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Deutsche ESC-Macher nach erneutem Debakel in Not: Muss nächstes Mal Helene Fischer ran?

Erste von hinten: Jamie-Lee sowie ein Jahr zuvor Ann Sophie holten beim ESC für Deutschland nur die „Rote Laterne“
Erste von hinten: Jamie-Lee sowie ein Jahr zuvor Ann Sophie holten beim ESC für Deutschland nur die "Rote Laterne"

Deutschland ist schon wieder der große Verlierer beim ESC. Jamie-Lee lächelt den letzten Platz tapfer weg. Andere fragen sich: Kann jetzt nur noch ein Schlagerstar wie Helene Fischer Deutschlands Grand-Prix-Ehre retten? Die deutsche Teilnehmerin erntete trotz des Total-Flops viel Lob für ihren Auftritt. Ob Xavier Naidoo, der zunächst Wunschkandidat des NDR war und seine Zusage nach Publikumsprotesten zurückzog, erfolgreicher abgeschnitten hätte, bleibt Spekulation.

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Von Julia Wäschenbach (dpa)

Man kann das zweite deutsche ESC-Desaster in Folge vielleicht nur mit Humor ertragen. „Mit Mut & Power den letzten Platz verteidigt und gewonnen!“, twittert TV-Komiker Oliver Kalkofe in der Nacht zum Sonntag. „Erster von hinten!“ Kurz davor ist Deutschland mit Jamie-Lee beim Eurovision Song Contest (ESC) nach 2015 schon wieder auf dem allerletzten Platz gelandet. Langsam entsteht der Eindruck, Deutschland habe die rote Laterne bei dem Wettbewerb gepachtet.

Eine mögliche Erklärung: Zum zweiten Mal schickte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nur seine zweite Wahl ins Rennen. 2015 hatten die Zuschauer beim Vorentscheid den Rocksänger Andreas Kümmert gewählt. Der verzichtete aber überraschend. Ann Sophie rückte damals auf und bekam in Wien null Punkte – das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten. Um noch eine Nullnummer zu vermeiden, wollte der NDR Xavier Naidoo 2016 direkt schicken, zog den Plan aber nach Protesten zurück und ließ doch wieder das Publikum entscheiden. Die Bilanz: gerade einmal elf Punkte mehr.

Grand-Prix-Experte Irving Wolther wundert das schlechte Abschneiden in Stockholm nicht. „Es ist für Jamie-Lee natürlich auch ungerecht – sie hat eine sehr gute Performance abgeliefert“, sagt der ESC-Kenner. „Aber es reicht eben nicht, wenn der Song nicht stark genug ist.“ Zwischen den starken Beiträgen aus Schweden und Frankreich habe das Lied „todlangweilig“ gewirkt, urteilt Wolther, der über den ESC promoviert und ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Der Abstand zu Tschechien auf dem vorletzten Platz ist mit 30 Punkten groß. Auch Serbiens Sängerin mit ihrem „Kleid aus abgerollten Lakritzschnecken“ (so ESC-Kommentator Peter Urban) und der Feuer-Funken-Nebel-Beitrag aus Aserbaidschan treffen eher den Geschmack der Fernsehzuschauer als das deutsche Manga-Mädchen.

„Nach unserem Eindruck hat Jamie-Lee (…) vor allem das junge Publikum angesprochen“, analysiert ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Das zeigen auch die deutschen Fernsehquoten: Vor allem Jüngere schalteten beim Finale ein, bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren liegt der Marktanteil bei 46 Prozent. Eine deutsche Castingshow-Siegerin kommt aber wohl nicht automatisch in Europa an.

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Im Netz lassen Sarkasmus und Hohn nach der Schmach nicht lange auf sich warten. „Deutschland räumt richtig ab!“, spottet Schauspielerin Sophia Thomalla bei Twitter. Und während die einen ein Comeback von Stefan Raab fordern, fragen die anderen: „Können wir nächstes Jahr nicht Helene Fischer schicken?“

Keine dumme Idee, meint ESC-Experte Wolther. „Fischer wäre sicher keine schlechte Wahl, weil sie weiß, wie man eine gute Show auf der Bühne macht, und weil Schlager in Europa ankommt.“ Damit holte Nicole schließlich 1982 den ersten ESC-Titel für Deutschland – und Michelle schaffte 2001 im rosa Glitzerkleid immerhin den achten Platz.

Wolthers These: Immer, wenn Deutschland authentisch war, war es auch erfolgreich – sei es mit „Vertretern der Spaßfraktion“ wie Raab oder Guildo Horn oder Lena 2010.

Der Asien-begeisterten Jamie-Lee gibt kaum jemand die Schuld für das Debakel. Sie habe super gesungen, lobt Schreiber. Und auch die Schülerin selbst kann am Tag danach schon wieder nach vorne gucken. „Na gut, ich hab den letzten Platz beim ESC gemacht  aber was soll’s“, schreibt die Schülerin am Sonntagmorgen auf Instagram.

