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Nizza, die Medien und wir: wieder diese Bilder, wieder diese Debatten

Anna Kessler von Bild und Richard Gutjahr waren Augenzeugen des Anschlags von Nizza
Anna Kessler von Bild und Richard Gutjahr waren Augenzeugen des Anschlags von Nizza

Wieder ein Anschlag. Wieder Frankreich. Wieder diese Bilder und wieder diese Bilder-Debatte. Darf man das zeigen, muss man das zeigen, will man das sehen? Schwierige Fragen, während am Kiosk noch die Tageszeitungen mit Stories zu Pokemon Go und Witzen zum neuen britischen Außenminister Boris Johnson liegen. Medien und Publikum suchen einen Weg, mit der Gegenwart des Terrors umzugehen.

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Der Journalist Richard Gutjahr hielt sich privat in Nizza am Ort des Anschlags auf. Er filmte den weißen Lastwagen, stellte sein Material der ARD zur Verfügung und erklärte in einem Interview mit Spiegel Online, wie er die Tat erlebte.

Gutjahr ist in den digitalen Medien hoch-aktiv und einer der fleißigsten, wenn nicht gar der fleißigste Snapchatter unter deutschen Medienmenschen. Schaute man sich am Montagmorgen seinen Snapchat-Kanal an, sah man fröhliche Bilder von der Strandpromenade in Nizza. Gutjahr, wie er die Marseillaise mitsingt. Ein Feuerwerk. Dann nichts mehr.

Es ist ein merkwürdiges, ein komisches Gefühl diese Bilder von vor dem Anschlag zu sehen. Eine Welt, in der scheinbar alles noch in Ordnung war. Während Richard Gutjahr mit dem Handy Snapchats von der Strandpromenade in Nizza machte, man in der taz-Redaktion sich über den gelungenen Foto-Witz mit „Bum Bum Boris“ Johnson freute, anderswo Redakteure die x-te Pokémon Go Story auf den Titel hoben, Menschen in Nizza und Paris feierten – während all diese Dinge ihren normalen Gang gingen, bereitete sich irgendwo der Täter vor, ging vielleicht noch einmal den Plan durch. Überprüfte seine furchtbare Waffe, den Laster. Das kann man sich nur ausmalen weil es davon keine Bilder gibt. Die Welt der Täter liegt für uns im Dunkeln.

Es ist ein komischer Zustand zwischen einem besseren Gestern und einem schrecklichen Heute, in dem wir als Betrachter sitzen. Da ist eine Lücke zwischen der medialen Aufbereitung, Einordnung, Erklärung und den schnellen, rohen Bildern, die unmittelbar auf die Tat folgen, wenn der Täter aus dem Dunkel ins Licht der Smartphone-Kameras tritt.

Richard Gutjahr ist Medienprofi und als solcher hat er seine Bilder in die Verantwortung einer Redaktion gegeben, die abwägt, was veröffentlicht wird und was nicht. Das ist heute aber die Ausnahme. Der Normalfall ist, dass die tausend Augen und tausend Handys am Tatort filmen und zeigen ohne nach einem Für und Wider zu fragen. Da hilft auch ein gut gemeinter Appell der französischen Polizei nichts. Die Bilder sind da und sie finden ihren Weg ins Netz und auf die Netzhaut.

Das war schon bei den vorherigen Anschlägen in Paris so, das war am Flughafen in Istanbul so und bei dem Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Jedesmal sind praktisch sofort diese Bilder verfügbar: roh, unkommentiert, verwackelt.

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Dass auch Profis damit nicht immer korrekt in Echtzeit umzugehen wissen, zeigt das Beispiel der Bild-Chefredakteurin Tanit Koch, die via Twitter kurzzeitig ein drastisches Video verbreitete, das Leichen in Nizza zeigte. Den Tweet hat sie schnell wieder wieder gelöscht.

Hatten wir das nicht schon geklärt, wie wir mit diesen Bildern umgehen? Im Zuge der Flüchtlings-Problematik haben wir Medien ausführlich debattiert, ob es OK oder nicht OK ist, zusammengepferchte Leichen in einem Lkw zu zeigen, die Opfer einer Schleuserbande wurden. Oder das Foto des toten Jungen am Strand. Der Presserat hat sich darüber gebeugt, zig Artikel wurden geschrieben, Podiumsdiskussionen abgehalten. Am Ende sind viele (nicht alle) so halbwegs zur Erkenntnis gekommen, dass man solche Bilder zeigen sollte, weil diese Dinge nun einmal passieren und es im Kern Job der Medien ist Dinge zu zeigen, die passieren.

