Mischmasch bei Maischberger: wenn der Fall Böhmermann auf die Flüchtlingskrise und den IS trifft

Ralf Höcker talkte bei Sandra Maischberger zum Fall Böhmermann
Ralf Höcker talkte bei Sandra Maischberger zum Fall Böhmermann

Ein hervorstechendes Merkmal der Affäre Böhmermann/Erdogan ist, dass jeder hineininterpretieren kann, was er möchte. Das wurde einmal mehr klar bei der TV-Debatte „Menschen bei Maischberger“. Von Böhmermanns Schmähgedicht hüpfte die Diskussion zu Deutschlands Beziehung zur Türkei, der Flüchtlingskrise, den Kurden, der EU, den Menschenrechten, dem IS und zum Terror von Paris und Brüssel.

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„Sie sehen, alles hängt miteinander zusammen“, sagte Sandra Maischberger zum Schluss ihrer leicht entglittenen Talkrunde zum Thema Böhmermann/Erdogan. Zumindest in dieser Sendung traf das zu.

Ulrich Kienzle bezeichnete den türkischen Präsidenten als Fall für die Psychiatrie und beschrieb, dass Erdogan die deutsche Kanzlerin vor sich hertreibe. Der „Neo-Sultan“ Erdogan (Kienzle) könne machen, was er will.

„Im Zweifel für die Freiheit“

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin kritisierte, dass es sich die die Bundesregierung zu eigen gemacht habe, „dass Herr Erdogan mehr Rechte hat als Herr Kienzle. Einem Rechtsstaat hätte es gut zugestanden zu sagen, Herr Erdogan ist ein Mensch wie jeder andere auch. Wenn er beleidigt wird, soll er zum Gericht gehen.“ Wobei er das ja auch gemacht hat. Trittin wies noch auf die Meinungsverschiedenheit innerhalb der Regierungskoalition hin, denn der Außen- und Justizminister waren ja gegen eine Strafverfolgung nach dem mittlerweile berüchtigten Majestätsbeleidigungsparagrafen 103. „Wenn man so gespalten ist, entscheidet man sich im Zweifel für die Freiheit und nicht für die Strafverfolgung“, so Trittin. Kann man so sehen. Muss man aber nicht, siehe Merkel.

Stephan Mayer (CSU), der innenpolitische Sprecher Unionsfraktion, verteidigte brav die Kanzlerin und gab zu bedenken, wenn man den Paragrafen 103 jetzt ganz schnell abschaffe, wofür es aktuelle ja Bestrebungen von Justizminister Heiko Maas gibt, sei das eine „Lex Böhmermann“. Ein schöner Begriff. Sollte er die Sendung gesehen haben, hat Jan Böhmermann an dieser Stelle vielleicht gegrinst. Denn, so klärte Medienanwalt Höcker auf, wenn der 103er abgeschafft wird, bevor die Sache durch ist, dann greift nur der „normale“ Beleidigungsparagraf 185. Was aber eigentlich auch wurst ist, weil ja eh keiner denkt, dass Böhmi wegen seinen Klötenversen fünf Jahre in den Knast muss. Es ist ein Kreuz.

78 Millionen Türken beleidigt

Die Kabarettistin Idil Baydar findet Böhmermanns Gedicht sei zwar „sprachrassistisch“ aber als satirisches Werk auch unbedingt schützenswert. Komödiantische Dialektik. Und der deutsch-türkische AKP-Politiker Ozan Ceyhun hatte in seiner Rolle als Erdogan-Gutfinder zu konstatieren, dass sich 78 Millionen Türken von Böhmermann beleidigt gefühlt hätten. Wobei er offensichtlich nicht erkannte, dass das Gedicht derart überzogen war, dass der wörtliche Inhalt („Ziegenficker“ usw.) nicht die eigentliche Bedeutung ausmachte. Aber das nur am Rande.

Ralf Höcker, um eine steile Einschätzung nie verlegen, war auch eher bei der Contra-Böhmermann-Fraktion und ritt darauf herum, dass der mit seinem Gedicht „die Kreise der Bundesregierung“ gestört habe. Was immer das auch bedeuten mag, es gehört seiner Meinung nach bestraft, und zwar mit einer Geldstrafe. Weil: Böhmi vermutlich ja noch nicht vorbestraft ist. Sonst wäre klar: Knast! Höcker ergänzte noch, dass auch Diktatoren eine Menschenwürde haben, was sein mag. Darum können sie ja auch in Deutschland nach dem normalen Beleidigungsparagrafen 185 klagen, was Herr Erdogan ja auch gemacht hat. Wobei noch zu klären ist, ob er nun Demokrat, Autokrat oder „der Irre vom Bosporus“ (Martin Sonneborn, die Partei) ist.

Dritter Weltkrieg ante portas?

Es gab dann noch einen seltsam anmutenden Einspieler, in dem das Gedicht und der berühmte Kabelka-Kontext von einem Sprecher ausschnittweise nachgesprochen wurden, wozu tonlose Bilder aus der bewussten Sendung liefen. Vermutlich ein Kniff, um das ganze als „Zitat“ zu kennzeichnen und keine weiteren außenpolitischen Verwerfungen, bzw. den Dritten Weltkrieg loszutreten.

Vor allem im letzten der Drittel der Sendung ging es dann sehr viel um die Türkei, ihr Verhältnis zu Deutschland und der EU, die Abhängigkeit der deutschen Regierung von Erdogan, die Flüchtlinge und darum, wie sehr die türkische Regierung der Terrorbande IS geholfen hat und was das alles it den Anschlägen von Paris und Brüssel zu tun hat. Eine Lösung wurde erstaunlicherweise nicht gefunden.

Was dieser Böhmermann mit seinen paar Zeilen Schmähgedicht da losgetreten hat – es ist schon ein Wahnsinn. Am Ende äußerte Sandra Maischberger die Hoffnung, dass sich Böhmermann vielleicht auch mal selbst zur Sache äußern wird. Ein frommer Wunsch, der hoffentlich in Erfüllung geht.

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Alle Kommentare

  1. Wenn das Wort „Hineininterpretieren“ schon auf einer Medienseite verwendet wird, dann geht es wirklich bergab mit dem Journalismus hierzulande. Natürlich soll man nichts auf­ok­t­ro­y­ie­ren oder die journalistische Zunft auseinanderdividieren. Vielleicht hatte der Redakteur anfängliche Startschwierigkeiten und sein grausiges Deutsch war deshalb schon vorprogrammiert. Aber wenn man alle Argumente zusammenaddiert, dann ist diese Vokabel ein Attentatsversuch auf fundamentale Grundkenntnisse der deutschen Sprache.

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