Warum die FAZ Woche auf den zweiten Blick eine verdammt gute Print-Idee ist

Verlagschef Thomas Lindner, neues Magazin Frankfurter Allgemeine Woche
Verlagschef Thomas Lindner, neues Magazin Frankfurter Allgemeine Woche

Manchmal wird man von einem neuen Print-Produkt noch positiv überrascht. So geschehen mit der Frankfurter Allgemeinen Woche. Statt der befürchteten Reste-Rampe der Tageszeitung bot die erste Ausgabe eine kompakte Annäherung an unaufgeregten Journalismus im Economist-Stil. Mit Luft nach oben.

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Ich hatte Vorurteile gegenüber der FAZ Woche, ich gebe es zu. Die Idee, ein neues Print-Wochenmagazin herauszubringen, das Inhalte der Zeitung aus der Woche neu aufbereitet, erschien mir suspekt. Und dann auch noch diese Ranschmeiße an eine ominöse „junge Elite“ als Zielgruppe. Wer sollte das denn bitte sein?

Zum Glück wird man manchmal aber dann sogar von der alten Tante Print noch positiv überrascht. Bei der Dünnheit der FAZ-Woche (76 Seiten) fragt man sich zunächst, ob das Blättlein die relativ happigen 3,50 Euro Heftpreis wert ist. Ist es. Zumindest für mich. In der Tat finde ich, dass die FAZ Woche die bisher vielleicht beste Annäherung an den allseits geschätzten Stil des britischen Vorzeige-Magazins The Economist ist, die es bis dato auf dem deutschen Markt gibt.

Da ist einmal die zur Schau getragene und gelebte Unaufgeregtheit der Texte. Von der politischen Analyse des deutsch-amerikanischen Verhältnisses am Ende der Obama-Ära bis hin zur Reportage über das Spannungsverhältnis von Craft-Bierbrauern zu Verfechtern des deutschen Bier-Reinheitsgebotes, ist die Woche von einer durchgehend hohen Texqualität geprägt, die an keiner Stelle so unangenehm auftrumpft, wie beispielsweise die allzu häufig bemüht gedrechselten Angeber-Einstiege einer Spiegel-Titelstory. Wenn ich es szenisch mag, lese ich einen Roman und keine politische Zeitschrift.

Schön auch, dass zum Titelthema Deutschland-Amerika ein Politikwissenschaftler interviewt wird und kein Politiker, der mutmaßlich nur Phrasen gedroschen hätte. Dass es nur dieses eine Interview gibt, ist ohnehin hoch anzurechnen. Die journalistische Form des Wortlaut-Interviews ist mittlerweile nämlich zu oft zu beliebig geworden.

Schön auch die Länge der meisten Texte mit ein bis zwei Seiten. Ab und zu wird es ein wenig länger aber nie geschwätzig. Das Versprechen der Titelseite „Kompakt & fundiert“) wird eingelöst. Und am Ende gibt es dann noch einen Greser & Lenz-Cartoon. Aber man wäre ja nicht Medienjournalist, wenn man nicht trotzdem was zu meckern hätte. Also: Gegen die knappe Dreiviertelseite über Hillary Clinton ist nix einzuwenden. Aber das Textlein dann großsprecherisch als „Porträt“ zu bezeichnen, muss nicht sein. Und der Umgang mit Bildern ist nicht unbedingt die Sache der FAZ Woche. Das uninspiriert ausgewählte „Bild der Woche“, das eine Szene der Erdbeben in Japan zeigt, ist das noch das geringste Übel. Oft sind die Fotos briefmarkengroß und haben Feigenblatt-Charakter. Will heißen, die Bilder haben des öfteren nix mit dem Text zu tun, sondern wirken oft eher wahllos über die Seiten verteilt.

Wohlmeinend könnte man natürlich festhalten, dass Bilder auch nicht die Sache des Vorbilds Economist sind. Aber daran lässt sich ja arbeiten. Und während das große Vorbild aus Großbritannien ganz auf Autorenzeilen verzichtet, sind die Namen der bekannten FAZ-Autoren in der Woche vielleicht hier und da ein bisschen zu prominent platziert. Schön aber, dass der alte FAZ-Schrullkopf Dietmar Dath auch in der Woche auftaucht.

Die Themenmischung ist schon ganz gut, weil nüchtern. Wenn es nach mir ginge, dürften die Frankfurter die Schrauben ruhig noch ein bisschen weiter in Richtung Furztrockenheit drehen. Mehr Wirtschaft, ein bisschen weniger Gesellschaft oder gar Wissen. Wenn es dann noch ein, zwei Themen aus dem immer noch hoch geschätzten Technik & Motor-Teil der FAZ geben würde und das tolle Kreuzworträtsel, dann hätten sie mich mit der Woche endgültig gekriegt.

