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Hauptsache Hashtag – das ARD Hauptstadtstudio Blog, das kein Mensch braucht

Bock auf Blog? RBB-Korrespondent Matthias Deiß
Bock auf Blog? RBB-Korrespondent Matthias Deiß

Das ARD Hauptstadtstudio hat ein eigenes Blog gestartet. Oder besser gesagt: Eine Art Social Media-Sammelsurium, das der Einfachheit halber Blog genannt wurde. Bunt durcheinander wirbeln neu erfundene Web-Formate, Tweets und Artikeltexte. Man will „berichten, hinterfragen, diskutieren“. Der Wille, bei diesem Social-Gedöns mitzumischen ist erkennbar. Umsetzung und Resonanz lassen noch zu wünschen übrig.

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Als Auftakt für das ARD Hauptstadtblog hat man sich gedacht, sich an das ARD-Sommerinterview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel dranzuhängen und eine Facebook-Live-Übertragung nach dem Interview zu machen. Bzw., man ließ tagesschau.de die Facebook-Live-Übertragung machen und teilte sie. Dazu wurde dann gleich das neue Webvideo Format „#Hashtag Hassel“ (wegen Studioleiterin Tina Hassel) eingeführt. Und da haben wir schon den ARD-Salat: Es wurde alles schnell unübersichtlich. Das Facebook-Video stammte also von dem Social Media Team der „Tagesschau“, wurde aber vom Team des ARD Hauptstadtstudio Blogs geteilt. Im Video lief dann kurz der Opener zu “#Hashtag Hassel“, was am Ende eine Sessel zu Sessel-Befragung zwischen Tina Hassel und RBB-Korrespondent Matthias Deiß war. Überraschende Erkenntnis: Die Antworten der Kanzlerin waren größtenteils „windelweich“.

Um die Ecke hockte das Social Media Team unter einem ARD-gebrandeten Gartenpavillon auf Biertischen und wühlte sich durch die Anti-Merkel-Hass-Kommentare, die aufliefen („Die Menschen pöbeln, es gibt sehr viele unflätige Kommentare.“) aber natürlich nicht verlesen wurden.

Dafür gibt es ja Facebook. Auf der Facebook-Seite der „Tagesschau“ fand die Nach-Interview-Berichterstattung, die so ein bisschen wirkte wie eine Nach-Spiel-Betrachtung nach Fußballspielen („Schauen wir uns diese Aussage der Kanzlerin noch einmal an.“) durchaus ein Publikum. Bis zu 1.500 Leute im Livestream und über 2.300 Kommentare sind erklecklich. In den Kommentaren war das Social Media-Team der „Tagesschau“ aktiv und mühte sich zu moderieren und zu kanalisieren. Auf der Facebookseite des ARD Hauptstadtblogs herrschte dagegen tote Hose: drei Likes, ein doofer Kommentar. Auch die übrigen Beiträge des Blog zünden noch nicht. Unter den meisten Beiträgen finden sich ein, zwei Likes. Gemessen daran, was sonst so bei Facebook los ist und dass hier die große ARD dahintersteht, ein eher erbarmungswürdiges Ergebnis.

Dabei hat man schon im Vorfeld des Blog-Starts versucht, mit einem „lustigen“ Schafbock, der offenbar auf den Namen „Moritz“ hört, viral Stimmung zu erzeugen (Tiere!). Das arme Tier wurde sogar „auf dem Weg zur Arbeit“ gefilmt, wie es gefilmt wird. Bei der ARD haben sie immer noch eine Kamera übrig. Dazu wurde versucht, den mäßig originellen Spruch #BockaufBlog zu penetrieren. Erfolglos. Unter dem Hashtag finden sich vor allem Gratulationen von ARD-Kollegen.

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Man hat als eine Art Mini-Morning-Briefing statt eines weiteren Mail-Newsletters eine „Tageskarte“ entwickelt, auf der in kleiner Schrift und ultralangweilig steht, was der Tag so bringt: „Heute haben wir Frank-Walter Steinmeier gleich zweimal im Programm.“ Das hat man heute halt, so ein „Tages-Briefing“ oder wie es bei der Hashtag-verrückten ARD natürlich heißt, so eine „#Tageskarte“. Hauptsache Hashtag.

Wenn man die Blog-Seite aufruft, findet man ein schwer durchschaubares Sammelsurium an Texten, Tweets, Videos und Fotos von allen möglichen ARD-Korrespondenten. Kommentieren kann man (natürlich) nix. „Der Blog bündelt die Nachrichtenkompetenz des gesamten Studios und ergänzt die bundespolitische Berichterstattung in den linearen Fernseh- und Hörfunkprogrammen der ARD. Wir wollen damit in einen direkteren Austausch mit unserem Publikum treten und im schnellen Nachrichtengeschäft eigene Schwerpunkte setzen“, formulierte Tina Hassel in der Pressemitteilung zum Start. Wie man ohne Kommentarfunktion „in einen direkteren Austausch“ treten will – schaun mer mal.

Die Krux mit diesem Hauptstadtblog ist, dass das so kein Mensch braucht. Das Hauptstadtstudio Blog ist ein offenbar am Reißbrett entstandenes Konzept-Konzept, bei dem jeder Korrespondent, was er oder sie gerade bei Twitter oder für tagesschau.de macht, reinkippen kann. Facebook – Check. Twitter – Check. Was mit Video – Check. Tiere – Check. Hashtags – Check. Das muss reichen.

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Alle Kommentare

  1. Also es ist ja im Grunde nicht einfach die sozialen Medien zu begreifen. Dabei muss man auch bedenken das der Deutsche Staat als Auftraggeber nun wirklich sehr konservativ ist und die Personalien auch etwas davon abbekommen.

    Externe Beratung bzw. Aufträge würden es dem Team um einiges erleichtern in neue Modelle einzusteigen und Methoden des Social Media aufzugreifen.

    Wir von Hudday würden uns freuen dem ARD-Hauptstadtstudio zur Seite zu stehen und dabei helfen besser zu werden 🙂

    VG,

    Dmytro – CEO
    Hudday – Social Media Agentur
    http://hudday.com

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