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„Märchenonkel“-Streit mit Jürgen Todenhöfer: Trotz 14 Unterlassungen sieht sich der Spiegel im Recht

So viele Leute in einem einzigen Wochenrückblick. Von links oben nach rechts unten: Hans-Ulrich Jörges, Carolin Emcke, Jürgen Todenhöfer, Özlem Gezer, Sigmar Gabriel
So viele Leute in einem einzigen Wochenrückblick. Von links oben nach rechts unten: Hans-Ulrich Jörges, Carolin Emcke, Jürgen Todenhöfer, Özlem Gezer, Sigmar Gabriel

Beim Spiegel äußert man sich kryptisch bis pampig zum „Märchenonkel“-Streit mit Jürgen Todenhöfer. Carolin Emcke bekommt eine Überdosis Pathos von der ARD, Sigmar Gabriel schafft das und Hans Ulrichs Meinungen sind im Internet schwer zu finden. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Der Spiegel vs. Jürgen Todenhöfer. Das ist so eine komische Geschichte. Also komisch im Sinne von riecht komisch und nicht im Sinne von ist lustig. Sie verstehen. Anfang des Jahres veröffentlichte der Spiegel eine Abrechnung mit Jürgen Todenhöfers Bestsellerbuch „Inside IS“ über seine Reise zum so genannten Islamischen Staat. Kronzeuge war Matthias Richter, der Todenhöfer und seinen Sohn Frederic auf der Reise begleitet hatte. Titel der Spiegel-Story von der preisgekrönten Journalistin Özlem Gezer: „Der Märchenonkel“. Todenhöfer ging gegen den Artikel juristisch vor und setzte 14 Unterlassungserklärungen durch. In einem gerichtlichen Vergleich erklärte sich der Spiegel bereit, den Text aus dem Internet zu nehmen. Frederic Todenhöfer bezeichnete den Text in einem Gastbeitrag für MEEDIA diese Woche als „schlampig recherchiertes Machwerk“. Nebenbei erwähnt er auch noch, dass der Spiegel Kolumnist Jan Fleischhauer seinerzeit über Todenhöfers Buch herzog, ohne es gelesen zu haben. Nun hat ein Spiegel-Sprecher gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt, der Spiegel habe dem gerichtlichen Vergleich aus „prozessualen Erwägungen“ zugestimmt, „ohne dass wir den Kern unserer Berichterstattung in Frage gestellt sähen“. Das ist schon bemerkenswert, wenn man für einen einzigen Artikel 14 Unterlassungserklärungen abgibt, ihn aus dem Netz entfernt und trotzdem den „Kern der Berichterstattung nicht in Frage gestellt“ sieht. Auch Jan Fleischhauer äußerte sich öffentlich bei Facebook zur Kritik Frederic Todenhöfers:

Wie könnte man eine solche Art der Replik nennen? Beleidigt? Pampig? Andere Worte fallen mir dazu nicht ein.

Die Journalistin, Autorin und – Obacht! – Philosophin Carolin Emcke bekommt in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ganz sicher zurecht. Das ARD-Kulturmagazin „ttt – titel thesen temperamente“ widmete ihr darum einen Beitrag, der dann aber vielleicht, nur ganz vielleicht ein zwei Tuben Pathos zu dick aufgetragen hat. „Es geht um Schmerz, um Politik, um Macht, um Liebe“. Sie „ringt mit einem unverwechselbaren, eindringlichen Stil um jedes Wort.“ Da sitzt sie dann ganz anstrengend angestrengt mit Kopfhörern in mokkabraunem Setting im Hoodie in gedeckter Farbe und tippt zu Geigenklängen Gedankenschweres in einem silbernen Laptop: „Wie lässt sich dieses Gefühl der Ohnmacht aushalten, das sich einstellen jeden Tag. Wenn wir die Nachrichten im Radio oder im Netz verfolgen und wieder von einer Krise oder einem Krieg oder einem Putsch erfahren?“ Nix gegen die gute Frau Emcke, aber der „ttt“-Beitrag wirkt wegen der Überdosis Pathos stellenweise wie eine unfreiwillige Parodie.

Kommen wir zur Politik: Vizekanzler Sigmar Gabriel gilt gemeinhin als trendig bis wendig wenn es um Meinungen geht. Jüngst hat er in sog. Sommerinterviews den „Wir schaffen das!“-Satz von Kanzlerin Angela Merkel (CDU, man muss ab und zu daran erinnern) kritisiert. Vermutlich wegen Volksmeinung und so. Dann kamen die Spielverderber von den „Tagesthemen“ und haben enthüllt, dass der Siggi den bösen Satz selber auch schon gesagt hat, und zwar sogar noch vor der Kanzlerin:

Da stand er natürlich mal wieder doof da. Aber Siggi wäre nicht Siggi, wenn er nicht gleich eine erkennbar an den Haaren herbeigezogene Rechtfertigung für seinen heute-so-morgen-so Style hätte. Zum Glück gibt es nicht bloß ein sog. Sommerinterview. Beim RTL gab er zu Protokoll:

Der Satz hat berechtigte Zuversicht ausgedrückt. Den würde ich auch nicht kritisieren. Aber was ich mit der CDU/CSU immer erlebt habe, ist, dass der Teil mit dem Realismus gefehlt hat. Wir haben viel unnütze Zeit damit vertan, uns ellenlang darüber zu unterhalten, welche Voraussetzungen wir denn hinkriegen müssen, damit wir es auch wirklich schaffen. Das hat immer mindestens ein Jahr gedauert. Der eigentliche Fehler ist nicht zu sagen, ‚wir schaffen das‘, sondern hinterher nicht zu sagen, ‚wir machen das jetzt auch‘. Das ist das Problem.

