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„Neo Magazin Royale“: Jan Böhmermann zieht die #Quotenbremse und schrumpft sich auf Normalmaß

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Selten war ein Hashtag der Woche passender. So sollen in den kommenden Tagen alle Gespräche über die neue Folge des „Neo Magazin Royale“ mit dem Begriff #Quotenbremse versehen werden. Tatsächlich war die Sendung so langweilig, dass das Schlagwort wunderbar als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung funktioniert. Jan Böhmermann konnte so immerhin zeigen, dass er auch ohne Skandal und Spektakel senden kann. Sogar alle RTL-Mitarbeiter dürften heute mit einem seligen Lächeln über die Flure laufen. Denn Böhmi legte in Sachen #Verafake nicht nach.

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Dabei hatten sich die Kölner sicherlich große Sorgen gemacht, ob und wie Böhmermann die Story mit seinem Fake-Kandidaten für „Schwiegertochter gesucht“ nachdrehen würde. Die normale Medien-Mechanik hätte es eigentlich vorgesehen, dass sich Böhmermann noch etwas Munition für die Folge-Sendung aufhebt.

Doch offenbar hatten der Moderator und sein Team ihr gesamtes Pulver schon in der umjubelten Comeback-Sendung in der vergangenen Woche verschossen. Möglicherweise lösten sie den Scoop mit dem eingeschleusten Kandidaten zu früh auf, weil sie unbedingt einen richtig großen Aufschlag für die erste Show nach der selbstauferlegten Sendepause brauchten.

Dieser Plan ging vor sieben Tagen voll auf. Alle berichteten über die Sendung, RTL und Vera Int-Veen erlebten ein kleines PR-Desaster und Böhmermann stand als gefeierter Moderator und kritischer Kopf da. Selbst die Quoten goutierten diesen Scoop. 620.000 Zuschauer ab 3 Jahren bedeutete für das „Neo Magazin Royale“einen Bestwert. Das bedeutete einen Marktanteil von 2,8 Prozent.

Jetzt zog der Moderator allerdings die Quotenbremse. Selbst wenn der Hashtag natürlich eine typische Böhmermann-Mischung aus Selbstironie und Stolz auf die tollen Zahlen aus der Vorwoche ist, traf das Schlagwort voll ins Schwarze.

Die gesamte Sendung wirkte seltsam abgebremst. Die Gags zündeten eher verhalten, wobei man erwähnen sollte, dass sich Böhmermann immerhin wieder traut, eigene Witze zu erzählen. In der vorangegangenen Ausgabe der Show verlas er noch ausschließlich eingeschickte Leser-Pointen. Selbst Jürgen von der Lippe, der sonst immer für ein Feuerwerk platter Herrenwitze zu haben ist, wirkte müde und abgekämpft. Mit ihm zusammen imitierte Böhmermann eine typische TV-Kochshow („Böhmermann bruzelt“), der es tatsächlich gelang, so öde zu sein, wie die vermeintlich parodierten Vorbilder.

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Wenn Böhmermann und sein Team einmal in die Situation kommen sollten, eine Folge benennen zu müssen, wo alles auf Nummer sicher und im Autopilot abgespult wurde, dann würde sich wohl die gestrige Ausgabe empfehlen.

Der Moderator bewegte sich ausschließlich auf sicherem Terrain. So beleidigte er diesmal keine Politiker oder Kollegen, sondern machte sich lieber über seine Zuschauer im Studio und deren Social-Media-Aktivitäten lustig. Im Publikum saß ein Internet-Psychologe, der nebenbei lächerliche YouTube-Tutorials gibt. Über ihn zu lachen, war leicht. Dasselbe gilt für einen Bassisten und seinen Bandkollegen, die ebenfalls im Publikum saßen und mit denen zusammen der Moderator einen Einhorn-Song spielte.

Die Netzgemeinde wird den Clip sicherlich lieben, immerhin bedient er den seltsamen Einhorn-Fetisch, den viele Nerds pflegen. Damit ist Böhmermann wieder mitten drin in seiner alten kuscheligen Web-Nische. Aber genau das war wohl die Absicht hinter der Quotenbremse. Sich selbst einfach mal wieder auf Normalmaß zurück moderieren.

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Alle Kommentare

  1. bleibt mal auf dem Boden, in der Meedia Redaktion, oder lieber Alex. Schau die Sendung seitdem ersten Tage, und die Folge war wunderbare Abendkost zum Beine hochlegen, und relaxen (okay, das Böhmi kocht, hätte er sich sparen können).

