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Der Fall Gina-Lisa Lohfink: Wie BGH-Richter und Zeit-Online-Kolumnist Thomas Fischer die „Nein heißt Nein“-Kampagne zerlegt

BGH-Richter und Zeit Online-Kolumnist Thomas Fischer über Gina-Lisa Lohfink: "Mensch mit dem Beruf "Vorzeigen-von-dicken-Silikonbrüsten"

Die Massen-Übergriffe von Köln zur Silvesternacht. Der Rummel um den Vergewaltigungsprozess in Sachen Gina-Lisa Lohfink. Zwei Vorfälle, die u.a. zu einer Reform des Sexualstrafrechts führten. In die aufgeheizte Debatte zum Thema griff mit zwei langen Texten auch BGH-Richter und Zeit Online-Kolumnist Thomas Fischer ein. Der der ebenso streitbare wie wortmächtige Fischer ist mit seiner Kolumne längst zu einem Medienphänomen geworden.

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Viele lieben ihn manche hassen ihn. Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, gibt sich in seinen wöchentlichen Zeit Online-Texten selbstherrlich, wortgewaltig, witzig, arrogant und immer im Recht. Schließlich heißt die Kolumne ja auch doppeldeutig „Fischer im Recht“.

Aktuell hat er sich gleich zweimal dem brisanten Thema Sexualstrafrechtsreform im Allgemeinen und Gina-Lisa Lohfink im Speziellen angenommen. Es sind zwei lange und bemerkenswerte Texte. Bemerkenswert, weil Fischer in der ihm eigenen Art auch beim sensiblen Thema Sexualstrafrecht nicht davor zurückschreckt, von seinen Hausmitteln Ironie und Polemik reichlich Gebrauch zu machen. Bemerkenswert auch, weil hier ein Vertreter des Rechtsstaates, ein BGH-Richter zumal, ein offenes Wort pflegt, das meilenweit vom sonst üblichen sowohl-als-auch Geschwurbel entfernt ist. Der überwältigende Eindruck ist, dass da einer im Sagen und Tun deckungsgleich ist. Viele Leute mögen das. Einige hassen es. Die Aufmerksamkeit ist ihm aus beiden Lagern sicher. Unter Fischers erstem Beitrag zum Thema Sexualstrafrecht haben sich mittlerweile fast 2.000 Leserkommentare versammelt. Seine Kolumnen sind regelmäßig Hits im Social Web. Als Gegen-Beispiel zu einer Einlassung Fischer sei einmal der unangenehm ranschmeißerische Kommentar von Sat.1-Frühstücks-Onkel Claus Strunz empfohlen, der ganz ironiefrei sagt: „Gina-Lisa hat Deutschland besser gemacht.“

Im ersten Text zum Thema zerpflückt er den Begriff „Opfer-Anwältin“ und erklärt, Frau Lohfink habe den Beruf „Vorzeigen-von-dicken-Silikonbrüsten“. Fischer nutzt gerne das Stilmittel der Ironie in ihrer beißenden Ausprägung. So schreibt er:

Wie Sie, liebe Leser, vielleicht wissen, soll diese Kommission im Herbst 2016 Vorschläge zu einer „grundlegenden Reform“ des ganzen Abschnitts „Sexualdelikte“ vorlegen. Angesichts der kaum noch beherrschbaren Welle von Sexualdelikten, die Deutschland bekanntlich überschwemmt und die Gesellschaft in ihrem Fundament bedroht, kann der „Gesetzgeber“ – wie jene, die sich für den Gesetzgeber halten, täglich neu behaupten – aber keinesfalls so lange warten: Es muss sofort Abhilfe her, um wenigstens notdürftig das Schlimmste zu verhindern. Seit dreißig Jahren sinkt die Zahl der Sexualstraftaten kontinuierlich: Wann, wenn nicht jetzt, ist also allerhöchster Alarm vonnöten?

Und wenn Sie, liebe Leser, jetzt denken, das ist aber ganz schön uiuiui ist, was der Fischer da schreibt, dann warten Sie mal ab. Es geht noch härter:

Auch das ganz neue Recht, das soeben durchgepeitscht wird, ist ja nur ein Vorläufiges, ja nur ein erster (!) Schritt: Im Herbst kommt das „Experten-Gutachten“! Heissa! Und dann die „grundlegende Neukonzeption“. Und dann erst das Neue Paradigma! Und dann – vielleicht, eventuell – wird die Selbstbestimmung der deutschen Frau ein Niveau erreicht haben, das ihrer Sehnsucht genügt: Die Verschmelzung von Louboutin-Trägerin, Aufsichtsratsvorsitzender und ewigem Kind. Auf hohen Absätzen, doch immerzu missbraucht. Auf lukrativen Posten, doch immer noch zu kurz gekommen. Auf immer unverstanden sowieso: Kaum trippelt man selbstbestimmt im kurzen schwarzen Spitzenkleidchen übers Parkett, honigblond hochgesteckt, Augen bewimpert, Lippen geschürzt, Brust irgendwie gestützt – da starren frech schon wieder: Männer.

