Anzeige

Vertrauen in Berichterstattung: Medien schneiden vor allem bei Rechten, Geringverdienern und jungen Leuten schlecht ab

Prof. Dr. Kim Otto und Andreas Köhler haben das Misstrauen in die Medien untersucht.
Prof. Dr. Kim Otto und Andreas Köhler haben das Misstrauen in die Medien untersucht.

Um das Vertrauen in die Medien stand es 2015 schlechter als im Vorjahr. Doch wer genau wird gegenüber der Berichterstattung eigentlich misstrauischer? Eine Analyse der Medienwissenschaflter Dr. Kim Otto und Andreas Köhler von der Uni Würzburg zeigt: Medien schneiden besonders bei Menschen aus dem rechten politischen Spektrum ab, genauso aber bei Geringverdienern. Wesentlich schlechter als noch im Vorjahr ist die Einstellung junger Altersgruppen geworden.

Anzeige
Anzeige

Von Kim Otto und Andreas Köhler

Der Anteil der Menschen, die der Presse misstrauen, ist im Jahr 2015 auf 49 Prozent angestiegen. Das sind vier Prozent mehr als im Vorjahr. Über einen Zeitraum von 15 Jahren gesehen ist das nicht dramatisch, es gab auch schon erheblich schlechtere Werte. Auch das Misstrauen in den Rundfunk ist 2015 gestiegen, liegt aber auf einem niedrigeren Niveau als das Misstrauen in die Presse. 37,3 Prozent der Menschen misstrauen demnach 2015 dem Radio und 43,3 Prozent dem Fernsehen. Das ist ein Anstieg von 8,7 Prozentpunkten beim Radio und 6,4 Prozentpunkten beim Fernsehen gegenüber 2014. Die Aussage, dass „die Deutschen“ den Medien zunehmend stärker misstrauen, ist jedoch sehr unspezifisch und verallgemeinert. Das gesunkene Medienvertrauen 2015 lässt sich stattdessen spezifischer auf einzelne Bevölkerungsgruppen zurückführen. Die Ursachen für den Anstieg des Misstrauens in die Presse werden in Alter, Geschlecht, in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation, in der Einstellung gegenüber Parteien und in der politischen Position der Befragten gesucht.

Hierfür wurde auf Daten des Eurobarometers zurückgegriffen. Es handelt sich hierbei um eine jährliche Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Europäischen Kommission, die von Umfrageinstituten in den Mitgliedsländern der EU erhoben wird. Für jede Umfrage werden pro Mitgliedstaat etwa 1000 EU-Bürger im Alter ab 15 Jahren befragt. Der komplette Datensatz zur Befragung im November 2015 wurde im Mai 2016 veröffentlicht. Er beinhaltet neben der Frage nach dem Medienvertrauen auch weitere Fragen zu politischen Einstellungen und Sozio-Demografie. Diese wurden hier mit Ergebnissen aus dem November 2014 verglichen und zeigen,wer den Medien stärker misstraut als im Vorjahr.

Bei jungen Menschen ist das Misstrauen drastisch gestiegen

Betrachtet man zunächst das Medienvertrauen im Hinblick auf das Alter der Befragten, zeigt sich, dass vor allem jüngere Befragte der Presse besonders häufig misstrauen. Waren es im Jahr 2014 noch vor allem ältere Menschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren, die der Presse am häufigsten ihr Misstrauen aussprachen, so sind es 2015 jüngere Befragte im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Keine andere Altersgruppe misstraut der Presse so stark. Der Anteil unter ihnen, der der Presse misstraut, stieg binnen eines Jahres von 47,1 Prozent im Jahr 2014 auf 62,4 Prozent im Jahr 2015. Das ist ein Anstieg um 15,3 Prozentpunkte und der größte Anstieg im Vergleich zwischen allen Altersgruppen. Auch bei den 15 bis 24-jährigen stieg das Misstrauen um 7,6 Prozentpunkte. Bei den älteren Befragten gab es ebenfalls einen Anstieg, er ist jedoch teilweise erheblich geringer. Offensichtlich sind es also vor allem jüngere Menschen, die der Presse zunehmend weniger vertrauen.

Diese Entwicklung ist auch gegenüber dem Rundfunk erkennbar: Bei den 25 bis 34-Jährigen ist eine sehr starke Zunahme des Misstrauens gegenüber Radio und Fernsehen erkennbar. Sie sind 2015 die Altersgruppe, die Radio und Fernsehen am stärksten misstraut. 54,3 Prozent der 25-34-Jährigen misstrauen dem Fernsehen, 49,1 Prozent dem Radio. Die Zunahme des Misstrauens ist in dieser Altersgruppe am stärksten: mit 17,7 Prozent bei Radio und 14,9 Prozent beim Fernsehen.