    Wer Action will, der kann sich Alarm für Cobra 11 anschauen, oder nen Joachim Schweitzer Gutschein einlösen, wer Intrigen will, der soll sich Desperate Housewives ansehen, oder sich als „Mäuschen“ im Bundestag einnisten, und wer Bock auf investigativ hat, der kann vor der Polizweiwache rumlungern, oder sich im NDR Zapp und ähnliches anschauen ….

    NEO Royale ist nichts von alle dem, sondern gelungene Kost für den Feierabend. Mal mehr, mal weniger gelungen. Und so solls auch bleiben.

    Ist natürlich nur meine Meinung, aber der Artikel war so provokativ, das musste einfach mal gesagt sein. Und wenn das Sinn und Zweck dieses Bash-Postings war, …. ist richtig gut aufgegangen, lieber Alex.

    Cheers, und Good Night … Feierabend!

  2. Ich mochte Böhmermann schon lange, vor Vera-, Varou- und den anderen Fakes. Mittlerweile befürchte ich aber, daß er, wie Harald Schmidt damals, Opfer seiner selbst wird. Intellektuell auf der Höhe, mit wachem Blick auf unsere Zeit (z.B. dem genialen Prism is a Dancer) kippt er gerade latent zur Arroganz und Gier. Mit dem Wechsel von RadioEins zu Spotify hat er sich angreifbar gemacht und scheint nicht besser als so mancher, den er kritisiert.

    Der Aufstieg war vielleicht zu schnell?

    Ich als neutraler Beobachter bin gespannt, wie es mit Böhmermann weitergeht. Entweder wird er einer der ganz Großen im Business oder in 5 Jahren kräht kein Hahn mehr nach ihm.

    1. Kann die Meinung nachvollziehen, aber ist das nicht so ein bisschen wie „früher kannte den noch niemand, heute ist das Mainstream“? Passiert auch vielen Bands, aktuell Annen May Kantereit.
      Ich finde Böhmermanns Beiträge immer noch viel, viel wacher und innovativer als vieles was sonst so im Fernsehen läuft. Prism is a Dancer als regelmäßiger Bestandteil der Sendung ist ein gutes Beispiel.
      Arroganz (außer die regelmäßig zu Schau getragene) und Gier kann ich nicht wahrnehmen. Den Schritt zu Spotify finde ich relativ logisch und macht die Beiden garnicht so angreifbar. Böhmermann wusste und weiß schon immer die „neuen“ Medien zu nutzen. Ich glaube allerdings, bei ein wenig mehr Wertschätzung und Bemühen des ÖR wären Schulz und er auch auf dem alten Sendeplatz geblieben.

      Zu dem Meedia Artikel. Die Quoten sind doch meines Erachtens überhaupt nicht aussagefähig. Gerade das NeoMagazin ist zum einen kein „Mainstream“programm und wird zum anderen doch viel über die Mediathek oder als Podcast geschaut. Das fließt doch überhaupt nicht mit ein (es würde allerdings trotzdem kein „Wetten-das“ Niveau erzielt 🙂 )

      1. Ich glaube, bei einem Künstler ist der Schritt aus der Nische in den Mainstream der kritischste (den viele schon versemmelt haben, Christian Ulmen fällt mir da spontan ein). Dabei weiß ich gar nicht so genau, ob er nun Mainstream oder Nische sucht. Böhmermann hat ja nun ein bisschen seinen Ruf als multimedialer Politrüpel weg (im positiven Sinne), mal sehen, ob er die (meine :-)) weiteren Erwartungen erfüllt.

        Den Wechsel zu Spotify finde ich nicht so logisch, gerade weil er in der Vergangenheit oft dagegen geschossen hat und nun alle Kritik wegwischt wie nix (ich würde die Kommentare auf Twitter schon als kleinen Shitstorm bezeichnen). Das war schon arrogant.

        Klar, alles Gejammer auf hohem Niveau, zur Zeit gibt es nicht wirklich viele, die ihm intellektuell-satirisch auf zeitgemäße multimediale Art das Wasser reichen können und ich wünsche mir einfach nur, daß das so bleibt.

  3. Böhmermanns Show war nie für ein Massenpublikum tauglich und auch nicht elitär, sondern einfach nur typische ÖR-Durchschnittskost. Kann man gesehen haben, muss man aber nicht zwingend.

    So wars vorher, so wirds auch hinterher wieder sein aber *mittendrin*, da war eben wirklich mal was, was tatsächlich Geschichte geschrieben hat – und nicht etwa nur Fernsehgeschichte.

    Und sogar immer noch schreibt, denn die Sache ist ja noch nicht ausgestanden.

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