Bei der offiziellen deutschen ESC-Party auf der Hamburger Reeperbahn hatten Tausende mit der 18-Jährigen mitgefiebert. Doch auch für sie war es ein harter Gang. Die Fans zermürbten nicht nur der letzte Platz, sondern auch strömender Regen und Hagel. Der von der ARD verteilte Manga-Kopfschmuck aus Pappe im Stil von Jamie-Lee war bei vielen schon nach der Hälfte des Abends aufgeweicht. Dass ausgerechnet Stefan Raab, der bei fünf ESC-Teilnahmen (als Sänger und / oder als Produzent) nie schlechter als auf Platz zehn abgeschnitten hat, nochmals das ESC-Kommando beim deutschen Beitrag führen wird, ist indes unwahrscheinlich: Der Entertainer hatte seine TV-Karriere Ende 2015 komplett beendet.

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Alle Kommentare

  1. Wie immer nach einer seriösen Diskussion kommen die Dunkel-Deutschen und die Anti-Helene-Trolle als Nachtreter. Sehr interessant und wenn es um Helene Fischer geht komischerweise immer nach dem selben Schema.@ Et Mischi Helene hat es gar nicht mehr nötig bei so einer Veranstaltung mitzumachen und sie belächelt so jammerlappige Bettnässer wie die dich. Wir sollten endlich mal stolz auf ein Talent wie Helene sein! Stattdessen wird ständig nestbeschmutzerisch rumgenörgelt! Das ist Deutschland 2016!

    1. Manfred Jansen
      Endlich mal eine richtig gute Meinung zu dem ganzen Theater !
      Helene wird sich diese Farce nicht antun „und das ist gut so !“

  2. Aha immer zum Schluss, nach einer seriösen Diskussion, kommen wie immer die Dunkel-Deutschen und die Anti-Helene-Trolle! Sehr interessant. Helene Fans aufgepasst : Don’t feed the Troll!

  3. Persönlich stehe ich nicht auf diese Art Wettbewerb, denn das Ergebnis ist nichtssagend und damit uninteressant genauso wie im Fußball. Natürlich hat die fußballerische Qualität/ die Qualität des Trainers oder die Qualität als Sänger/ Songschreiber etc. auch einen Einfluss auf das Ergebnis, aber verschiedenste Begleitumstände haben den auch, bei knappen Ausgängen ist daher kaum zu sagen, wer wirklich besser ist.
    Klar hat es schon Charterfolge z. B. von Helene Fischer im nicht- deutschsprachigen Ausland mit deutschsprachigen Alben gegeben und liest man Kommentare bei deutschsprachigen Helene Fischer- Videos auf Youtube, finden sich dort zahlreiche Kommentare von Fans in den unterschiedlichsten Sprachen, sogar öfters auf chinesisch, koreanisch oder japanisch. Niemand erreicht mit deutschsprachiger Musik vergleichbare internationale Erfolge. Wie also sollte Helene Fischer ihren internationalen Erfolg durch eine ESC- Teilnahme großartig fördern? Sie bekommt doch regelmäßig internationale Stars als Duettpartner, damit bekommt sie viel eher Fans im nicht- deutschsprachigen Ausland.
    Die meisten in Deutschland hören zu nahezu 100 % deutsch- oder englischsprachige Musik. Ähnlich wird es in vielen Nationen sein, die meisten hören Musik fast nur in der jeweiligen Landessprache oder auf Englisch. Nur Leute wie ich, die sich stark für Musik interessieren, hören auch Musik in 5 anderen Sprachen. Lasse ich mir die Songtexte dann übersetzen, versteh ich grob, was da gesungen wird und verbinde so ein Gefühl mit dem Song, auch wenn ich die Sprache nicht verstehe. Aber diese Leute erreicht man mit dem ESC nicht großartig.

  4. Vollkommen egal, ob nun beim nächsten ESC tatsächlich Helene Fischer oder wer auch immer für Deutschland antritt, es gilt für Ihn oder Sie in jedem Falle das Kohl-Versprechen:

    „Es wird niemandem schlechter gehen als bisher.“ 🙂

    Diesmal sogar mit Gelinggarantie.

  5. Ich weiß garnicht was die Aufregung soll – die Deutschen haben diesen Act gewählt und sind halt damit gescheitert. Also, niemand hat Schuld, sondern Europa ist nur komplett anderer Meinung.
    Die stehen nunmal nicht auf deutsche Manga Teenies mit mittel-langweiligem Song. Gesungen hat Sie ganz gut nur zum Thema gute Performance stelle ich die Frage: Welche Performance? Ich habe keine von Jamie-Lee gesehen.
    Also, wen wundert´s und na und?
    Von dem Betriebsunfall letztes Jahr mal abgesehen lagen wir sonst ganz gut und haben vor nicht allzu langer Zeit sogar gewonnen …

    Was mich aber langsam aufregt ist:
    Was haben Australien und Israel bei dem Contest zu suchen, wieso wird jeder zweite Titel von einem Schweden geschrieben, wieso singt da z.B. jemand aus Kanada und die Österreicher ausgerechnet in französisch?
    Ich denke mal, da die Amis und Chinesen dieses Mal zugeschaut haben werden die dann wohl beim nächsten mal auch dabei sein und Titel in Tibetanisch und Indisch vortragen.