Eurobarometer_1-1024x723

Das Geschlecht der Befragten spielt indes eine weniger große Rolle. Das Misstrauen ist bei Frauen etwas stärker ausgeprägt bezüglich der Presse. 2015 misstrauen 53,4 Prozent der Frauen der Presse. Das sind 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Unter den befragten Männern misstrauen 50,3 Prozent der Presse im Jahr 2015 ‒ ein Anstieg um fünf Prozent. Der Unterschied des Anstiegs zwischen den Geschlechtern beträgt somit nur 1,4 Prozentpunkte. Beim Rundfunk misstrauen die Männer etwas stärker, 38,3 Prozent der Männer misstrauen dem Radio (zwei Prozent mehr als bei den Frauen), 43,9 Prozent dem Fernsehen (1,1 Prozent mehr als bei den Frauen). Der Unterschied im Misstrauen zwischen den Geschlechtern ist also beim Radio am größten. Hier gab es auch den stärksten Anstieg des Misstrauens: Um 9,3 Prozentpunkte ist das Misstrauen der Männer gegenüber dem Radio zwischen 2014 und 2015 angestiegen.

Wer Parteien misstraut, misstraut auch der Presse

Medienvertrauen hängt mit dem grundsätzlichen Vertrauen in demokratische Institutionen zusammen, zeigten bereits Ländervergleichs-Studien (vgl. u.a. Tsfati/Ariely 2013). Zentrale Institutionen in der parlamentarischen Demokratie sind die Parteien. Ihnen wird in Deutschland zunehmend stark misstraut. 2015 gaben 71,4 Prozent der Befragten an, den Parteien zu misstrauen. Das sind 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bei jenen Befragten, die den Parteien vertrauen, ist das Misstrauen in die Presse auf einem geringen Niveau und im Jahr 2015 sogar noch einmal gesunken ‒ von 21,2 Prozent im Jahr 2014 um 1,3 Prozentpunkte auf 19,9 Prozent im Jahr 2015. Misstrauen die Befragten jedoch den Parteien, so ist auch das Misstrauen in die Presse groß und im Jahr 2015 stark angewachsen ‒ um acht Prozentpunkte auf 63 Prozent der Befragten.

Ähnlich verhält es sich auch gegenüber dem Rundfunk. Bei jenen, die Parteien eher misstrauen, misstrauen auch 46,7 Prozent dem Radio: Ein Anstieg um 11 Prozent. 53,7 Prozent dieser Befragten misstrauen dem Fernsehen: ein Anstieg um 9,3 Prozent.

Die Menschen, die also nicht mehr von Parteien erreicht werden und sich von diesen abwenden, wenden sich auch von den Medien ab. Steigt das Misstrauen in die Parteien, steigt es auch gegenüber den Medien. Können hingegen Parteien die Menschen erreichen, profitieren davon auch andere demokratische Institutionen.

Eurobarometer_2-1024x710

Besonders Rechte vertrauen wesentlich weniger in Medien

Im Vergleich zwischen den politischen Lagern sind es vor allem Befragte, die sich als politisch rechts einordnen, die der Presse und dem Rundfunk besonders stark misstrauen. Im Rechts-Links-Spektrum, in das sich die Befragten selbst einordnen konnten, ist der Anstieg des Misstrauens im Jahr 2015 bei den Rechten besonders stark. Es stieg gegenüber der Presse um 19,6 Prozent auf 82,1 Prozent. Gegenüber dem Radio um 27,7 Prozent auf 71,4 Prozent und gegenüber dem Fernsehen um 21 Prozent auf 67,9 Prozent. Der Anteil der Rechten an der Gesamtzahl der Befragten hat im Jahr 2015 hingegen leicht abgenommen, von zwei auf 1,8 Prozent. Die Befragten, die sich auch im Jahr 2015 als rechts einordnen, zeigen jedoch eine deutlich drastischere Ablehnung als im Vorjahr. Hier hat es eine erkennbare Verschärfung gegeben.

