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Wolfgang Clement beim Düsseldorfer Terrassengespräch: „In Wahrheit sind die Medien in Deutschland zu unkritisch“

Populismus und die Rolle der Medien: Ex-NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement wünscht sich einen kritischeren Journalismus Foto: Rudolf Wichert für das Handelsblatt
Populismus und die Rolle der Medien: Ex-NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement wünscht sich einen kritischeren Journalismus Foto: Rudolf Wichert für das Handelsblatt

Der Populismus ist weltweit auf dem Vormarsch und bestimmt fast tagtäglich die Schlagzeilen. Medien müssen sich fragen, wie sie der Entwicklung begegnen wollen. Möglichkeiten könnten sein: Sachlichkeit, Transparenz und auch mal die ein oder andere positive Nachricht. Darüber diskutierten am Donnerstagabend Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, n-tv-Kollegin Sonja Schwetje und der ehemalige NRW-Ministerpräsident und frühere Mopo-Chefredakteur Wolfgang Clement.

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Er selbst sei auch Populist. So wie jeder Politiker ein Populist ist. Denn Populismus, das sei alles, was Politik mache, meinte Clement. Es gehe darum, Mehrheiten zu erreichen, sich in der Bevölkerung Popularität zu verschaffen. Der ehemalige Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalens und Ex-Bundesarbeitsminister begann den Abend mit einer Grundsatzdebatte über die Definition von Populismus – natürlich leicht provokativ. Doch es ist nicht diese Form des Populismus, um die es an diesem Abend gehen sollte. Das weiß auch der langjährige Polit-Profi Clement. In Deutschland, Frankreich und – in Form von Präsidentschaftskandidat Donald Trump – auch in den USA ist ein Populismus auf dem Vormarsch, der die politischen Systeme aufbricht.

Gemeinsam mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe und n-tv-Chefredakteurin Sonja Schwetje diskutierte der ehemalige Politiker, der auch auf eine lange Karriere als Journalist zurückblickt, über den Vormarsch dieser Entwicklung, ihre Gründe und die Rolle der Medien. Dabei ging es nicht nur um ihre Verantwortung, sondern auch um mögliche Wege, die der Journalismus einschlagen sollte, um Populismus zu enttarnen.

So stand am Abend zunächst die Frage im Raum, was Populismus überhaupt ist, und wann er gefährlich werden kann. Kritik am System sei nämlich notwendig, um Veränderungen herbeizuführen, erklärt Clement. So sei es ein Fakt, dass Europa beispielsweise in einer inakzeptablen Lage sei. Afhüppe beobachte eine besonders gefährliche Entwicklung. So sprechen Populisten – berechtigt – kritisierte Themen an, führten in der Debatte aber mit radikalen Aussagen und Lügen in die Irre. Es sei gefährlich, wenn Trump mit Bezug auf mexikanischen Immigranten von Vergewaltigern spreche oder in der Brexit-Diskussion Wählern falsche Fakten genannt werden. Doch hörten die Menschen den Populisten zu, weil diese das Gefühl hätten, „dass die Politik die Funktionalität des Systems nicht mehr garantiert, so Afhüppe.

Der Journalismus müsse einen Weg finden, falsche Meinungsbilder und radikale Charaktere wie Donald Trump wieder einzufangen, mahnt n-tv-Chefin Schwetje. Es sei die Aufgabe von Medien, diese falschen Spiele zu enttarnen. Ein Problem hierbei könnte durchaus sein, dass sich der Informationsfluss besonders in den USA verändere. Besonders Trump hat es verstanden, die Mechanismen der sozialen Medien zu bedienen und seine Zielgruppen dort direkt und ohne journalistische Einordnung zu erreichen. „Donald Trump hat die Funktionsweise der heutigen digitalen Öffentlichkeit besser verstanden als irgendein Politiker sonst“, kommentierte hierzu einmal Netzexperte Sascha Lobo.  Dies wirft die Frage danach auf, ob klassische Medien überhaupt noch Einfluss nehmen können. In den USA sei diese Frage sogar noch wichtiger als hierzulande, wo die Politik auf etablierte Medien noch stärker angewiesen sei, so Afhüppe. Dennoch fordert ausgerechnet der Älteste der Runde eindringlich eine „Kulturrevolution“. Soziale Medien erschwerten Journalisten bereits jetzt die Arbeit, so Clement. Er sehe noch nicht, wie sich dort Meinungsmonopole entwickeln könnten. Jedoch sollten Medien sich breit aufstellen, um diese Kanäle zu besetzen.

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Ein weiterer Schritt, dem Populismus zu begegnen, sei eine weniger emotionale und dafür sachlichere Berichterstattung, betont Schwetje – wohlgemerkt die Frau aus dem Privatfernseh-Universum des Medienhauses RTL. Medien dürften dabei nicht immer nur Probleme aufzeigen oder Inhalte der Populisten wiedergeben, sondern müssten diese diskutieren und Lösungsansätze präsentieren. Bereits seit längerer Zeit wird in diesem Zusammenhang der Ansatz der Constructive News diskutiert. Medienhäuser wie zuletzt Zeit Online, aber auch die gedruckte Zeit, die Spiegel-Medien oder Nachrichtensendungen wie das „heute journal“ wollen vermehrt positive Nachrichten platzieren. Ein Ansatz, mit dem sich auch Afhüppe anfreunden kann. „Negativismus fördert Populismus“, so der Journalist. Medien neigten dazu, ein böses Bild der Welt zu zeichnen.  Es gehe darum, einen gesunden Mix anzubieten. So müsse beispielsweise bei besonders umstrittenen und von Populisten besetzten Themen gezeigt werden, dass auch das Gegenteil real ist – beispielsweise in der Integrationspolitik. Fortschritte auszublenden sei „brandgefährlich“.

