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„Hör zu, Mark, das ist ernst“: Aftenposten-Chef empört sich über Facebook-Zensur von Napalm-Mädchen-Foto

Espen Egil Hansen ist Chefredakteur der Aftenposten
Espen Egil Hansen ist Chefredakteur der Aftenposten

Wenn man es sich mit vielen Journalisten möglichst schnell verscherzen will, gibt es kaum eine schnellere Methode, als das Foto des Napalm-Mädchens Kim Phuc zu zensieren. Dieses Bild ist eine Ikone der Kriegsfotografie und eines der wichtigsten Beispiele, wie ein einziges Presse-Bild ganze Gesellschaften aufrütteln kann. Jetzt hat Facebook dieses Dokument der Zeitgeschichte zensiert und die Empörung ist groß.

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Entfernt wurde die historische Aufnahme vom 8. Juni 1972, für die der Militärfotograf Nick Ut mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, von der Facebook-Seite der Aftenposten. Kurz nachdem die Norweger das Bild veröffentlicht hatten, bekamen sie vom Hamburger Facebook-Büro eine Mail mit der Aufforderung, es zu entfernen oder zu verpixeln. Für die prüden Regeln des US-Netzwerkes enthalte es zu viel nackte Haut.

Die Aufnahme zeigt das nackte Mädchen Kim Phuc, wie sie in Vietnam vor einem Napalm-Angriff des amerikanischen Militärs flieht. Dieses Foto ist deshalb so wichtig, weil es das ganzen Leid und die militärischen Ausweglosigkeit des Vietnamkrieges in einem Bild zusammenfasste. Das Foto wurde zu einem Symbol und rüttelte viele Menschen auf der ganzen Welt auf. Eine ähnliche Wirkung hatte beispielsweise auch das Bild des toten Jungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum.

Ohne eine Antwort der Aftenposten-Redaktion abzuwarten, löschte Facebook nach kurzer Zeit das Bild. Ein vorgehen, dass viele Online-Journalisten mittlerweile gewohnt sind und das viele längst einfach so hinnehmen.

Nicht so von Espen Egil Hansen, der Chefredakteur der Aftenposten. Er schrieb einen offenen Brief an Mark Zuckerberg, postete ihn, druckte ihn in der Zeitung und produzierte ein entsprechendes Web-Video.

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Darin heißt es nach der Höflichkeitsformel „Lieber Mark Zuckerberg“: „Ich folge Dir auf Facebook, aber Du kennst mich nicht. Ich schreibe diesen Brief, um Dich zu informieren, dass ich Deinen Bedingungen, ein dokumentarisches Foto des Vietnam-Krieges von Nick Ut zu entfernen, nicht folgen werde. Nicht heute und auch nicht in Zukunft.“

Weiter heißt es:

Hör zu Mark, das ist ernst. Erstens stellst Du keine Regeln auf, die zwischen Kinderpornografie und berühmten Kriegsfotos unterscheiden. Dann setzt Du Regeln um, ohne Raum für eine gute Beurteilung zu lassen. Anschließend zensierst Du sogar die Kritik und eine Diskussion über diese Entscheidung– und Du bestrafst die Person, die es sich anmaßt Kritik zu äußern.

Verbittert merkt Hansen noch an: „Obwohl ich Chefredakteur von Norwegens größter Zeitung bin, muss ich mir klarmachen, dass Du meine redaktionelle Verantwortung einschränkst.“

Die Viral-Strategie des Norwegers scheint aufzugehen. So entflammt gerade wieder eine lebhafte Debatte, über die publizistische Macht, die Facebook hat und über die Frage, ob das US-Netzwerk diese missbraucht.

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Alle Kommentare

    1. Habe Respekt vor euren renitenten Regierungsmitgliedern! Vielleicht schaffen sie es, einen Präzedenzfall daraus zu machen, der der publizistischen Vielfalt in social media zugute kommt.

  1. Unsere Ministerpräsidentin Erna Solberg hat heute morgen selbst das legendäre Bild auf ihrer Facebook-Seite gepostet. Nach einigen Stunden hat Facebook es entfernt…

  2. Armes Facebook.
    Die ganzen Zensurwünsche der extremistischen Genderisten, Feministen, des politischen Establishments …. Geschlechtsteile raus und rein, Antisemitismus ja und nein, Flüchtlingspolitik und – kritik, Islamkritik ja und nein.
    Hatespeech und freie Meinungsäußerung.
    Abgeschlachtete Jessiden bitte löschen, völlig nackte aber brennende Kinder bitte stehen lassen. Aber wehe Eltern posten Bilder ihrer eigenen Kinder im Netz, dann vielleicht strafbar.
    Man kommt völlig durcheinander was nun zu zensieren ist und was den Despoten dieser Welt noch genehm erscheint.
    Da kann man schon mal die politische Tragweite verkennen.
    Da sind die Chinesen und die Saudis sicher verträglicher, als die empörten und moralisch, bestenfalls verirrten Medienschaffenden in Europa.

    1. Thema verfehlt, würde ich mal sagen. Es geht hier um den Missbrauch von publizistischer Macht durch Facebook und nicht um die Befindlichkeiten unserer Medienschaffenden. Der Kollege aus Dänemark tut uns allen einen Gefallen, wenn er am konkreten Beispiel das Thema deutlich macht.

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