnen hoch. Einmal, in der Morgenkonferenz, verriss er die eigene Zeitung nach Strich und Faden, warf sie den versammelten Ressortleitern vor die Füße und polterte, es gäbe keinen Grund, so einen Mist zu kaufen. Aber wer einmal von ihm gelobt wurde, stellte fest, dass hinter der grantelnden Fassade des Qualitäts-Fanatikers ein sensibler und humorvoller Mensch steckte. Man merkte: Er wollte nicht gefallen, er wollte überzeugen. Auch und vor allem die intellektuellen Leser. Und er war ein begnadeter Handwerker, was sich besonders bei großen Nachrichtenlagen zeigte: Als 1991 über Nacht der erste Golfkrieg ausbrach, ging der Chefredakteur am Morgen mit einem Stapel Agenturfotos ins Layout und kam nach einer Stunde mit einer 10-Seiten-Strecke zurück. Nichts musste später geändert werden, die Redaktion hatte nur noch die Artikel zu schreiben.

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Als Journalist war Fischer bei der Abendzeitung sozialisiert worden, dem damals wohl besten und eigenwilligsten Boulevardtitel der Republik. Fassbinder, Dietl, Eichinger, Monaco Franze, Kir Royal – das waren die Protagonisten, die den Stoff für eine unverwechselbare Kaufzeitung lieferten, Leute wie Graeter schrieben sie auf. Die Mach- und Denkart der AZ exportierte Fischer in die Hansestadt – ein Gewinn für das Blatt und die Hamburger Zeitungsszene. Unter keinem Blattmacher nach dem Kauf durch Gruner + Jahr war – lange vor dem Internet – die Auflage höher als zu seiner Zeit. Er war ein Instinkt-Journalist, der 1989 am Abend der Grenzöffnung als erster die Schlagzeile brachte: „Die Mauer ist weg!“ Zugleich war ihm die dem Boulevard-Business anhaftende nationale Gefühlsduseligkeit stets suspekt. Als Deutschland im Jahr darauf ins Finale der Fußball-WM von Italien einzog und den Pokal in greifbarer Nähe hatte, stand auf der Titelseite der Hamburger Morgenpost in großen Lettern lapidar: „Schön wär’s schon“. Die Ausgabe verkaufte sich trotzdem – oder vielleicht sogar deswegen – exzellent. Denn die Mopo war nicht Bild oder sonstwas, sondern hatte mehr denn je ihr eigenes Gesicht, das sich bis heute im harten Boulevardgeschäft behauptet.

Als Ernst Fischer nach drei Jahren 1992 auf Wunsch des dortigen Chefredakteurs Rolf Schmidt-Holtz als Vize zum G+J-Magazin-Flaggschiff stern wechselte, war in der Redaktion von Erleichterung nichts zu spüren, das Bedauern überwog. Man hatte sich aneinander gewöhnt, und die Redakteure schätzten die Bedingungslosigkeit, mit der sich ihr Chefredakteur seinem Job widmete, für den Substanz zählte und nicht Selbstdarstellung. Später ging Fischer zurück nach München, in die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, wo er noch einige Jahre aktiv war. Über sein leidenschaftliches Hobby, das Golfspielen, veröffentlichte er nach seiner Pensionierung 2012 ein selbstironisches Buch: „Golf ist nichts für Feiglinge“.

Was für die allermeisten erfolgreichen Medienmacher heute fast schon eine Selbstverständlichkeit ist, war ihm verhasst: Zeit seines Lebens hat er sich geweigert, sich in Job-Netzwerken oder den üblichen Communities zu zeigen und Kontakte zu knüpfen. Bei Ernst Fischer ging es stets nur auf dem direkten Weg. So ist es keine Überraschung, dass sich bis heute im Internet kaum eine Spur von ihm findet. Den Weggefährten bleibt die Erinnerung an einen sperrigen Vorgesetzten und Kollegen, vor allem aber an einen Blattmacher, der sich mit einer untrüglichen Sicherheit zwischen den Zeitungswelten zu bewegen wusste wie kaum ein Zweiter.

Wie viele aus der 1989er-Truppe der „Mopo“ hat mich die Zeit mit ihm besonders geprägt. Es war gewiss nicht immer leicht, aber ich habe, erst als Volontär, dann als junger Gerichtsreporter, mit respektablem Abstand, viel von ihm gelernt. Von allen Chefredakteuren, die ich in drei Jahrzehnten als Redakteur kennenlernte, gibt es drei, denen ich bis heute dankbar bin – der Bayer, der 1989 die Hamburger Morgenpost übernahm, ist einer davon. Machen Sie es gut, Ernst Fischer, wer Sie kannte, wird Sie so schnell nicht vergessen.

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Alle Kommentare

  1. Tja und heute ist Mopo wieder ein halbstarker Salonsozialist, gern moralisch empört, latent neidisch und Lebensfreude? Ja, nach der Lebensfreude im Blatt suche ich immer noch.

  2. An anderer Stelle in „meedia” zeigt ein bunter Bilderbogen, wer zur „Madsack-Sause beim Redaktionsnetzwerk Deutschland” erschienen ist, um den Sozialabbauern die Ehre zu geben: Göring-Eckardt, Oppermann, Hofreiter und auch Sarah Wagenknecht.

  3. Keine Ahnung von Zeitung, von digitalen Medien, in 20 Jahren nichts begriffen, aber ein fettes Gehalt, dicken Dienstwagen und die große Klappe über die Wichtigkeit des freien Journalismus. Pfui Deibel.

  4. Tja und heute ist Mopo wieder ein halbstarker Salonsozialist, gern moralisch empört, latent neidisch und Lebensfreude? Ja, nach der Lebensfreude im Blatt suche ich immer noch.

  5. Alles, was oben über Ernst Fischer sel. A. gesagt wird, kann ich unterstreichen. Aber die AZ war nicht der Anfang: Ich habe ab Juli 1965 sieben Jahre mit Ernst Fischer in der Redeaktion der DEGGENDORFER ZEITUNG, Kopfblatt der PASSAUER NEUE PRESSE, in Deggendorf zusammengearbeitet und unendlich viel von ihm gelernt. Vor allem, die Leser zu respektieren, sie zu schätzen und ihnen nahe zu sein. Seine Art, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, hat mich inspiriert, seine Unabhängigkeit dazu gebracht, ihm nachzueifern. Ernst Fischer war ein KOLLEGE, das habe ich ihm, der als Jungredakteur angefangen hatte und von ihm absolut unaufdringlich und ohne Besserwisserei gefördert wurde, nie vergessen.
    S. Michael Westerholz

  6. Der Nachruf stammt von mir. In der App wird der Autorenname von der Website aufgrund eines technischen Problems leider nicht angezeigt. Wir arbeiten daran.

  7. Tja und heute ist Mopo wieder ein halbstarker Salonsozialist, gern moralisch empört, latent neidisch und Lebensfreude? Ja, nach der Lebensfreude im Blatt suche ich immer noch.

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