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„Nur mit Innovationen können wir wachsen“: Zeit Online-Chefs Rainer Esser und Christian Röpke über Chancen und Risiken der Tarifeinigung

Zeit Online-Geschäftsführer Rainer Esser (re.) und Christian Röpke, neuer Tarifvertrag als „Hypothek“ für die nächsten Jahre: „Können nur ausgeben, was wir einnehmen“
Zeit Online-Geschäftsführer Rainer Esser (re.) und Christian Röpke, neuer Tarifvertrag als "Hypothek" für die nächsten Jahre: "Können nur ausgeben, was wir einnehmen"

Nach intensiven Verhandlungen hat sich Zeit Online mit DJV und Verdi auf einen Tarifvertrag geeinigt, der in weiten Teilen die Konditionen des bundesweiten Tarifvertrags für Zeitschriften übernimmt. Die Regelungen sehen u.a. ein zusätzliches Monatsgehalt, Nacht- und Sonntagszuschläge vor. Dennoch konnten sich die Gewerkschaften nicht mit allen Forderungen durchsetzen. Im MEEDIA-Interview begründen die Zeit Online-Geschäftsführer Rainer Esser und Christian Röpke, warum sie den Abschluss begrüßen, aber ebenso als Hypothek für die Zukunft eines noch nicht profitablen News-Portals sehen.

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Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften haben Monate gedauert. Warum war das so ein langwieriger Prozess?
Christian Röpke: Das Ganze war auch für mich ein Lernprozess. Wir hatten ja Anfang April eine grundsätzliche Einigung mit der Tarifkommission über die Eckpunkte für einen Tarifvertrag erzielt und sind dann an die Feinjustierung gegangen, in der wir alles Punkt für Punkt miteinander ausformuliert haben. Dieser Prozess hat noch einmal acht Wochen gedauert. Der Teufel steckt doch sehr im Detail. Die bestehenden Branchen-Tarifverträge sind völlig auf den Print-Bereich zugeschnitten. Wir standen vor der Aufgabe, das in unser digitales Geschäftsmodell zu übersetzen.

Sie haben eine relativ komplexe, zum Teil auf den ersten Blick auch komplizierte Lösung gefunden. Wie sieht das finale Vertragspaket denn nun genau aus?
Christian Röpke: Wir haben uns in Teilen am VDZ-Branchentarif orientiert, in manchen Bereichen aber auch Sondervereinbarungen getroffen. Die Einigung sieht zusammengefasst so aus, dass wir stufenweise die Entgelt-Gruppen des Branchentarifvertrags bei uns einführen sowie – ebenfalls in Stufen über drei Jahre – ein 13. Gehalt realisieren. Auch die Einzahlung ins Presseversorgungswerk mit paritätischen Beiträgen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden wir über vier Jahre strecken. Letzteres allerdings nicht bis zum Höchstsatz von vier Prozent – wir bleiben darunter. Gewisse Leistungen haben wir auch gar nicht übernommen, es gibt beispielsweise kein Urlaubsgeld, und wir haben auch vereinbart, dass wir bei der 40-Stunden-Woche bleiben: Gerade die Arbeitszeitflexibilität war für uns ein ganz wichtiger Faktor, weil es dabei auch um unsere Wettbewerbsfähigkeit im Markt geht.

Die Tarifkommission war ja mit der Maximalforderung an den Verhandlungstisch gekommen: Sie wollte für Zeit Online 1:1 die Eckdaten des VDZ-Printtarif durchsetzen. Nun gibt es einen Kompromiss. Was ändert sich für die Mitarbeiter konkret?
Christian Röpke: Was die Redakteure und Angestellten kurzfristig merken ist, dass sie ab 1. Januar 2017 abhängig von ihrer Berufserfahrung in Entgeltgruppen eingruppiert werden. Zudem wird stufenweise eine Sonderzahlung eingeführt, erstmals mit einer Zahlung im Januar 2017. Das sind Auswirkungen, die die Berliner Mitarbeiter bei Zeit Online und Zeit Digital unmittelbar spüren.