Und jetzt? Nach Nizza?

Müssen wir jetzt auch die Leichen auf der Strandpromenade zeigen, mit all dem Blut. Mit oder ohne Plastikplanen und weinenden Menschen daneben? Oder ist es nur OK, Leichen verwackelt zu zeigen, auf einem Haufen liegend. Aber nicht OK abgetrennte Gliedmaßen zu zeigen und das Blut? Gibt es eine Grenze und wenn ja, wo ziehen wir sie? Diese Fragen sind schwierig und sie müssen wohl jedesmal aufs Neue gestellt und aufs Neue beantwortet werden. Auch diesmal.

Ein anderer Effekt, sind die Solidaritätsbekundungen im Social Web. Der Hashtag #prayfornice machte kurze Zeit nach dem Anschlag die Runde. Ein geübtes Ritual aber die Wellen des offen zur Schau getragenen Mitgefühls werden schwächer. Man meint selbst im Digitalen Raum eine gewisse Ermüdung, besser: Ermattung, zu spüren. Dieser Tweet der Huffington Post drückt es vielleicht ganz gut aus:

Dazu die üblichen offiziellen Appelle, die folgten und noch folgen: Man werde nicht aufgeben, am Ende wird der Terror nicht gewinnen, an der Seite Frankreichs stehen usw. So hohl und hilflos. Was will man denn sonst auch sagen? In Frankreich Staatstrauer, Ausnahmezustand, Polizei-Maßnahmen, Karrten, die den kurzen, schrecklichen Weg des Lastwagens nachzeichnen. Alles folgt einem gelernten Ablauf. Wie auswendig gelernt und auf Autopilot. Die Tat, der Schock, die Debatten. Danach irgendwann wieder Normalisierung, Vergessen, Weitermachen. Was soll man denn sonst auch tun?

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Alle Kommentare

  1. Der Mensch ist von Natur aus neugierig, Herr Fink. Das ist nun mal so und daran werden Sie auch nichts ändern.
    Und ja, solche Bilder muss man zeigen. Weil viele der Lügenpresse längst nicht mehr alles glauben, möchte auch ich gerne sehen, ob es wirklich stimmt, was da berichtet wird.
    Und nein, Nachrichtenredaktionen müssen nicht auf das Internet verweisen. Damit würden sie sich ja selbst überflüssig machen und abschaffen. Weil sich die meisten sowieso schon im Netz informieren. Je intensiver man das tut und je mehr Quellen man dabei findet, desto authentischer werden die Informationen in ihrer Gesamtheit.
    Ansonsten verweise ich auf die zutreffenden Bemerkungen von Ke.iner nd Schwabenpfeil.

  2. IST NICHT SCHON ALLES SCHLIMM GENUG? ES IST ZUM KOTZEN DAS ALLES DER EINSCHALTQUOTE UND DEN AUFLAGEN GESCHULDET WIRD!
    Erhält Herr Gutjahr und die ARD jetzt auch Post? Oder die Redaktionen von „Tagesschau“ , „Brisant“, „DAS!“ „Hamburg-Journal“ „Hallo Deutschland“ (ZDF ) und natürlich diversen Privatsendern mit ihren Horrorbildern, die nichts anderes tun – wie BILD & Co. ( sogenannte Zeitungen in die ich nicht mal toten Fisch einwickeln würde ) als den Voyeurismus der Zuschauer und Leser zu bedienen.
    Wer „Spass“ an Katastrofen-Bildern hat, kann sich ja bei youTUBE bedienen. ( Empfehlung: die schönsten Flugzeugabstürze, Motorradunfälle, Geisterfahrer -Crash, Mord – mit obligatorischem Blutfleck natürlich, wenn das Kamerateam zu spät kommt usw. usw. ) Mich kotzt die Respektlosigkeit vor den Opfern an. Worin unterscheidet sich der Gaffer ( mit oder ohne handy ) bei einem Unfall real auf der Strasse ( rechts ) von dem Gaffer vor dem Fernseher? ( links ) Oder dem in der Redaktion?
    Was ist, wenn der Gaffer ein Journalist ist? Ich höre sie schon wieder labern, die Verantwortlichen: „Wir haben lange in der Redaktion darüber diskutiert, ob wir die Bilder zeigen wollen und haben nach reiflicher Überlegung uns entschlossen, sie zu zeigen, weil blah, blah, blah…“
    Es geht nicht darum, die Augen vor der Realität zu verschliessen, es geht darum w i e informiert wird!
    Ist das alles nicht schon schlimm und traurig genug?
    Wie gesagt:
    Die Nachrichtenredaktionen können ja auf das Internet und youTUBE verweisen, wer sich an diesen und anderen Bildern weiden möchte.
    9/11 ist bestimmt auch noch online…

  3. Was bringt es, solche Videos zu veröffentlichen? Wir Journalisten machen uns damit zu den Handlangern der Terroristen, verbreiten die Angst. Damit haben sie gewonnen.