Die Idee aber, die Ressourcen des großen Zeitungsapparates zu nutzen, um ein intelligentes, unaufgeregtes (!) und eher langsames zusätzliches Print-Produkt zu lancieren, wird immer besser, je länger man darüber nachdenkt. Wenn es trotz digitalem Wahnsinn noch Chancen im Print-Sektor gibt, dann so.

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Alle Kommentare

  1. Seit sehr langer Zeit hat mich kein Printmedium so begeistert wie die FAZ Woche. Ich habe fast alle Ausgaben gelesen, bin längst Abonnent, und warte mittlerweile jeden Freitag erwartungsfreudig auf den Zeitungsboten. Grafisch ansprechend, inhaltlich konzentriert und facettenreich refektiert die Zeitschrift die Geschehnisse der Woche. Die FAZ schätze ich seit sie mir als „Jugend schreibt“-Teilnehmer in den 1990ern ein Jahr lang kostenlos zugesandt wurde, aber sie war mir später eigentlich immer zu umfangreich. Die FAS war gar nicht mein Fall. Zeit, Spiegel und Focus sind mir zu mainstream. Der Cicero ist immer noch lesenwert, aber für meinen Geschmack viel zu weit nach rechts gewandert mit all den deamit eingehenden Problemen der ideologischen Einseitigkeit. Ich mag das Nüchterne, Differenzierte und Konzentrierte. Die FAZ Woche ist daher für mich schlicht großartig.

  2. Habe bisher nur die erste gelesen, werde aber mal die zweite auch noch probieren. Bis jetzt hält sich meine Begeisterung eher in Grenzen. Ich finde die Themenwahl gut und auch die Ressorts passen. Der Schreibstil ist wie der Autor schreibt angenehm sachlich und ich kann als unregelmäßiger Spiegel-Leser zustimmen, dass dieser manchmal zu umfangreich schreibt. Ich denke, das ist sicher eine Gratwanderung, denn bei einigen Artikeln hätte man sich noch mehr Hintergrundwissen erhofft und wenn dann eine strikte 1-2 Seiten-Politik verfolgt wird, ist der Artikel dann manchmal zu dünn bei komplexen Themen. Wenn man regelmäßig Onlinenachrichten liest, dann kennt man die allgemeinen Fakten vieler Meldungen schon und bei 1-2 Seiten bleibt nach Erläuterung dieser leider nicht viel mehr Platz für das Hintergrundwissen.
    Insofern ist wie der Autor schreibt noch Luft nach oben. Wenn dieser Aspekt noch verbessert wird, könnte ich mir vorstellen, dass auch gelegentlich zu kaufen.

  3. „…ist die Woche von einer durchgehend hohen Texqualität geprägt, die an keiner Stelle so unangenehm auftrumpft, wie beispielsweise die allzu häufig bemüht gedrechselten Angeber-Einstiege einer Spiegel-Titelstory. Wenn ich es szenisch mag, lese ich einen Roman und keine politische Zeitschrift.“

    Wie wahr. Das Emo-Pathos bei Spiegel, Zeit und SZ ist schwer erträglich.

  4. Ich habe gerade am Kiosk die aktuelle FAZ Woche („Nr.18“!!) gekauft – und bin entsetzt: Das Blatt ist eine einzige Zumutung.

    Das geht beim exaltierten Preis von 3,50 für 64+4 Seiten los – mit 11 Seiten Anzeigen!!: VW, Datev, Hewlett Packard, Vontobel, Price Waterhouse Copper, Bundeskunsthalle, TriumphAdler, HanseMerkur, Deutsche Bank, DZ BAnk, Lohnsteuerhilfe, StädelMuseum, Auktionshaus Grisebach, Boston Consulting, Rolex.

    Ein Heftchen wie ein Werbeprospekt. Total dünnes Papier. Ohne die eingeheftete Postkarte wäre die läppische Haptik noch schlimmer.

    Typographisch ist das Blatt wie der „Spiegel“ der 80er Jahre: Seiten vollgestopft, viel zu kleine Schrift, zu breite Spalten, keine Abstände zwischen den Absätzen, keine Zwischenüberschriften, kaum weiß.

    Die Auswahl der Artikel: von jedem etwas, weder aktuell noch ausreichend Hintergrund.

    Und journalistisch – da habe ich nach dem grottenschlechten Artikel gegen die AfD aufgehört zu lesen.

    Das ist eine verlegerische und journalistische Totgeburt.

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