Herr Esser, wie bewerten Sie die Einigung nach zähen Verhandlungen?
Rainer Esser: Ich freue mich sehr, dass wir in konstruktiven Gesprächen mit der Gewerkschaftsseite diese einvernehmliche Regelung gefunden haben. Die Unterstützung durch die Kolleginnen und im Kollegen im Betrieb war dabei auch sehr wichtig. Die Einigung gibt Sicherheit, mehr Motivation, und ich freue mich auch, dass wir nun auf dieser Basis in den nächsten Jahren das erwirtschaften können, was wir zusätzlich ausgeben werden. Das ist Voraussetzung, denn die Vereinbarung ist für uns eine Hypothek, die wir in den nächsten Jahren einlösen müssen. Wir können nur ausgeben, was wir einnehmen. Also müssen wir weiterhin ordentlich reinhauen, um das notwendige Wachstum bei Zeit Online und eine entsprechende Refinanzierung zu erreichen. Online-Journalismus ist genau so wertvoll wie Print-Journalismus. Das Problem ist, dass bislang mit Online wesentlich weniger Geld verdient wird, weshalb die Refinanzierung deutlich schwieriger ist.

Auch heute ist es ja so, dass die Online-Redaktion mit Print-Gewinnen quersubventioniert werden muss.
Rainer Esser: Bei Zeit Online sind wir gut gewachsen, nicht nur in der Reichweite, sondern auch beim Umsatz. Aber ja: Es gibt teilweise noch eine Quersubventionierung, und dies muss in absehbarer Zeit anders werden.
Christian Röpke: Das Wichtige an dieser Stelle ist, dass wir nach vorne schauen und weiter auf unsere eigenen Stärken vertrauen. Wir sind froh, dass wir eine Einigung ohne Konfrontation oder gar Streik erreichen konnten. Diese Einigung bedeutet wirtschaftlich aber auch, dass wir uns eine gewisse Hypothek für die Zukunft aufgeladen haben. Jetzt müssen wir in die Hände spucken und an unserem Wachstum arbeiten.
Rainer Esser: Die Verhandlungen haben das Unternehmen sechs Monate lang beschäftigt. Das müssen wir abhaken und auf der neuen Basis gut vorankommen. Vollkommen unangemessen wäre es, jetzt schon wieder mit neuen Forderungen zu kommen. Das stört den Betriebsfrieden und ist vollkommen realitätsfern.

Gibt es für weitere Forderungen denn Anhaltspunkte?
Christian Röpke: In einem Beitrag von Verdi war durchaus davon die Rede, dass der auf drei Jahre geschlossene Vertrag danach auch wieder zur Disposition stehen müsse. Es geht darum, Punkte zu verhandeln, die wir außen vor gelassen haben: etwa das Urlaubsgeld oder die Reduzierung der 40-Stunden-Woche. Das ist für uns aus heutiger Sicht absolut undenkbar.

Nun ist es doch Fakt, dass Online deutlich weniger erwirtschaftet als Print. Gibt es auf Seiten der Tarifkommission nicht die Einsicht, dass dann für ein Unternehmen bestimmte Leistung nicht finanzierbar sind?
Christian Röpke: Nur bedingt. Mit der Belegschaft waren wir jederzeit in einem guten Dialog und haben die wirtschaftliche Situation sehr transparent kommuniziert und die Verhandlungszwischenstände präsentiert. Wir haben die Zahlen auf den Tisch gelegt und gezeigt, dass Zeit Online noch defizitär ist und wir hier – die digitalen Vertriebserlöse der Zeit eingerechnet – erst kurz vor der schwarzen Null stehen. Es gibt aber durchaus auf der Seite der Tarifkommission Stimmen, die diese Realitäten wegwischen. Ich hätte mir mehr Verständnis für die Situation erhofft.
Rainer Esser: Ich hatte vor allem von den Fachleuten auf Gewerkschaftsseite mehr Verständnis erwartet, denn die haben ja viele Einblicke in Unternehmen. Sei’s drum, wir haben ein ordentliches Ergebnis und konzentrieren uns nun darauf, Zeit Online noch größer und stärker zu machen.

