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„Ich rate Herrn Herres: Lassen Sie das!“: Politiker wollen Schirachs „Terror“-Film in der ARD stoppen

Politiker Baum und Hirsch (re.), Autor von Schirach, Programmchef Herres (2. v.li), umstrittene „Terror“-Verfilmung in der ARD: Aufruf zur Selbstjustiz?
Politiker Baum und Hirsch (re.), Autor von Schirach, Programmchef Herres (2. v.li), umstrittene "Terror"-Verfilmung in der ARD: Aufruf zur Selbstjustiz?

Die für den Herbst geplante Verfilmung des Theaterstückes "Terror" von Ferdinand von Schirach, inklusive anschließender „Hart aber fair“-Debatte ist eines der spannendsten TV-Projekte der nächsten Monate. Weil der Film auf „Effekthascherei“ setze und „in Wahrheit über das Grundgesetz abgestimmt“ werde, fordern in der FAS nun Politiker einen Ausstrahlungs-Verzicht der ARD. Programmchef Volker Herres widerspricht vehement.

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Die von den Alt-Liberalen Gerhart Baum und Burkhard Hirsch angestoßene Debatte ist wohl nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Wochen an Pro- und Kontra-Argumenten im Bezug auf die ARD-Produktion noch kommen mag. Denn das Projekt ist tatsächlich innovativ, kontrovers, fast schon beängstigend zeitgemäß und verlangt von den Zuschauern ein Höchstmaß an Konzentration und Verantwortungsbewusstsein.

Terror

Basis für den Film ist das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Darin verhandelt die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin den Fall des Kampfpiloten Lars Koch. Der 31-Jährige stand vor der Entscheidung, ein Passierflugzeug mit 164 Menschen abzuschießen oder es den Entführern zu erlauben, die Maschine in die mit 70.000 Zuschauern voll besetzte Allianz Arena in München abstürzen zu lassen. Weil er keinen eindeutigen Befehl bekam und er sich eigenmächtig über geltendes Recht hinwegsetzte, muss er sich jetzt verantworten. Für den Familienvater ist klar, dass er als Soldat im Kampf gegen den Terrorismus nicht anders handeln konnte.

Nach den Schlussplädoyers stellt sich die Frage: Ist Lars Koch ein Held oder ein Mörder? Der Film liefert erst einmal keine Antwort, sondern fordert die Zuschauer in einer multimedialen Abstimmung dazu auf, über Schuld oder Unschuld selbst zu urteilen. Im Anschluss diskutiert Frank Plasberg in einem „hart aber fair“-Special das zuvor gesehene.

Die gesamte dramaturgische Konstruktion lehnen dagegen die beiden FDP-Politiker ab. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung forderten sie die Absetzung des Projektes: „In meinen Augen ist das Effekthascherei mit einem Vorgang, bei dem es um die Menschenwürde und die Wahrung der Grundrechte, die Substanz der Bundesrepublik geht“, sagte der ehemalige Bundestags-Vizepräsident Hirsch. Baum sagt: „Schirach bringt die Leute dazu, eine falsche Entscheidung zu treffen und sie in die Wirklichkeit zu transponieren.“

Die Sorge der beiden Politiker wird wohl auch davon befeuert, dass sich die Theater-Zuschauer bislang in rund 94 Prozent aller Aufführungen für einen Freispruch des Piloten aussprachen. Durchschnittlich 59,4 Prozent sind dabei der Meinung, dass Koch richtig gehandelt habe. Das Werk des Strafverteidigers von Schirach ist indes unter Juristen umstritten. So hatte Bundesrichter Thomas Fischer bereits im Mai in seiner Zeit-Kolumne eine vernichtende Kritik veröffentlicht.

