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„Pietätlos“ und „zynisch“: Wie Spiegel Online seine Nutzer mit einer Headline zum Erdbeben in Italien verärgerte

Fehlproduktion aus der Zeilenschmiede: Die Headline zum Erdbeben in Italien ging nach hinten los.
Fehlproduktion aus der Zeilenschmiede: Die Headline zum Erdbeben in Italien ging nach hinten los.

Erschütternd war wohl eher das Verhalten der Redaktion: Spiegel Online überschrieb am Mittwochabend einen Korrespondenten-Bericht zum Erdbeben in Italien mit dem Adjektiv "erschütternd" und ließ damit bei dem einen oder anderen Leser die Kinnlade herunterklappen. Die Headline wurde als "niveaulos", "pietätlos" oder "zynisch" empfunden. Eine Entschuldigung folgte erst Stunden später.

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Für besonders gelungene oder kreative Überschriften lobt Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms seine Newsdesk-Kollegen bei Twitter und hat dafür den Hashtag #Zeilenschmiede erfunden. Die folgende Headline war vielleicht kreativ, aber definitiv nicht gelungen (weshalb es wohl auch keine Würdigung gab): „Erdbeben in Italien: Erschütternd“ hieß es am Mittwochabend über einem Korrespondentenbericht zum Erdbeben aus Italien. Autsch.

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Was in Italien passiert ist, ist schrecklich. Noch immer bergen Rettungskräfte die Opfer eines Erdbebens in Mittelitalien, weiter in der Hoffnung zwischen Schutt und Asche noch Lebende zu finden. Bislang zählten die Behörden mehr als 240 Tote. Im Zusammenhang mit der Naturkatastrophe scheint die Verwendung des Adjektivs „erschütternd“ mindestens unangebracht, eher aber „niveaulos“, „pietätlos“ und „zynisch“, wie einige Spiegel-Online-Leser unmittelbar nach Veröffentlichung des Textes kritisierten. Die Reaktion von Spiegel Online: Es gab erst einmal keine. Während man anfangs noch auf offensichtlich verschwörungstheoretische Kommentare einging, blieb die Sprachkritik unbeantwortet.

Auf Nachfrage erklärt die Chefredaktion, dass hinter der Headline keine böse Absicht stecken sollte. Man habe weder zynisch oder pietätlos wirken noch mit einer besonders reißerischen Zeile auf Klickfang gehen wollen, beteuert Jörn Sucher, Mitglied der SpOn-Chefredaktion. „Deshalb haben wir die Zeile nach den Reaktionen und Leser-Mails nachträglich angepasst“.

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Statt „Erschütternd“ hieß es auf der Spiegel-Online-Seite dann: „Es bleiben Schutt und Trauer“. Im Posting ließ man die Zeile aber weiterhin bis Donnerstagvormittag stehen – auch dann folgte erst eine Richtigstellung.

(ms)

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Alle Kommentare

  1. Was genau wird kritisiert?
    Was ist „definitiv misslungen”?
    Was ist zynisch und/oder pietätlos?
    Wird jemand verspottet in seinem Unglück?

    Das Wort „erschütternd” hätte zwar klein geschrieben werden müssen, weil’s ja kein Substantiv ist, aber geschenkt. Sein doppelter Wortsinn beschreibt sogar sehr gut, was in Italien vorgefallen ist. Physikalisch wie emotional. Das Ereignis und seine Wirkung.

    Also bitte: Welches ARGUMENT wird eigentlich vorgebracht?
    Doch wohl nicht etwa: „Autsch.”

    1. Vielen Dank. Obwohl ich eigentlich ein Fan von Kommentaren bin, musste ich mich wundern, dass so viel Energie in Aufregung über eine Headline. Zugegeben, leicht misslungen. Aber so ein Aufreger wegen dieser Headline. Und wie meine Vorrednerin schon richtig schreibt: Was eigentlich genau. Sind wir doch die Weltmeister im Beleidigt sein?

      1. Obwohl der Anlass scheinbar geringfügig ist, möchte ich noch eins draufsetzen: Da motzen ein paar Hansel wegen einer angeblichen Anstößigkeit, und die Zaungäste von „meedia” bemängeln, dass Spon „erst Stunden später” zu Kreuze gekrochen sei. Ganz so, als müsse man wegen „unmittelbar nach Veröffentlichung” künstlich empörter Leser stante pede zur beflissenenen Korrektur schreiten.

        Als „Richtigstellung” wird belobigt, dass es nun heißt: „Es bleiben Schutt und Trauer”. Woraus folgen soll, dass es falsch war, die Katastrophe „erschütternd” zu nennen. Dabei hat diese Zustandsbeschreibung beides exakt auf einen Nenner gebracht, die materiellen wie die körperlich-seelischen Schäden. Von wegen auch nur „leicht misslungen”.

        Warum Spon überhaupt eingeknickt ist? Man ist sich anscheinend der eigenen Sache nicht sicher, reagiert auf Druck und vermag die ursprüngliche Zeile nicht zu begründen. Darin läge dann der wahre Fehler.

  2. Das kann man den SPON-Chefs schon glauben, dass da niemand pietätlos oder zynisch sein wollte. So viel Geist steckte auch wohl kaum dahinter. Die Wahrheit ist vermutlich viel simpler: da wollte ein SPON-Autor mal wieder ach so unglaublich originell sein. Hamwer gelacht, was für eine Wortspielerei.

    Im Ernst: dann lieber einen Zyniker als Leute, die sich gar nichts dabei denken. Für solche Ideen braucht es keine Redakteure, das schafft auch ein Text-Roboter.

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