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Nach Twitter-Attacke von Muddy Waters: Wie schwer der Weg für Ströer aus der Vertrauenskrise ist

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Es war eine Attacke aus dem Hinterhalt. Der US-Shortseller Muddy Waters hat vor drei Monaten den Kurs des Kölner Außenwerbers Ströer mit fadenscheinigen Vorwürfen in den Keller geschickt. Immer wieder legt Muddy Waters im Sozialen Netz nach. Im Interview mit MEEDIA erklärt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), wie Hedgefonds die Sozialen Medien als Instrument für Gerüchte missbrauchen.

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Vor drei Monaten wurde der Außenwerber Ströer Opfer einer Attacke von Muddy Waters. Der US-Hegefonds hat dem Unternehmen Insidergeschäfte und intransparente Finanzierungen von Übernahmen vorgeworfen. Der Kurs hat seither kräftig Federn gelassen, obwohl sich die Ertragslage des Unternehmens verbessert hat. Ist es für die betroffenen Unternehmen schwer, den Geruch falscher Verdächtigungen durch Hedgefonds langfristig abzuschütteln?

Leider ist dem so. Je schwerwiegender die Vorwürfe, umso schwieriger ist es für die Unternehmen, wieder auf die Beine zu kommen. Es geht um Vertrauen. Vertrauen in das Zahlenwerk, die Strategie, die Wachstumsstory und das Management. Ist das erst einmal angeschlagen, braucht es Monate oder gar viele Quartale, um hier wieder auf das alte Niveau zu gelangen. Legt der Angreifer nach, dauert es noch länger.

Wird hierdurch dauerhaft das Vertrauen der Anleger zerstört?

Fälle wie Wirecard zeigen, dass dem nicht so sein muss. Auch bei Ströer ist das Vertrauen nicht unwiederbringlich zerstört. Anleger sind einfach nur vorsichtiger, was aufgrund der wenig schönen Erfahrungen mehr als nachvollziehbar ist. Einen anderen Aspekt allerdings  darf man hier auch nicht ausblenden. Das Vertrauen der Anleger in die Integrität des Marktes nimmt ebenfalls erheblichen Schaden, wenn wir derartige Attacken zukünftig noch öfter sehen.

Muddy Waters soll bereits am Tag, an dem das US-Unternehmen den Außenwerber Ströer mit Leerverkäufen attackiert hat, die Position wieder  glatt gestellt haben. Dennoch erneuert der Hedgefonds immer wieder seine Verdächtigungen, die Bilanz des Außenwerbers sei fragwürdig – zuletzt Mitte August auf Twitter. Sehen Sie die Social Media-Kanäle als Instrument, die schwarze Schafe an der Börse zunehmend für ihre Zwecke missbrauchen?

Zunächst zeigt die Glattstellung am Tag der Attacke doch sehr klar, wie Muddy Waters tickt und entlarvt das angeblich altruistische Wirken. Dass Muddy Waters nun dauernd nachlegt, werte ich als Feigenblatt und im schlimmsten Fall als Test für weitere Fälle. Die sozialen Medien spielen auch an der Börse eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung von Gerüchten und bei der Manipulation von Verhalten. Leider werden im Netz Informationen deutlich wenig reflektiert oder komplett ungeprüft aufgenommen und verbreiten sich in Windeseile. Eine guter Nährboden gerade für negative Gerüchte und daher nahezu ein perfektes Terrain für Adressen wie Muddy Waters.

Nimmt dies zu?

Das ist nicht nur zu befürchten, sondern sehen wir leider in der Gegenwart bereits bestätigt. Jeder kann den umstrittenen Bericht von Muddy Waters zu Ströer im Netz finden und downloaden. Eine funktionierende Blaupause für alle zukünftigen Fälle. Zudem steht zu befürchten, dass die nächste Attacke von Muddy Waters oder anderer Adressen allein schon deshalb durchschlagend sein wird, weil alle Anleger in Erinnerung haben, wie es bei Ströer abgelaufen ist. Die Wirkung potenziert sich.

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Wie können sich Firmen gegen solche Attacken aus dem Netz wehren?

Transparenz ist die einzige Prophylaxe. Je komplexer das Geschäftsmodell, je außergewöhnlicher die Corporate Governance, je rasanter das Wachstum und je größer die Erfolge, desto offener und transparenter sollte sich das Unternehmen zeigen. Es darf erst gar kein Spielraum für Spekulationen über das Zahlenwerk oder die geschäftliche Entwicklung entstehen.

Sollten die Firmen stärker die Öffentlichkeit suchen?

Am Ende fällt die Lösung in den Bereich der Investor Relations. Warum war der Fall Ströer so überhaupt möglich? Oder warum kann ein Investor mit drei Prozent bei Stada für so viel Wirbel sorgen? Beziehungspflege ist das Stichwort. Beziehungspflege vor allem zu den Bestandsaktionären. Wenn man sich laufend um 97 Prozent der Aktionäre kümmert und diese nachhaltig informiert, muss man keine Sorge haben, wenn ein Aktionär mit drei Prozent zur Attacke bläst. Das führt dann höchstens zu Diskussionen, nicht aber zu Revolutionen.

Haben Sie den Eindruck, dass in diesem Jahr mehr Hedgefonds Deutschland ins Fadenkreuz genommen haben?

Das können wir bestätigen. Die Anzahl der Gesellschaften, die sich mit Shortsellern rumschlagen müssen, hat stark zugenommen, ebenso wie die Volumina, um die es dabei geht. K+S, Bilfinger, Heidelberger Druck, Aixtron, Wirecard oder auch Lufthansa kämpfen alle mit dem Phänomen und der Kurs zeigt klar erkennbare Blessuren. Das wird zukünftig auch eher mehr als weniger.

Haben Sie Erkenntnisse, wie hoch der Schaden für die Anleger ist?

Zahlen sind hier nur schwer zu greifen. Die Kursverluste gehen aber sicher in den oberen einstelligen Milliardenbereich. Perfiderweise fügen sich die Anleger den „Schaden“ aber auch noch selbst zu, da sie mit ihren Verkaufsordern erst für den Kursabschwung sorgen. Insofern instrumentalisiert der Shortseller die Anleger, indem ein Impuls zum Verkauf gegeben wird. Dies wird aber nur dort funktionieren, wo Unsicherheit oder Nervosität herrscht. Genau da setzt der Angreifer gezielt mit seiner Attacke an. Bei Ströer war es der Höhenflug der Aktie, der die Anleger geradezu auf „das“ Verkaufssignal hat warten lassen. Muddy Waters hat es dann gesetzt und der Absturz war eine ziemlich sichere Wette, die meines Erachtens allerdings nichts anderes als eine Kursmanipulation darstellt.

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