Um Populisten und Zweiflern am System (auch am Mediensystem) den Wind aus den Segeln zu nehmen, mahnt Schwetje noch einmal zur bereits vielfach debattierten Transparenz. Zu lange hätten Medien gearbeitet, ohne dem Publikum Recherchewege oder Diskussionen nachvollziehbar zu machen. Bei der Transparenz gehe es darum, misstrauischen Nutzern oder Zuschauern Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Das allerdings funktioniere nur dann, wenn man das Publikum nicht bevormunden will, indem man beispielsweise Themen ausklammert, weil man sie für überflüssig oder lächerlich hält.

Um Kritik an Systemen oder der Politik nicht den Populisten zu überlassen, wünscht sich Clement letztlich noch einen aktiveren Journalismus: „In Wahrheit sind die Medien in Deutschland zu unkritisch.“ So kritisiert der ehemalige Boulevard-Chefredakteur zu wenig überraschende Meinungen. „Ich habe zuhause fünf Zeitungen und kann schon wetten, wie die Schlagzeilen lauten.“ Die Kritik ging vor allem in Richtung der Politikberichterstattung. Denn Kritik an Eliten, an Regierungen und an Europa sei durchaus berechtigt, so Clement.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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Alle Kommentare

  1. „Er selbst [Clement] sei auch Populist. So wie jeder Politiker ein Populist ist. Denn Populismus, das sei alles, was Politik mache, meinte Clement. Es gehe darum, Mehrheiten zu erreichen, sich in der Bevölkerung Popularität zu verschaffen.“

    Eine wirklich erstaunliche Äußerung (so sie denn korrekt wiedergegeben wurde) für jemanden, der gerade kein Populist war, sondern vielmehr als Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit mit Schröder die (umstrittene, aber m.E. notwendige) Agenda 2010 durchsetzte.

    Der Begriff „Populismus“ („(opportunistische) Politik, die die Gunst der Massen sucht“; Zitat Duden) hat durchaus einen negativen Klang. Denn Opportunismus ist das „(prinzipienlose) Anpassen an die jeweilige Lage“ (Zitat ebenfalls Duden). Aufgabe von Politik ist es dagegen vielmehr, identifizierte Probleme ergebnisoffen zu analysieren und die erarbeiteten Lösungen ggf. auch gegen Widerstände durchzusetzen.

    Damit das hier nicht zu positiv rüberkommt: Der im Fernsehen übertragene Vorfall in einem Bus, in dem Clement einen Journalisten angeht mit der Bemerkung: „Hören Sie doch mal zu. Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie hier reden“ ließ mich von diesem Herrn durchaus Abstand nehmen. Zu empfindlich.

  2. Die Medienvertreter sind vor allem gegenüber dem herrschenden System zu wenig kritisch. Noch schlimmer, Kritiker des Systems werden beschimpft und verleumdet, manchmal auf übelste Art. Sie zu „Populisten“ abzustempeln, scheint beinahe noch harmlos, ist es aber nicht. Die herrschenden Systeme haben sich nicht bewährt, z.B. die Schulden der Euroländer haben sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt auf durchschnittlich 85 Prozent des BIP. Und die Statistiken stammen nicht von Systemkritikern. Die EU ist eine verfilzte Bürogratiekrake. Und die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik mündet in Gewalt und Chaos. Solche Systeme müssen aufgebrochen werden und es muss Alternativen geben! Damit man nicht denkt, ich meckere nur: Dieses Jahr noch plane ich, einen konstruktiven Vorschlag für eine neue europäische Organisation zu publizieren.

  3. Wer glaubt, an der Lage etwas zu ändern, in dem er Populisten von rechts (oder links) „enttarnt“, der ist auf dem Irrweg, denn diese Damen und Herren haben bislang nichts zu entscheiden oder irgendetwas zu verantworten. Für die jetzige Lage, wie auch immer man sie empfindet, sind allein die seit Jahrzehnten Regierenden verantwortlich. Diese gilt es zu kritisieren, diesen muss man kritisch auf die Finger schauen, nicht nur ab und zu im Weltspiegel, sondern in jeder Nachrichtensendung und in jeder Zeitung, anstatt irgendwelche unrelevanten Populisten an den Pranger zu stellen und sich über deren Fehltritte diebisch zu freuen. „In Wahrheit sind die Medien in Deutschland zu unkritisch.“ Exakt, Herr Clement.

  4. Falls Herr Clement wirklich daheim etwas ändern wollte, würde er eine seiner fünf Zeitungen abbestellen und stattdessen die „Junge Freiheit“ abonnieren. Natürlich nur, falls ihn die Einheitsmeinung wirklich stört.
    Ich bin kein „Fan“ der „Jungen Freiheit“, muss aber eingestehen, dass sie nahezu die einzige(!) Zeitung am Kiosk ist, die viele Themen anders wiedergibt. Von einer demokratischen und pluralistischen Presse, von der man immer so viel hört, kann ich bei näherem Hinschauen nicht viel erkennen. Möge sich jeder sich selbst ein Bild machen.

  5. Der Rentner Herr Clement ruft also die Medien zur Parteinahme auf. Super.

    Darauf wartet der Mediennutzer. Ob das die Auflage steigert?

    Wer heute schon sehen will wie parteiisch Medien sind braucht sich nur die verschiedenen Medien anschauen und die Berichte über Frau Merkels PK gestern zu lesen. Schon erstaunlich wie unterschiedlich die manchmal sind.

  6. Populismus? Was heißt das? Ein Scheinbegriff, der alles, was nicht in den Mainstream passt, abkanzelt. Der alte Spruch „Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Menschen“ passt in Deutschland mittlerweile perfekt. Erschreckend!

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