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Leichenfotos aus Syrien: KJM-Chef Fischer nimmt Kritik an Bild teilweise zurück

Streiten sich über Veröffentlichung von Leichenfotos: KJM-Vorsitzender Andreas Fischer (l.) und Julian Reichelt
Streiten sich über Veröffentlichung von Leichenfotos: KJM-Vorsitzender Andreas Fischer (l.) und Julian Reichelt

Bisher trugen Bild-Digitalchef Julian Reichelt und Andreas Fischer, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, ihren Streit um die Veröffentlichung von Leichenfotos aus Syrien über die Medien aus. Auf der re:publica trafen sie aufeinander und diskutierten. Dabei ruderte Fischer in der Kritik an Bild teilweise zurück – zumindest die Kritik an einem Assad-Vergleich sei "unnötig" gewesen.

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Bild berichtete im September im Vorfeld von Verhandlungen mit Syriens Präsidenten Assad über seine Gräueltaten im eigenen Land und veröffentlichte schockierende Fotos der Folgen von Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung. Mit dem Artikel „Habt Ihr diese Bilder schon vergessen?„, in dem Bild Assad als Teufel bezeichnet, wollte das Medium nach eigenen Aussagen die Verhandlungsbereitschaft der Bundesregierung  kritisieren. Dazu druckte die Zeitung auch Fotos von toten Kindern und Babys in Nahaufnahme.

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) reagierte auf die Berichterstattung, weil die Nahaufnahme eine Identifizierung möglich gemacht und eine Verletzung der Menschenwürde dargestellt habe. „Das Leiden und Sterben der Kinder wird zur Schau gestellt, und sie werden dadurch zu Objekten der Schaulust degradiert. Auch wenn es sich um ein tatsächliches Geschehen handelt, besteht nach Meinung des Gremiums kein berechtigtes Interesse an dieser Art der Darstellung, da eine Verpixelung der Bilder die Aussagekraft des Artikels nicht geschmälert hätte“, so ein Schreiben, in dem die KJM Maßnahmen gegen Bild angekündigt hatte.

Reichelt empörte sich in einem offenen Brief an den KJM-Vorsitzenden Fischer, in dem er die Entscheidung als „schrecklich und falsch“ sowie als Angriff auf die Pressefreiheit bezeichnete. Das Gremium habe sich „lächerlich“ gemacht.  Reichelt verteidigte die Position der Bild mit der Relevanz des Krieges in Syrien. Es sei die Aufgabe der Medien, diese Gewaltverbrechen zu dokumentieren, auch in so drastischer Art und Weise, so Reichelt, der vor seiner Zeit in der Chefredaktion selbst Kriegsreporter war.

Reichelt empörte sich zudem über das Urteil über die geschriebene Berichterstattung. Die KJM kritisierte den Vergleich Assads mit dem „Teufel“ als „abwertende Zuschreibung“. Es war eine Wertung, nicht angemessen war, wie Fischer nun auf einem Panel auf der re:publica zugegeben hat. „Das war absolut unnötig.“ Der Vergleich sei von der Pressefreiheit gedeckt, so Fischer weiter.

Er und das zehnköpfige Gremium blieben allerdings dabei, dass die Veröffentlichung von zwei Fotos gegen das Grundgesetz verstießen. Fischer wiederholte in der Diskussion, dass die Medienwächter bei ihren Entscheidungen nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder handelten

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Eines der Fotos hatte Bild bereits im Vorfeld der Auseinandersetzung im März offline genommen. Immer noch zu sehen ist eine Aufnahme, das vom 21. August 2013 stammt. Zu sehen ist eine Babyleiche. Die Leiche ist blass-blau angelaufen, das Gesicht ist aufgebläht, der Mund geöffnet. Nach Angaben von Bild war das Kind durch das Nervengas Sarin grausam gestorben.

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Screenshot Bild.de, Verpixelung MEEDIA

Auf dem Podium nutzte Reichelt die Gelegenheit, weiter gegen Fischer und die Kritik der KJM zu schießen: Er erkenne die Verletzung der Menschen zwar an – nur eben nicht bei Bild. Missachtung fände auf Seiten der Menschen statt, die diese Gewalt tolerieren. „Sie stecken uns in eine Kategorie mit den Menschen, die dieses Foto zu verantworten haben. In diese Kategorie gehören weder Journalisten noch Fotografen – sondern Täter.“ Die Kritik an dem Assad-Kommentar sei nicht unnötig gewesen, sondern „obszön“.

Die Diskussion um die Babyleichenfotos waren Teil eines Panels, das sich mit der Macht der Bilder und des Fotojournalismus befasste. Im Raum stand die Frage, was Fotos beim Rezipienten bewirken. Kommunikationswissenschaftlerin Stephanie Geise von der Uni Erfurt merkte an, dass Bilder einen wichtigen Teil zur Meinungsbildung beitragen, bei der Vielzahl von Gewaltbildern in der Berichterstattung aber auch Abstumpfungseffekte beim Rezipienten zu beobachten sind. Die Wissenschaftlerin kritisierte, dass die Medien insgesamt noch kein Konzept gefunden hätten, um sich beispielsweise in der Kriegsberichterstattung so zu positionieren, dass beim Rezipienten Reflexionseffekte statt Abstumpfung eintreten. Diskutiert wurde auch, ob auf gewaltvolle (oder -verherrlichende Fotos) nicht verzichtet werden könne. Für Reichelt keine Option: „Wir sehen in unserer eigenen Geschichte (Anmerkung d. Red.: die NS-Zeit), dass es nicht Fotos sind, die abstumpfen lassen – es ist die Einstellung des Menschen.“

Mit der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Reichelt und Fischer auf der re:publica ist die Debatte um die Berichterstattung der Bild noch nicht zuende. Nachdem die Landesmedienanstalt Berlin Brandenburg ein Beanstandungsverfahren eingeleitet hatte, kündigte Bild an, juristisch dagegen vorzugehen. Nun müssen  Verwaltungsrichter entscheiden. Darüber hinaus hat die KJM noch immer Gelegenheit, ein Bußgeld zu verhängen.

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