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Die von den früheren FDP-Bundespolitikern aufgeworfenen Fragen seien hochspannend und ein bereichernder Debattenbeitrag, erklärte ARD-Programmdirektor Volker Herres am Montag im München. „Genau deshalb haben wir die Verfilmung auch so eng mit ‚Hart aber fair‘ verknüpft. Denn hier ist das geeignete Forum, in dem sowohl das Zuschauervotum als auch die Hintergründe und sachlichen Grundlagen des Stücks von Ferdinand von Schirach (selbstverständlich inklusive der verfassungsrechtlichen Seite) aus unterschiedlichster Perspektive beleuchtet, bewertet und gewichtet werden können. Gerade darin liegt ja der Reiz des Abends!“

Herres sagt weiter: „Gutes öffentlich-rechtliches Fernsehen muss substanziell und hintergründig sein; es muss aber zugleich auch kontrovers sein, es muss provozieren und polarisieren und zur Auseinandersetzung anregen. Einen Fernsehabend, der dies tut, werde ich deshalb, wie die Herren Baum und Hirsch fordern, auf keinen Fall aus dem Programm nehmen. Tatsächlich stichelt der TV-Macher noch ein wenig in Richtig der Politiker, in dem er via Twitter kommentierte: „ARD-Themenabend provoziert FDP-Oldies.“

Dass bereits jetzt die Diskussion um den Stoff entbrannt ist, dürfte die ARD-Verantwortlichen eher als Bestätigung sehen, ein hochbrisantes Thema mit einem passenden Konzept bespielen zu wollen. Übrigens: In einem Spiegel-Essay zum Uraufführung des Theaterstückes schreibt von Schirach, dass er Koch für schuldig hält.

 

Update:
In einer älteren Version wurde leider ein Zitat falsch ausgewiesen. Wir haben den Fehler verbessert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Alle Kommentare

  1. „Die gesamte dramaturgische Konstruktion“, die den Herren Baum und Hirsch gegen den Strich geht, ähnelt der über Jahrzehnte geübten Praxis in Kriegsdienstverweigerer-Verhandlungen. Dort wurde fast immer hinterfragt, ob ein Verweigerer den Unterschied zwischen individuell bestimmbarer und befohlener Gewalt kennt.
    Und was sollen schlichtere Gemüter jetzt aus der Diskussion lernen? Dass den Letzten – in diesem Fall den Piloten, der Menschenleben in einer Stress-Situation quantitativ abwägen muss – die Hunde beissen?
    Formaljuristisch scheint die Sache klar, wer tötet nimmt Schuld auf sich. Aus Politikermund indes schallt es indifferent wie so oft…
    Was, so sollte man Baum/Hirsch fragen, wäre denn die richtige Entscheidung a) des Piloten und b) der TV-Verantwortlichen?
    Ich möchte die Herren gar nicht fragen, was sie zu den zahllosen Darstellungen von Selbstjustiz im öffentlich-rechtlichen TV sagen…

    1. Na ja, so einfach ist es nicht.

      164 zu 70.000 Menschen ist eine klare Entscheidung für jeden handelnden Menschen.
      Im realen Leben wäre der Pilot selbstverständlich freizusprechen.

      Im Stück kommt eben nur kein klarer Befehl von den Vorgesetzten daher überhaupt der Prozess.
      Hätte der Pilot nicht gehandelt und die 70.000 Personen getroffen worden wäre er also auch vor ein Gericht gekommen.

      Das Problem entsteht nur durch den nicht gegebenen Befehl der Vorgesetzten.

      Was allerdings FDP Politiker für einen Wind um einen fiktiven Fernsehfilm machen verstehe wer will…

      1. Liebe Susi, Sie schreiben:
        „164 zu 70.000 Menschen ist eine klare Entscheidung für jeden handelnden Menschen.
        Im realen Leben wäre der Pilot selbstverständlich freizusprechen.“
        Da liegt der Hase im Pfeffer: Autor von Schirach hält den Piloten für schuldig. Und formaljuristisch gibt es eben weder diese „eine klare Entscheidung“, noch das von Ihnen bemühte „reale Leben“, in dem „der Pilot selbstverständlich freizusprechen“ wäre.
        Statt dessen – und jenseits moralischer Kategorien – gibt es eine große Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten. Vielleicht sollten Sie mal mit den Herren Baum und Hirsch ein Pläuschchen darüber halten… Ach nee, die halten den von Ihnen oft bemühten mündigen Bürger in diesem Falle für nicht mündig genug, sich damit auseinander zu setzen.
        Dann fragen Sie einfach mal nen Volljuristen ohne politisches Mandat.

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