    Da habe ich zwar nichts dagegen, aber dann sollte das ganze „Freestyle WSC“ heißen. Mit einem Europa Contest hat das echt nichts mehr zu tun.

    Tip für Deutschland:
    Lasst nächstes Mal z.B. Justin Timberlake n´Song schreiben und Mariah Carey singt den für uns – das könnte klappen und ist völlig normal bei diesem Wettbewerb.

    1. Zu Funkys Tipp für Deutschland: Genau! Und das Ganze am besten auf Russisch, damit es auch Punkte aus Russland und Weißrussland gibt.
      By the way: Die Veranstaltung ist musikalisch gesehen unterirdisch und überflüssig wie ein Kropf und höchstens ein Gradmesser für die Sympathien, die das eine oder andere Land von seinen Nachbarn genießt. In diesem Punkt scheint es bei uns gerade nicht so rosig auszusehen …

  6. Die Gründe für das Debakel sind doch bekannt, aber vor allen die Deutschen wollen sie offenbar aus Gründen der Political Correctness nicht sehen:

    1. Während andere oft ihre Megastars schicken, schicken wir dauernd jemanden, den keiner kennt. Dazu kam in diesem Fall eine besonders unausgegorene Performance, bei der Lied und Optik nicht zusammenpassten. Die anderen schicken ausgebildete Profimusiker, wir schicken 18-jährige Schülerinnen. Das kann gut gehen, wenn die Schülerin ein sexy Feger ist wie Lena, aber meistens geht es nicht gut.

    2. Während bei den anderen Ländern nur die besten auf die Bühne kommen, weil die weniger guten vorher in den Semifinals rausfliegen, können wir schicken, wen wir wollen, weil wir eine Wildcard haben. Genauso wie zum Beispiel England und Frankreich. Wann hat das letzte Mal jemand aus England oder Frankreich gut abgeschnitten?

    3. Das Bewertungsschema ist undemokratisch und intransparent. Solange Winz-Staaten wie Malta und San Marino genauso viele Punkte haben wie Russland oder Deutschland, passt das nicht. Und wenn die Jurys immer ganz anders entscheiden als das Publikum, wozu gibt es dann eigentlich die Jurys? Man könnte problemlos ganz Europa abstimmen lassen und via Geo-Blocking ausschließen, dass für das eigene Land abgestimmt wird.

    4. Es gibt immer noch Länder, die sich Sympathiepunkte geben. Griechenland kriegt immer 12 Punkte von Zypern und Russland immer 12 Punkte von Weißrussland. Deutschland kriegt von seinen Nachbarn keinen einzigen Punkt. Das ist so, schon seit Jahrzehnten.

    Ich finde, Deutschland sollte mal ins Glied der anderen Länder zurücktreten, sich an den Semifinals beteiligen und seinen Beitrag kürzen. Vielleicht werden dann die Lightshows auch in Zukunft etwas weniger.

    Kann auch sein, dass dann nie wieder ein deutsches Lied im ESC zu sehen ist, aber das ist ja auch nicht unbedingt ein Verlust.

    Und Helene Fischer ist eventuell etwas zu alt für die Zielgruppe.

  7. Schlage mich selbst vor für den nächsten ESC. Kann zwar weder singen noch trällern, mein Outfit könnte auch stören – aber ich garantiere das Tripple: zum dritten Mal hintereinander letzter . . .

  8. Wenn es in der Wirtschaft im operativen Geschäft in relativ kurzer Zeit zwei Mal große wirtschaftliche Katastrophen gibt, wird man sich fragen müssen, ob personelle Konsequenzen gezogen werden müssen? Besonders dann, wenn der Letztverantwortliche bei der ARD unaufhörlich versucht, die Sache schönzureden.

    Vielleicht haben wir Deutschen auf dem internationalen Musikmarkt auch einfach nichts verloren? Vielleicht sind unsere Künstler international nicht kompatibel? Vielleicht täte es dem ESC gut, wenn sich deutsches Geld und deutsche Künstler zukünftig dort rar machen? Vielleicht haben wir am Samstag gesehen, dass sich Deutschland generell in einer ungebremsten Abwärtsspirale befindet, deren Wahrnehmung wir solange konsequent verweigern, wie unsere Kohle auf dem rettungslos überzogenen Gehaltskonto eingeht?

    Vielleicht ist die Sache auch bedeutungslos, denn schon morgen wird kaum noch jemand über den ESC sprechen oder sich daran erinnern, wer für Deutschland auftrat oder wer diesen „Wettbewerb“ dann gewonnen hat.

    1. Wenn eine Helene Fischer zum ESC gehen würde, wäre das sicher wieder ein Problem für ihre Hater !
      Eine deutsche Musik-Queen wird sich das aber sicherlich nicht antun.
      Der ganze ESC gehört abgeschafft oder zumindest Deutschland sollte austreten. Wir sind der größte Einzahler und müssen uns fast immer mit hinteren oder letzten Plätzen abfertigen lassen.
      Schluss mit dieser Farce wäre die beste Lösung

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