So von hinten durch die Brust ins Auge hat er dann alles wieder zurechtgebogen. Schaun mer mal, was die SPD bei der nächsten Bundestagswahl so schafft.

Kompletter Themenwechsel: Wissen Sie, wessen aufgekratzte Stimme ich bei den ganzen Diskussionen rund um Burkini und Flüchtlinge und wasweißichnochalles immer ein bisschen vermisse: die von stern-Vize Hans-Ulrich Jörges. Doch, im Ernst! Der Mann hat immer eine schnelle Meinung, gilt als leicht erregbar und ist dankbarer Talkshow-Profi. Warum stolpere ich im Netz nie auf eine Kolumne von ihm oder ein Video? Eine kurze Recherche ergibt: HU Jörges mag das Facebook nicht! Nicht nur, dass er nicht bei Facebook ist, er hat auch schon zweimal Kolumnen mit der Überschrift „Raus aus Facebook!“ verfasst. Einmal, geradezu visionär, schon 2011. Und dann nochmal, vermutlich weil es Facebook komischerweise immer noch gab, 2015. Wäre eigentlich mal wieder an der Zeit. Wer wissen will, was Jörges über den Burkini denkt (er findet ihn gut), muss also stern.de ansurfen und sich dort ganz Oldschool zu seiner Kolumne durchklicken. Kommentieren kann man die natürlich nicht. Und wenn man die Kolumne gefunden hat und das Video mit Jörges anklickt, dann redet er zwei Sekunden lang und wird abrupt von einem Werbespot abgesägt. Dämlicher kann man Video-Werbung nun wirklich nicht platzieren. Das ist sogar noch nerviger als die auch schon ätzende Preroll-Werbung. Es wird einem als Jörges-Fan also nicht leicht gemacht. Aber Premium-Content muss man sich vielleicht ja auch erkämpfen.

Und jetzt: Schnell raus aus diesem Facebook und rein in dieses Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Welch eine peinliche Einlassung von Herrn Fleischhauer! Wer zu Recht die oft schleimigen Versuche von Politikern kritisiert, sich aus der Verantwortung herauszureden, Wahlergebnisse schön zu reden und die Fehler bei anderen zu suchen, sollte die Größe haben, eigene Fehler einzugestehen oder sich zumindest still zu schämen. Der Moralist muss sich schon die Frage nach der eigenen Moral gefallen lassen.

  2. Nun war der spiegel auch noch nie für kritische Selbstreflexion bekannt. Die Kolumnisten von Fleischhauer bis zur unsäglichen Stokowski, sind wahrhaftig ein Beleg für den Abstieg des einstigen „Sturmgeschützes“. Doch es nutzt ja nichts, die Bedeutung von Portalen wie spon, wird mittelfristig immer weiter abnehmen, da liegen die Nerven nun einmal blank.

  3. Fleischhauer ist ein transatlantischer Hetzer von der Sorte Goebbels-Nachfolgegeneration. Bei diesem Schundblatt darf einen nichts wundern!
    („Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer verbreitet die größten Lügen im Land?“)

  4. Kennt man doch auch aus der Politik, die fühlen sich auch immer als Sieger nach einer verlorenen Wahl. Warum sollte es beim Spiegel anders sein? Denen laufen auch Kunden davon, aber was schert das die Redaktion, so lange die Gehälter bezahlt werden ist doch alles super und man glaubt sich voll im Recht. Selbsterkenntnis = Null!

  5. Wer schon mal eine Unterlassungserklärung gesehen hat, der weiß, dass sich diese 14 Unterlassungen auf Nebensätze und Nichtigkeiten beziehen können. Klar, dass die Todenhöfers das trotzdem als riesigen Sieg feiern. Über den Charakter der beiden Abenteuer-Roman-Autoren sagt die ganze Nummer ohnehin viel aus. Buchverkäufe wiegen schwerer als Freundschaften. Traurig.

    1. Stimmt schon, dass sich ein Urteil auf Nebensätze u.ä. beziehen kann. Aber war’s denn in diesem Fall so? Sie deuten an, ohne Belege zu liefern.

      Unabhängig von Ihrem Kenntnisstand sollte zumindest ein Fachdienst wie „meedia” die Stellen so referieren, dass interessierte Leser sich selbst ein Bild machen können. Zugegeben: Kommentieren ist einfacher.

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