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Nächtlicher Weckruf mit Folgen: Springers blaue Gruppe – oder die Welt-Veränderung in acht Monaten

Konzernchef Mathias Döpfner (mi.), Herausgeber Stefan Aust (li.), neuer Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt: interner Wunschkandidat übernimmt vom Interims-Chef
Konzernchef Mathias Döpfner (mi.), Herausgeber Stefan Aust (li.), neuer Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt: interner Wunschkandidat übernimmt vom Interims-Chef

Früher als von vielen Medienbeobachtern erwartet hat sich Axel Springer auf einen Nachfolger von Welt-Interims-Chefredakteur Stefan Aust festgelegt: Der bisherige Vize Ulf Poschardt rückt nun offiziell in die Rolle des verantwortlichen Gesamt-Blattmachers auf. Aust ist künftig wieder Herausgeber – und dabei einflussreich wie nie zuvor. MEEDIA über eine Übergangslösung mit Nachhaltigkeitseffekt.

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Die Geschichte, die man sich im Berliner Verlagshaus erzählt, geht so: Vor einem Jahr klingelte bei Stefan Aust das Telefon. Am Apparat war Vorstandschef Mathias Döpfner, der nicht ahnte, dass er den Welt-Herausgeber mitten in der Nacht aus dem Bett klingelte. Es war 3 Uhr Ortszeit, Aust war in New York und bald hellwach. Denn was der Konzernchef von ihm wollte, war für den Welt-Mann eine Überraschung. Wie es heißt, fragte Döpfner ohne Umschweife, ob Aust sich vorstellen könne, zum Jahreswechsel zusätzlich zu seinem Herausgeberposten auch das Amt des Chefredakteurs der Welt von Jan-Eric Peters zu übernehmen. Der sei für ein anderes wichtiges Projekt vorgesehen – die Rolle des Chief Product Officers beim News-Aggregator Upday, wie sich bald danach herausstellen sollte. Aust, so erzählt man sich, habe spontan zugesagt, zugleich aber darauf bestanden, den Blattmacher-Job nur übergangsweise auszuüben, bis der Verlag und er einen neuen Chefredakteur gefunden hätten.

Seit heute steht fest, dass dies Ulf Poschardt ist, zuvor bereits unter Peters lange stellvertretender Chefredakteur. Der Bekanntgabe dieser Personalie war ein mehrmonatiger Sondierungsprozess vorausgegangen, bei welchem dem Vernehmen nach auch geprüft wurde, ob ein externer Kandidat für das Amt infrage kommt, wobei Vize Poschardt stets Favorit war. Letztlich blieb es bei der internen Nachfolgeregelung, und die beinhaltet nach Darstellung von Insidern, dass Aust in der Rolle eines aktiven Herausgebers an Bord bleibt. Sein ursprünglich Ende des Jahres auslaufender Vertrag war Ende Juni um drei weitere Jahre bis 2019 verlängert worden und soll auch eine Weisungsbefugnis gegenüber der Chefredaktion enthalten. Bei Axel Springer geht man allerdings davon aus, dass Herausgeber und neuer Chefredakteur  konstruktiv zusammenarbeiten und ihre Stärken in unterschiedlichen Bereichen bündeln. Offenbar setzt der Vorstand um CEO Döpfner große Hoffnungen in diese Personal-Kombination.

Tatsächlich hat die Welt seit Jahresbeginn einen gewaltigen Change-Prozess durchgemacht, publizistisch wie organisatorisch. Im Rekordtempo, nichts Anderes ist man von Aust gewohnt, hatte der Interims-Chefredakteur eine Strukturreform auf die Rampe gebracht, die auch die Sparmaßnahmen beinhaltete, die der Springer-Vorstand gefordert hatte. Rund 50 Arbeitsplätze sind nahezu geräuschlos abgebaut, indem frei gewordene Stellen nicht nachbesetzt und großzügig dotierte Aufhebungsverträge mit Mitarbeitern geschlossen wurden. Das von Aust umgesetzte neue Organigramm der Zeitungsgruppe sieht ein konsequente Trennung zwischen Schreibern und Reportern auf der einen Seite und Produktionsredakteuren auf der anderen vor. Auch die Ressortstruktur wurde gestrafft. Dazu gab  es eine Reihe von Änderungen und Abteilungen mit neuem inhaltlichen Zuschnitt – oder einfach gesagt: Die redaktionelle Welt-Maschinerie entspricht nun ziemlich genau dem Konzept, das den Spiegel erfolgreich gemacht hat – und das Aust beim Nachrichtenmagazin über 13 Jahre praktiziert hatte. Zudem verschränkte der Gründer von Spiegel TV die Print- und Fernsehaktivitäten unter der Dachmarke WeltN24, die künftig unter dem gemeinsamen Namen Welt im Nachrichtengeschäft präsent sein soll.

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Der nächtliche Anruf des Vorstandschefs war dabei auch ein publizistischer Weckruf. Gehörte es zu den großen Verdiensten von Vorgänger Jan-Eric Peters, die einst angestaubte Printredaktion zu einer modernen Multimedia-Einheit mit integriertem Newsroom geformt und Welt.de zu einem digitalen Vorzeigeobjekt ausgebaut zu haben, so schärfte Aust das journalistische Profil. Fast zeitgleich mit seinem Antritt als Übergangs-Chefredakteur wurde die Republik von den Ausschreitungen in der Kölner Silvesternacht nachhaltig erschüttert. Aust reagierte schnell und trieb die Debatte zum Thema mit zahlreichen Exklusivrecherchen, Interviews und Meinungsstücken voran. Der 70-Jährige ist ein politischer Kopf, der die gesellschaftlichen Vorgänge scharf und schonungslos analysiert – und seinen Standpunkt unmissverständlich artikuliert. „Kanzlerin ohne Grenzen“ lautete etwa einer seiner viel beachteten Kommentare in der Flüchtlingsdebatte. Derartige Qualitäten sind gerade mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr nicht zu unterschätzen. Aust, so ist zu erwarten, wird weiterhin der auch nach außen sichtbarste und einflussreichste politische Kopf des Blattes bleiben.

Ulf Poschardt ist ebenfalls ein versierter politischer Kommentator. Seine Stärken liegen darüber hinaus im Feuilleton und Lifestyle. Zudem gilt er als stets präsenter Blattmacher im Tagesgeschäft – bei einer Zeitungs-Gruppe, die Hunderte von Mitarbeitern beschäftigt, ein enorm wichtiges Kriterium. Zusammen mit Oliver Michalsky, der ebenfalls in der Hierarchie zum Stellvertreter des Chefredakteurs aufsteigt, steht der neue Gesamtchefredakteur für Kontinuität. Neue stellvertretende Chefredakteurin wird spätestens zum 1. Januar 2017 Dagmar Rosenfeld, zuletzt im Politikressort der Zeit tätig. Beat Balzli ist wie bisher als stellvertretender Chefredakteur WeltN24 vor allem für die WamS verantwortlich. Diesem Gespann (plus Aust) obliegt es nun, die vom Herausgeber propagierte „Welt in drei Dimensionen“ auf- und auszubauen.

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Alle Kommentare

  1. @Heinz: Allerdings! Und in diesem Artikel werden Aust die Eier gekrault von Altrogge. Aust ist ein reaktionäres A********* geworden. Altlinke, die plötzlich Springer aus der Hand fressen. Noch gerne zugeguckt, als bei Springer die Vetriebslaster brannten, aber sich dann von Döpfner in New York anklingeln lassen. Widerlich.

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