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Radio Bremen startet neues Jugendangebot Next: vom Nagel- zum Rundfunkstudio

Radio Bremen Intendant Jan Metzger, Bremen Next
Radio Bremen Intendant Jan Metzger, Bremen Next

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind auf der Suche nach der verloren gegangenen Jugend. Während ARD und ZDF noch immer an einem „Jungen Angebot“ im Internet basteln, ist Radio Bremen (RB) jetzt vorgeprescht: Die kleinste ARD-Anstalt startete am Mittwoch ihr neues crossmediales Jugendangebot „Bremen Next“.

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Von Eckhard Stengel

Vor 30 Jahren ging RB mit einer neuen Jugendwelle on air: „Radio Bremen Vier“. Fetzig und frech waren die Sendungen. Doch das Programm alterte mit seinen Hörern und wird inzwischen vorwiegend von Leuten um die 40 gehört. Damit auch die Jüngeren wieder an den Sender gebunden werden, gründete RB 2009 zunächst den Ableger „Bremen Vier Next“, als reinen Internetkanal mit ausgewählten Wortbeiträgen von „RB 4“ und eigenem Musikprofil. Jetzt ist daraus ein eigenständiges Angebot geworden: „Bremen Next“, mit viel Hip-Hop und Elektro-Klängen.

Anders als das geplante Junge Angebot von ARD und ZDF wird das Bremer Programm nicht nur online verbreitet, sondern nutzt alle Ausspielwege mit Ausnahme des klassischen Fernsehens. Dazu gehört auch eine analoge Hörfunkfrequenz (nur in Bremen auf UKW 95,6 MHz). Dort laufe aber kein richtiges Vollprogramm, sagt Programmdirektor Jens Weyrauch, denn analog ausgestrahlt werden lediglich zwei moderierte Magazine am Morgen und am Nachmittag, neben abendlichen Spezial-Musiksendungen. In den Stunden dazwischen läuft Musik ohne Moderation.

Wichtiger als das Dampfradio sind dem Sender die modernen Verbreitungswege: neben dem Digitalradio DAB+ sind das vor allem ein Live-Stream unter www.bremennext.de (samt Videoübertragung aus dem Studio) und die sozialen Netzwerke wie Facebook, Youtube, Instagram und Snapchat. Manche Inhalte werden nur für Facebook produziert, und auf Youtube laufen besondere Reportagen. Per Smartphone-App ist die Website auch von unterwegs abrufbar.

„Bremen Next“ will auch als Event-Veranstalter auftreten und sich so „im Leben der Zielgruppe verankern“, wie es im RB-Pressematerial heißt. Die Zielgruppe, das sind die 15- bis 25-Jährigen aus der Region. Sie sollen nicht „von oben herab“ mit aktueller Musik und Informationen versorgt werden, wie Intendant Jan Metzger betont, sondern das Konzept sei zusammen mit kreativen jungen Leuten entwickelt worden, und die meisten Programmmacher seien selbst im Alter der Zielgruppe. Metzger: „Das ist sozusagen ein Bolzplatz.“

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„Aber wir machen nicht irgendwie Studentenradio“, ergänzt Redaktionsleiterin Felicia Reinstädt. „In unserem Look, in unserem Style legen wir großen Wert auf Professionalität.“ Mit ihren 34 Jahren ist Reinstädt die älteste im Team. Neben ihr, einem festangestellten Assistenten und einzelnen Volontären arbeiten nur Freie für „Bremen Next“ – 20 bis 30 junge Leute, die teilweise selber Musiker oder Diskjockeys sind und wochenweise beim Sender mitmachen. Einige von ihnen kommen aus Migrantenfamilien. Das neue Angebot richte sich also nicht speziell an „weiße protestantische Gymnasiasten“, wie Intendant Metzger sagt. Laut Helge Haas, Leiter des Bereichs Junge Angebote bei RB, will die Redaktion „die besten Ecken, aber auch die größten Probleme der Region“ zum Thema machen.

„Wir reden anders, wir reden einfach so, wie wir sprechen“, sagt Redaktionsleiterin Reinstädt über ihre Moderatoren. Dazu passt die drastische Aufschrift auf den Kondompackungen, die für „Bremen Next“ werben sollen: „Der Bass muss ficken“.

Etwas mehr als eine Million Euro gibt die finanzschwache Anstalt für das neue Angebot aus. Möglich wurden diese Zusatzausgaben, weil RB seit 2015 mehr Gelder aus dem ARD-internen Finanzausgleich erhält. Andere Redaktionen im Sender hätten auch gerne davon profitiert, mussten mit ihren Wünschen aber etwas zurückstecken.

„Wir wollen damit für die Sicherung der Zukunft unseres Hauses sorgen“, sagt Metzger. Ohne Angebote für die jungen Leute, die ja auch Rundfunkbeiträge zahlten, „würden wir mit der Zeit aussterben und ins Museum gehören“. Und Programmdirektor Weyrauch hofft: „Das eine oder andere, das hier entsteht, könnte auch für das Junge Angebot von ARD und ZDF interessant werden.“

Für Besucher ist die neue Redaktion kaum zu übersehen: Sie residiert hinter einer Glasfront direkt an einer vielbefahrenen Straße, in Funkhaus-Räumen, die bisher an ein Nagelstudio vermietet waren. RB-Pressesprecher Michael Glöckner zu MEEDIA: „Jetzt treffen wir hoffentlich den Nagel auf den Kopf.“

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Alle Kommentare

  1. „weiße protestantische Gymnasiasten“

    Der Spruch ist gut. Gibt es irgendwo eine Studie dazu? Uni Bremen?

  2. „“ „In unserem Look, in unserem Style legen wir großen Wert auf Professionalität.“ „“
    Ich könnte mich wegwerfen – fehlt bei dem ‚Kaputzen-menschen‘ nur noch ein vor das Gesicht gezogenes Halstuch …
    Aber ‚Benimm‘ war ja noch nie bei Radio Bremen angesagt.
    Is halt profesionell, der Look und der Style …
    NEIN DANKE

    1. Ohne persönlich zu werden, vermute ich Sie nicht im Ansatz was von Jugendförderung gehört haben, geschweige denn, das erfolgreiche / unterhaltsame / !qualitative! Ergebnis der Produktion Outside the club „Wishlist“ gesehen haben.

      Beurteile ein Buch nie nach dem Außenband und einen Film /ein Filmprojekt / eine Förderung nicht nach dem Trailer

      Liebe Grüße

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