    Und diese elende Plattitüde, Stefan Winterbauer: Die Videos finden ja sowieso ins Netz, also kann man sie auch veröffentlichen. Ist ja sowieso alles scheißegal, oder? Wie zynisch sind Sie?

    1. Das ist auch der Vorschlag von Islamfunktionären: man möge über islamistischen Terror einfach den Mantel des Schweigen legen.
      Wenn man schon keine Lust mehr hat der Realität ins Auge zu blicken, dann sollte man besser schweigen, als über den Nachbarn zu hetzen, der es für relevant erachtet über Tatsachen zu berichten. Wer so argumentiert und verschweigt ist kein Journalist sondern ein Mit- und Gesinngstäter.

    2. Der Heinz spricht wahre Worte. Die Medien machen sich zu Handlangern der Terroristen und Islamisten. Immer diese auf traurig gestellten Gesichter von den Moderatoren im TV zu betrachten ist ja nun wirklich langsam langweilig. Am schlimmsten sind die beiden dickgeschminkten (Studenten-) Girls auf n-24. Und immer wieder diese dummen Worte der Mama Moslem (merkel) zu hören, ist noch viel grauenhafter.
      Totschweigen ist auch nicht möglich, Videos im Netz kann man auch nicht verhindern, okay, aber dann sollten die Herren „Journalisten“ sich zurücknehmen. Aber das tun sie auch nicht, sie meinen, damit Quote machen zu können. Ich schau mir den Scheiß jedenfalls nicht mehr an. Ich will immer mehr Ruhe vor diesen schrecklichen Medien haben, obwohl ich früher selbst da mal gearbeitet habe. Aber früher war eben alles anders. Da kann man auch nix mehr machen … so ist das Leben eben bescheiden geworden. Früher sind die Menschen noch lächelnd und fröhlich durch die Städte gelaufen. Heute sind sie in sich gekehrt, muffelig, weil sie mit ihrem Leben und ihrer Umgebung unzufrieden sind usw…. eine lange Geschichte….
      Und irgendwie ist alles sowieso für die Katz. Morgen hast du Schlaganfall oder einen Unfall, dann ist es aus. Also nach dem Motto: Lass die Medien doch weiter ihren Scheiß machen, der Zusammenbruch ist nicht mehr aufzuhalten. Aber dann bin ich hoffentlich schon tot.

  4. Werdet einfach mal (wieder) politisch. Ansonsten wird Euch die Realität langfristig ins Abseits schieben.

    Keine Plattitüden mehr: „Wir werden den Terrorismus besiegen“, „Wir lassen uns die Freiheit nicht nehmen“, „Unseren Hass bekommen sie nicht“

    Natürlich keine voyeuristischen Bilder und Filme im Netz. Muss man darüber noch diskutieren?

    Einfach super, was so einer Redakteurin in der SZ aus den Tasten fliesst: Sie schreibt von Superreichen und Glamour, der Armut in den Randbezirken und Steinstränden. Steinstrände gibt es (ausschließlich!) zwischen Nizza und Monaco schon immer. Für Reiche wie Arme. Die Parties der Glamourösen
    waren schon immer Ausdruck des Unpolitischen und so ganz nebenher füllen sie die Gazetten für die Armen. Völlig entrückt scheint der Schreiberin zu sein, dass 85 Menschen ermordet wurden und wir alle keiner Bla-Bla Analysen und Kommentare bedürfen.

    Werdet politisch – meinen Hass haben die Mörder schon.

  5. Was mir wieder einmal auffällt:
    Wenn Moslems Opfer von Gewalt werden, schreibt die Systempresse sofort von „Rassismus&Fremdenfeindlichkeit“…
    Wenn Moslems Täter sind… dann sind die psychisch krank, Einzeltäter, Kleinkriminelle… aber niemals Rassisten&Fremdenhasser.

    Fakt ist:
    Rassismus&Fremdenfeindlichkeit in Europa (und Deutschland) geht überwiegend von Fremden aus… von Türken, Arabern und Afrikanern.