Auch in der politischen Mitte kam es zu einer Steigerung des Misstrauens gegenüber der Presse ‒ um 6,8 Prozent auf 51,3 Prozent und somit auf über die Hälfte der Befragten. Auch das Radio hat stark an Vertrauen verloren. Um 13,1 Prozentpunkte ist der Anteil der Befragten gestiegen, die dem Radio misstrauen. Erkennbar ist, dass politisch Extreme auf der linken Seite des politischen Spektrums zwar auch ein stärkeres Misstrauen gegenüber den Medien haben, als es in der politischen Mitte der Fall ist; es ist allerdings überraschend, dass sie Presse und Rundfunk im Jahr 2015 weniger stark misstrauen als im Vorjahr. Es gab einen Rückgang des Misstrauens gegenüber der Presse um 3,6 Prozent, um 3 Prozent gegenüber dem Radio und um 1,5 Prozent gegenüber dem Fernsehen.

Die Rolle der Flüchtlingskrise in Deutschland als Katalysator zur Radikalisierung der politischen Rechten und zur verstärkten Kritik der politischen Mitte an den politischen Institutionen kann nur durch einen zeitlichen Vergleich aufgezeigt werden. Die Frage, ob die Befragten einverstanden damit sind, dass ihr Land Flüchtlingen hilft, wurde jedoch 2015 erstmals im Eurobarometer-Fragebogen gestellt, so dass ein Vergleich derzeit nicht möglich ist.

Anzeige

Es zeigt sich jedoch, dass Menschen, die sich gegen die Hilfe für Flüchtlinge aussprechen, zu einem erheblichen Anteil auch den Medien misstrauen. 85,5 Prozent der Befragten, die völlig, und 71,9 Prozent der Befragten, die teilweise der Aussage widersprechen, dass Flüchtlingen geholfen werden sollte durch ihr Land, misstrauen auch der Presse. Auch der Anteil der Befragten, die dem Rundfunk misstrauen, ist bei jenen, die sich gegen die Hilfe für Flüchtlinge positionieren, am größten.

Eurobarometer_3-1024x615-1

Medienvertrauen kann daher nicht losgelöst von politischen Stimmungen und der Haltung gegenüber der Demokratie bewertet werden. So geht die Zunahme des Misstrauens gegenüber den Medien vor allen Dingen von den Menschen aus, die den Parteien misstrauen, sich gegen Flüchtlingshilfe positionieren und eher am rechten Rand des politischen Spektrums beheimatet sind.

Mehr Misstrauen bei schlechter wirtschaftlicher Situation

Als weitere mögliche Erklärung für sinkendes Medienvertrauen wird die wirtschaftliche Situation betrachtet. So wurde in der Forschung bereits gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Vertrauen in demokratische Institutionen und der wirtschaftlichen Situation eines Landes gibt (vgl. Zmerli/Newton/Montero 2006). Nur beurteilen die Befragten im Eurobarometer 2015 ihre private finanzielle Situation besser als 2014. Der Anteil der Befragten, die ihre eigene Situation als sehr gut bezeichnen, ist um 4,2 Prozentpunkte auf 14,9 Prozent angestiegen. Und weniger Befragte beurteilen ihre Lage 2015 sehr schlecht ‒ nur 2,5 Prozent (ein Prozent weniger als im Vorjahr) ‒ oder eher schlecht ‒ 15,9 Prozent (0,7 Prozent weniger als im Vorjahr).

Doch trotz der Tatsache, dass es vielen Menschen im Jahr 2015 wirtschaftlich besser geht, ist das Misstrauen in die Medien bei jenen, denen es wirtschaftlich schlechter geht, enorm gestiegen. Befragte, die ihre finanzielle Situation als eher schlecht beurteilen, misstrauen zu 70,3 Prozent der Presse. Bei jenen, die ihre Lage als sehr schlecht beurteilen, sind es sogar 78,9 Prozent. Das sind bei beiden Gruppen 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei jenen, die ihre Lage besser beurteilen, ist das Misstrauen auch gestiegen, allerdings weniger stark und auf einem niedrigeren Niveau. Auch gegenüber dem Rundfunk ist das Misstrauen bei den Befragten besonders hoch, denen es nach eigener Einschätzung wirtschaftlich schlecht geht. Der Anstieg beträgt im Vergleich zum Vorjahr jeweils über zehn Prozent.

Eurobarometer_4-1024x676

Obwohl also weniger Menschen nach eigener Aussage in einer schlechten finanziellen Lage sind, sinkt das Medienvertrauen ‒ auch weil sich das Misstrauen bei jenen, denen es schlecht geht, verschärft. Es entsteht der Eindruck, dass jene 18,4 Prozent der Bevölkerung sich abgehängt fühlen von Wohlstand, Demokratie und Teilhabe und darauf auch mit einer stärkeren Ablehnung der Medien reagieren.