Mit der Ironie ist das so eine Sache, noch dazu in schriftlicher Form. Sie wird meistens nicht verstanden. Zumal die Kreise, die sich Fischer da vorknöpft nicht unbedingt als besonders witz-affin gelten, um es vorsichtig auszudrücken. Fischers Philippika geriet derart heftig, dass auch normalerweise eher handfeste Damen Symptome der Verstörung zeigten. So erkundigte sich beispielsweise Marion Horn, als Chefredakteurin des Boulevard-Panzers Bild am Sonntag nicht eben ein Zimperlieschen, bei der stellvertretenden Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert, wie sie Fischers Text ertrage.

Frau Rückert, die bei Twitter unter dem Namen „Alphahuhn“ unterwegs ist, verteidigt ihren Fischer als „Provozierer“, der gegen den Strich bürste und oft recht habe. Ob er in diesem speziellen Fall auch recht hat, ließ sie lieber im Ungefähren. Da will auch das Alphahuhn nicht zu laut gackern.

Marion Horn mag/kann die Verachtung in diesem Text nicht zu ertragen. Das ist schon was, wenn der BamS-Chefin einen Zeit-Text öffentlich ablehnt, weil der zu viel „Verachtung“ transportiert.

Das feministische Missy Magazin wollte den Fischer auch nicht unkommentiert lassen und beauftragte Frau Dr. jur. Ulrike Lembke mit einer fachgemäßen Replik. Frau Dr. Lembke wich der juristischen Dimension der Debatte dann aber lieber aus und bewies stattdessen, dass sie die Disziplinen Polemik und unverschämtes Daherschreiben mindestens ebenso gut beherrscht wie der Herr BGH-Richter Fischer:

Ich bin fast geneigt, mir Sorgen zu machen, denn Sie haben ja doch ein wenig die Contenance verloren. Es kann passieren, wenn man da so in seine Spracherkennungssoftware hineinlärmt, dass ein bisschen das Gefühl für das Maß, quantitativ wie qualitativ, abhandenkommt. Das ist blöd, weil einen dann nur noch die ernst nehmen, die so sind wie man selbst, also besagte Männer mit einem schwierigen Verhältnis zur anderen Hälfte der Menschheit … Und man spricht dann so über Sachen, über welche die geneigte Leserin gar nicht informiert werden möchte. Jedem Tierchen sein Pläsierchen; aber finden Sie diese Zurschaustellung einer Fixierung auf Brüste und Schuhe in einer Rechtskolumne nicht ein bisschen unpassend?

Leider hat Frau Dr. jur. Lembke in ihrer Gegenrede übersehen, dass Fischer eben nicht nur pöbelt, sondern auch argumentiert. Während sie gleich zu Beginn jede Auseinandersetzung auf Sachebene von sich weist: „… ich könnte ein paar Ausführungen zu Rechtsgutspyramiden, Sachverständigengutachten und Bundestagsanhörungen machen. Aber ehrlich: Wer will das lesen?“

Bei Fischer wollen es offenbar sehr viele Leute lesen. So viele, dass er in seiner jüngsten Kolumne noch einmal nachlegt und mit weniger Schaum vor dem Mund als noch vor einer Woche, aber in der Sache weiter unerbittlich die „Nein heißt Nein“-Kampagne, die sich Gina-Lisa Lohfink zur Galionsfigur erkoren hat, und das frisch reformierte Sexualstrafrecht argumentativ auseinandernimmt. Ja, der Mann ist in seinen Texten selbstherrlich und arrogant. Aber in ihm findet sich die seltene Paarung aus Sachverstand und Schreibtalent. In den Medien eine unschlagbare, weil extrem seltene Kombination. Die bekannte Nebenwirkung überbordendes Selbstbewusstsein muss man dabei in Kauf nehmen. Bei der Zeit sollten sie ihren Kolumnisten Fischer hegen und pflegen.

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