Für die Digital-Redakteure ist es nicht einfach: Einerseits sagt jeder, dass sie die Zukunft ihrer Häuser sind, andererseits steht hinter der Refinanzierbarkeit von News-Angeboten nach wie vor ein Fragezeichen. Was sagen Sie den Mitarbeitern, wie wird die Situation in fünf Jahren aussehen?
Christian Röpke: Ich bin überzeugt, dass es uns auch in Zukunft gelingen wird, unser Wachstumstempo im digitalen Bereich beizubehalten. Wir versuchen, einen zukunftsfähigen Erlösmix zu realisieren und viel mehr als nur die klassischen Formate anzubieten. Wir haben zum Beispiel sehr gut funktionierende Rubrikenmärkte, die bereits in den vergangenen Jahren stark zum Wachstum von Zeit Online beitragen haben. Da sehen wir weiteres Potenzial, aber auch bei anderen Themen.

Was ist auf lange Sicht das Erfolgsrezept von Zeit Online?
Rainer Esser: Es geht darum, in der Qualitätsnische weiter zu wachsen. Wir haben eine besondere Zielgruppe, die sich zusammen mit den digitalen Zielgruppen von FAZ, Süddeutscher Zeitung und dem Handelsblatt sehr gut vermarkten lässt. Daneben ist es wichtig, den gesamten Umsatz-Mix auch dynamisch zu treiben und immer neue Nischen aufzutun, die zu uns passen. Im Bereich Stellenmärkte und Bildung sind wir gut unterwegs, ebenso bei den Studenten. E-Commerce ist ebenfalls eine wichtige Säule, die wir immer stärker ausbauen. Und vor allem müssen wir innovativ sein. Unsere Mitarbeiter, egal ob sie für die Zeit oder Zeit Online arbeiten, packen sehr gerne neue Dinge an. Mit Innovationen werden wir weiter wachsen.

Eine solche Mentalität kennt man von den viel gelobten Gründern. Wünschen Sie sich mehr Startup-Qualitäten bei Zeit Online?
Rainer Esser: Ein bisschen mehr Startup im ganzen Haus wäre sicherlich gut oder sagen wir: noch besser. Wir sind ja insgesamt gut unterwegs.

In der Branche gelten Sie, Herr Esser, ja als König Midas der Diversifikation, in dem Sie immer neue Produkte und Angebote schaffen, die Deckungsbeiträge erwirtschaften. Ist das auch die Richtung, die Sie bei Zeit Online für erfolgversprechend halten? Sind neue Plattformen wie ze.tt oder das Campus-Projekt der Weg?
Rainer Esser: Wir wollen uns immer neue Dinge ausdenken. Die Redaktion macht das in ihrer Arbeit praktisch jeden Tag, ebenso wie die anderen Bereiche im Haus. Ich bin überzeugt, dass Zeit Online und Die Zeit aufgrund ihrer privilegierten Zielgruppen prädestiniert dafür sind, dass man immer neue Geschäftsmodelle aufsetzt. Das gilt für die Angebote für Studenten, die für uns inzwischen eine signifikante Reichweite haben und einen sehr relevanten Umsatzanteil bringen, aber auch für Stellenmärkte in bestimmten Nischen. Und auch ze.tt macht uns bereits im ersten Jahr viel Freude. Da ergeben sich überall immer wieder Anknüpfpunkte, das Wachstum voranzubringen.

Ein Dauerbrenner, für den es bei den Medien nur wenige überzeugende Lösungen gibt, ist das Thema Paid Content. Gerade hat der Spiegel ein Bezahlangebot gestartet. Wie stehen Sie zu dieser Frage?
Rainer Esser: Wir stehen dem Thema Paid Content sehr positiv gegenüber. Ich glaube, dass es im ersten Schritt sehr wichtig war, dass Zeit Online erst einmal eine große Reichweite in den relevanten Zielgruppen aufbaut. Da sind wir gut dabei und sehr stark gewachsen. Wir haben jetzt eine sehr respektable Reichweite, und im zweiten Schritt müssen wir schauen, dass wir unsere User besser kennenlernen. Dies gelingt im ersten Schritt durch Registrierung, so dass wir ihnen danach schrittweise passende Upselling-Angebote machen können. Die Leser, die sich gern bei Zeit Online aufhalten und dort gern Artikel lesen, wollen wir ab Herbst dieses Jahres nach und nach mit einem Digitalabo „befreunden“.
Christian Röpke: Um es konkreter zu machen: Wir sind ja bereits am Markt sehr erfolgreich mit unserem aktuellen Digitalabo, das beinhaltet, die Zeit in unterschiedlichsten Formen digital zu lesen. Dort haben wir derzeit pro Woche mehr als 50.000 Abonnenten und Einzelkäufer. Auf Zeit Online gibt es dazu bislang lediglich Werbung, ansonsten findet das Produkt außer als E-Paper noch nicht integriert auf Zeit Online statt. Das wollen wir ändern und bestimmte Artikel registrierungs- und ab einer gewissen Nutzungsintensität kostenpflichtig anbieten. Andere Artikel sind von vornerein Digitalabonnenten vorbehalten. Dadurch verbinden wir beide Welten zu einem einzigen Produkt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Zeit Online in Gänze oder zu großen Teilen kostenpflichtig werden wird. Wir werden da behutsam vorgehen und viel experimentieren, denn wir wollen die Reichweite halten, die wir für die Vermarktung brauchen.

