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Hubert Burda und „Patricias München“: Als Andy Warhol aus Bunte-Covern ein Kunstwerk erschuf

Chefredakteurin Patricia Riekel, Verleger Hubert Burda: „Patricias München“ als Hommage an ein publizistisches Erfolgsmodell
Chefredakteurin Patricia Riekel, Verleger Hubert Burda: "Patricias München" als Hommage an ein publizistisches Erfolgsmodell

Mit dem Dienstantritt von Robert Pölzer beginnt heute am 1. Juli für die Bunte ein neues Kapitel. Mit der Verabschiedung der fast zwei Jahrzehnte amtierenden Blattmacherin Patricia Riekel vergangenen Dienstag endete eine Ära, deren Grundlagen Verleger Hubert Burda als Chefredakteurs-Vorgänger selbst geschaffen hatte. Seine Festschrift für Riekel dokumentiert nicht nur deren Bunte-Glanzzeiten, sondern auch den Wandel einer Illustrierten aus der Provinz zum weltläufigen Society-Magazin.

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„Patricias München“ lautet der Titel des Heftes, dass Burda der Chefredakteurin gewidmet hat. Das Vorwort verfasste der 76-Jährige selbst. Mit der People-Zeitschrift und ihrem Metier kennt er sich bestens aus. Zehn Jahre lang, von 1976 bis 1986 war er selbst Chefredakteur. Für das Magazin, das unter dem Namen Bunte Illustrierte seit 1954 erschien, war der Verlegersohn ein Glücksfall. Burda war bereits in den 60er Jahren im internationalen Jet-Set bestens vernetzt, verkehrte in New Yorker Künstlerkreisen und zählte zahlreiche prominente Schauspieler, Wissenschaftler und Künstler zu seinen Freunden. Der New Yorker oder Paris Match waren Magazine, die diese Welt reflektierten. In Deutschland gab es so etwas nicht.

1Bunte-Blattmacherin Patricia Riekel im Garten ihres Hauses am Starnberger See

Burda erkannte die Marktlücke instinktiv und wollte, wie jeder erfolgreiche Chefredakteur, ein Blatt für sich selbst machen, mit Themen und Geschichten, die er darin lesen wollte. Er holte erstklassige Autoren für die Bunte zunächst nach Offenburg, erkannte aber bald, dass ein Magazin, wie es ihm vorschwebte, in die Metropole gehörte. Mit dem Umzug nach München ging eine Neupositionierung der Illustrierten einher. Die Bunte wurde zum Society-Magazin, mit Geschichten über Höhen und Tiefen prominenter Protagonisten. Im Vorwort erinnert sich Burda an das Schwabing der 70er und 80er Jahre, als er mit – dem – Andy Warhol im Garten saß: „Warhol war damals ‚Kult‘, seine Filme, etwa ‚Chelsea Girls‘, liefen in den alternativen Kinos. Die Münchner Filmszene, zu dieser Zeit die einzige in der Bundesrepublik mit Schlöndorff, Fassbinder, Wenders als Protagonisten, verfolgte neugierig die Produktionen der ‚Factory‘. Kult war auch Warhols Zeitschrift ‚Interview‘. Die Art und Weise wie Andy ‚celebrities‘ präsentierte, ja in Szene setzte, ihnen überhaupt erst öffentliche Gestalt gab, faszinierte mich. Was ließ sich davon in Bunte übertragen? Wie kreiert man ein ‚people-magazine‘ fürs Massenpublikum?“

5Hielt die Rede zur Verabschiedung der Chefredakteurin nach 20 Jahren Amtszeit: Hubert Burda

Im Oktober 1983 war es soweit. Die Bunte zog von Offenburg nach München, in die Arabellastraße 23. „Damit vollzog sich eine große Wende im Leben der Illustrierten. In der Isarstadt verwandelte sich das Blatt in ein aktuelles ‚people-magazine‘, öffnete sich neuen Leserschichten. Ein Signal für diesen Neustart, dachte ich mir, könnte eine Arbeit von Andy Warhol in der Eingangshalle des neuen Verlagshauses setzen. Andy Warhol war sofort bereit, ließ sich Titelbilder von Bunte zeigen und Fotografien Münchner Sehenswürdigkeiten. Aus den Vorlagen schuf er zwei große Bilder, ‚Munich Images‘ und ‚Famous covers of Bunte‘.“ Die Starthilfe vom weltberühmten Künstler war das beste Marketing, das Burda sich für die Bunte wünschen konnte.

4Erinnerung an den legendären Bunte-Autoren Paul Sahner: Doppelseite aus „Patricias München“

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Das entstaubte und für Stories einer neuen Prägung geöffnete Magazinkonzept wurde zum Erfolg sowohl am Lesermarkt wie bei den Anzeigenkunden. Die Bunte konnte, was heute viele Journalisten neidisch werden lässt: aus dem Vollen schöpfen. Magazinmachen, sagte der Verleger später, sei immer Luxus: „Man schmeißt eine gute Geschichte weg, um eine bessere zu drucken.“ Und das Gespür, wo die guten und vor allem die noch besseren sind, hatte von Burdas Nachfolgern auf dem Chefsessel der Bunten niemand so wie Patricia Riekel, die im Januar 1996 auf den Posten berufen wurde. Über ihre Leistung schreibt Hubert Burda in der Festschrift: „In diesen zwanzig Jahren gelang ihr etwas, wovon ich in Offenburger Jahren noch geträumt hatte: Sie verwandelte Bunte in eine Lifestyle und People-Magazin, die das Lebensgefühl einer Stadt, München, verkörperte.“

3Münchner Lebenswelt: Riekels Netzwerk aus Kunst, Adel und Wirtschaft

Burda weiter: „Fliegt man an einem Donnerstagabend mit einer Lufthansa-Maschine, dann merkt man schnell: Die Bordexemplare von Bunte sind am schnellsten vergriffen und im privilegierten Raum der Business Class entsteht sogleich ein ganz eigener „talk of the town“. Man erfährt aus der Lektüre, worüber man im Lande so redet, liest Geschichten über Persönlichkeiten, die unsere „entertainment economy“ ausmachen, ja, und versetzt sich in andere Menschen, in deren Lebensstil. Kurz: Nichts interessiert Leser mehr als plastische Geschichten von Exemplaren der Gattung Mensch, die möglichst den eigenen Lebenshorizont erweitern. Das ist das Erfolgsrezept von Bunte, so definiert sie „Gesellschaft“. Riekel habe eine Meisterschaft darin entwickelt, das deutsche wie das Weltgeschehen zu verfolgen, „um die aktuellsten und menschlichsten Stories für Bunte zu sondieren“. Sie habe diese Lebenswelt „auf einzigartige Weise Woche für Woche in ihrem Magazin umgesetzt und dabei „immer weltoffen und auf Höhe des globalen Zeitgeistes agiert“.

Zwei Jahrzehnte dauerte diese Zeit, auf die Hubert Burda im 77. Lebensjahr auch deshalb so wohlwollend und dankbar zurückblickt, weil es – wie die Jahre davor – auch seine Zeit war und zugleich die Epoche, als die großen Printmarken alles andere überstrahlten. Die Bunte gehörte dazu, und ihre Erfolgsgeschichte, so darf man vermuten, prägte auch Burda als Verleger. Aber alles im Leben ist endlich. Mit dem Abschied von seiner erfolgreichsten Chefredakteurin endet auch für Hubert Burda eine Ära.

 

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