    Aktuelles Beispiel:
    Ein Schwarzer erschießt 5 weiße Polizisten und verletzt noch einmal so viele. Anschließend erklärt er, das er weiße Hasse, ganz besonders Polizisten!
    Wurde er von der Systempresse auch nur 1x als Rassist bezeichnet?
    Hat die „only-black-live-matters“ Bewegung für seine Tat Verantwortung übernommen?

    Auch hier in Europa gab es in den letzten Monaten schon mehrere rassistische Anschläge von Muslimen mit Autos… wurden diese Anschläge auch nur 1x als rassistische Hassverbrechen bezeichnet???

    Btw: Das Moslem eine Rasse ist, ist keine Erfindung von mir, sondern von der Systempresse und den selbsternannten Moslem-Vertretern.

    1. Wenn jemand wie Kommentator „Ke.iner“ Sachlichkeit und Differenzierung einfordert, dann sollte ihm dasselbe auch in seinen eigenen Texten wichtig sein. Sie, Herr Ke.iner, schreiben jedoch sehr unsachlich und undifferenziert von „Systempresse“. Das ist doch polemisch. Und Polemik ist alles andere als sachlich! Sorry, aber Ihren Beitrag kann ich nicht ernst nehmen.

      btw.: Haben Sie einen Beleg für Ihre These, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit v.a. von Türken, Arabern und Afrikanern ausgeht? Die Studie würde mich interessieren. Ich lasse mich gerne belehren.

      1. Hans-Dampf hören Sie auf den moralisch überlegenen Moralapostel zu spielen. Solange man diesen undifferenzierten Rotz in den Medien lesen muss, zu dem die Politmischpoke Beifall klatscht, solange ist die Bezeichnung Systempresse mehr als angebracht. Seit wann geht es in diesem derzeit produziertem medialen Dreck denn tatsächlich um Sachlichkeit und Belege?

      2. @ Hans Dampf

        Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist kein deutsches „Privileg“, sondern vielen Völkern zu eigen, im nahen Osten besonders häufig vertreten, da alle aufzuzählen, wer da gegen wen ist, würde einige Blätter hier füllen.
        Aber lesen sie mal ein paar Suren des Korans und sie wissen, wie der Moslem den Christen gegenübertreten soll, eigentlich aber überhaupt allen anderen, das sind nämlich die Ungläubigen.
        Viel zu viele Moslems nehmen ihre Suren leider immer noch wörtlich, das nennt man Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, so gesehen hat ke.iner recht.
        Und der Rest, den er geschrieben hat, ist auch richtig, in Nizza ist man gerade dabei, aus dem Attentäter einen kranken depressiven Menschen mit Alhoholproblemen zu machen.
        Dieser Mensch ist ein Soziopath der übelsten Sorte, nichts anderes.

      3. @“Scheabenpfeil“: Habe nicht den Eindruck, dass Hans Damp hier in irgendeiner Weise den „moralisch überlegenen Moralapostel“ spielt, er weist nur völlig zurecht auf die überzogene Polemik von Ke.iner hin, der Sie sich offensichtlich auch gerne anschließen. „Systempresse“ und „Politmischpoke“ sind Kampfbegriffe, die sich in Kommentarspalten gut machen, oft genug aber reichlich übers Ziel hinausschießen. Und solange Sie das tun, brauchen Sie sich nicht über die „moralisch Überlegenen“ mokieren, die sich eine Gegendarstellung erlauben.

    2. Anmerkung:
      Ganz besonders ekelhaft fand ich den links-reaktionären/antisemitischen Kommentar auf der rt-deusch Seite:
      „Die Zionisten sind doch schon ein schlaues Pack!“
      https://deutsch.rt.com/kurzclips/39459-terrorattacke-in-nizza-lkw-rast/

      Der abstoßende Versuch der ANTIdemokratischen FAschisten, den bösen Juden die Sache anzuhängen…
      Weil, Islam ist ja bekanntlich Frieden und auch die zahllosen Jubelkommentare im Internet und die tanzenden und feiernden Muslime in den europäischen Straßen…

      Das hat alles nix mit nix zu tun!

    3. Wer die deutschen Medien pauschal als „Systempresse“ beschimpft, hat noch nicht erlebt und begriffen, was „Systempresse“ wirklich heißt. Lässt sich aktuell in lupenreinen Demokratien wie Russland oder der Türkei trefflich studieren. Und übrigens auch in Archiven, die die Zeitungsjahrgänge der zum Glück ehemaligen DDR aufbewahrt haben.

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