Die vertiefte Analyse zeigt: Es sind nicht „die Deutschen“, die den Medien zunehmend misstrauen. Es sind spezifische Gruppen, auf die sinkendes Medienvertrauen zurückgeführt werden kann. Erkennbar ist ein Einfluss der wirtschaftlichen Situation, der politischen Einstellung und des Alters auf das Medienvertrauen. Eine Zunahme des Misstrauens gegenüber den Medien gibt es vor allem bei Menschen, die jünger als 35 Jahre alt sind, ihre eigene wirtschaftliche Lage als schlecht beurteilen, den Parteien misstrauen, sich gegen Flüchtlinge positionieren und eher am rechten Rand des politischen Spektrums beheimatet sind.

Dieser Beitrag erschien  zuerst beim European Journalism Observatory .

 

Über die Autoren:
Kim Otto ist Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg und Reporter beim ARD-Politikmagazin „Monitor“.

Andreas Köhler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg.

 

Literatur:

Tsfati, Yariv/Ariely, Gal (2013): Individual and contextual correlates of trust in media across 44 countries, in: Communication Research 20 (10), S. 1-23.

Zmerli, Sonja/Newton, Kenneth/Montero, José Ramon (2006): Trust in People, Confidence in Political Institutions, and Satisfaction with Democracy, in: Jan W. van Deth/José Ramon Montero/Anders Westholm (Hrsg.): Citizenship and Involvement among the Populations of European Democracies, London, S. 35-65.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. „Wer Parteien misstraut, misstraut auch der Presse“.

    Woher mag das nur kommen? Hier wäre ein Ansatz, tiefer zu recherchieren. Wenn sich in Deutschland wieder neutraler Journalismus ala NZZ etablieren könnte, würde der Zusammenhang über kurz oder lang fallen.

    Aber so…

    1. Wer lesen kann hat einen Vorteil.
      Die Umfrage stammt vom November 2015. Also noch vor Sylvester 2015 in Köln. Sie wurde erst im Mai 2016 veröffentlicht.

  2. Rechte und Geringverdiener
    vertrauen also den Medien nicht. Leute mit höherem Einkommen vertrauen im Umkehrschluss also den Medien. Linke vertrauen den Medien. Es sind nicht die Deutschen die den Medien nicht vertrauen nur eine spezielle Gruppe sozial abgehängter Rechter, behaupten die beiden Experten. Ist das noch Wissenschaft oder ein Beleg dafür, warum man den Medien besser nicht vertrauen sollte?

  3. Klingt plausibel und zeigt, dass sich die Linken bei den Medien nicht so schlecht aufgehoben fühlen wie die Rechten.

  4. Hej Leute, da untersuchen zwei Leute eine andere Untersuchung… und schreiben einen ellenlangen Sermon mit schönen Statistiken usw. Und ich lese grade: „Für jede Umfrage werden pro Mitgliedstaat etwa 1000 EU-Bürger im Alter ab 15 Jahren befragt.“ DAS soll die Basis von diesen Zahlen sein? Ich glaub es nicht! 1.000 EU-Bürger aus Deutschland. Und bestimmt haben „die Institute“ REPRÄSENTATIV EINWANDFREI ausgewählt, wen sie befragen. Alles Blödsinn!! Bei mir rufen auch ständig Leute an von all den bekannten Instituten. Am Festnetz-Telefon.. und ich gebe gerne Auskunft, vor allem wenn es um politische Fragen geht. Meinen Namen, mein Alter… prüft doch keiner. Die haben mich irgendwie in ihrer Datei als „stimmt zu angerufen zu werden“ und schwupps wird die Telefonliste UND die Fragen-Liste mit vorgegebenen Antworten von…bis… durchgegangen. Mal möchte „Fielmann“ was rausfinden und das Institut packt gleich eine politische Umfragen mit rein, mal geht es ums „Politbarometer“. Alles eine ziemlich große, vollkommen im trüben fischende Sache. Jetzt schauen Sie sich nochmal die Arbeit der beiden Herren da oben an… Ich halte gar nichts davon. Mir scheint es ein weiterer „wissenschaftlich verbrämter“ Weg zu sein, auf die „Dummen, Armen, geistig Verwirrten“ abzustellen und zu behaupten, die seien „eher am rechten Rand des politischen Spektrums“ zu finden. Was für eine Grundlage für solche Behauptungen! 1.000 deutsche Bürger sind „repräsentativ“ für dieses Ergebnis. Pfui Deibel würde ich liebend gerne sagen … Mal sehen, wie viele Medien, Rundfunkmoderatoren, Fernsehnachrichten das heute zitieren…

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*