Das klingt danach, dass Sie an eine klassische Bezahlschranke nicht glauben…
Rainer Esser: Eine starre Bezahlschranke, wie sie beispielsweise die Times oder die Financial Times eingeführt haben, ist für uns keine Option und kein Geschäftsmodell, an das wir glauben. Wir setzen auf Reichweite und dann auf ein besseres Kennenlernen der User durch Registrierung und Probe-Abos, bevor wir sie hoffentlich zu fröhlichen Digital-Abonnenten machen.
Christian Röpke: Meine Sorge wäre ein zu starres Modell, das uns nicht erlaubt, viel zu experimentieren. Niemand hat in der Bezahlfrage bislang das Ei des Kolumbus gefunden und deswegen brauchen wir die Freiheit, verschiedene Wege zu testen.

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Spielt Native Advertising in ihren Überlegungen eine Rolle?
Christian Röpke: Klar. Es ist im Print in Form von Beilagen seit Langem existent, und auch bei Zeit Online machen wir seit Jahren sehr erfolgreich Advertorials. Voraussetzung ist dabei immer die klare Kennzeichnung solcher Formate. Bei ze.tt sind wir aktuell dabei, mit Native Advertising viel zu probieren. Bei solchen Experimenten überlegen wir stets, welche Relevanz die gewonnenen Erkenntnisse in anderen Umfeldern haben können. Unsere Corporate Publishing-Tochter Tempus Corporate ist in diesem Zusammenhang übrigens eine große Hilfe.

Eine zunehmende Anzahl von Verlagen setzt auf Kooperationen mit Facebook, entweder bei Live-Formaten oder durch die Bereitstellung von Instant Artikels. Ist das Modell für Sie interessant?
Christian Röpke: Auch wir haben die Effekte der Instant Articles getestet. Bislang sind die Ergebnisse nicht herausragend, weswegen wir insgesamt zurückhaltend sind. Man sollte im Umgang mit Facebook nicht zu blauäugig sein. Wir wissen nicht, wie die eigene Roadmap des Social Network letztendlich aussieht.
Rainer Esser: Wir mögen Facebook, wir kooperieren mit Facebook. Aber wir haben kein Interesse, wertvolle Inhalte, die wir hier herstellen, auf anderen Plattformen zum Nulltarif anzubieten.

Blicken wir nach vorn. Glauben Sie, dass Zeit Online in fünf Jahren profitabel sein wird?
Rainer Esser: Wir haben ja eben über unsere Hypothek für die Zukunft gesprochen. Wenn wir unsere Kosten, auch die Redaktionskosten, im Griff behalten, wird das digitale Geschäft dann sicherlich positiv sein. Davon bin ich fest überzeugt.

Wenn Sie nun bei künftigen Tarifrunden gezwungen wären, den gesetzten Kostenrahmen zu überschreiten, was wäre die Konsequenz? Würden Sie weniger Mitarbeiter einstellen?
Rainer Esser: Ja, ganz klar. Wenn nicht die Einsicht da ist, dass das Online-Geschäft ein anderes ist als das Print-Geschäft, und die Gegenseite in Verhandlungen darauf bestünde, dass in beiden Bereichen die gleichen Bedingungen zu gelten haben, dann hätten wir ein Problem.

 

 

 

 

 

 

 

 

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