Interner Spiegel-Report entlarvt Mitarbeiter-KG als Innovationsproblem Nummer eins

Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass: Neue Umsatz- und Erlösbringer dringend gesucht
Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass: Neue Umsatz- und Erlösbringer dringend gesucht

Als Teil der Agenda 2018 soll der Spiegel-Verlag mit neuen Produkten aus der Ertragskrise kommen. Doch den millionenschweren Investitionen hierfür müssen die Gesellschafter zustimmen. Die Mitarbeiter-KG sei hierfür ein „Hindernis“, entlarvt der Innovationsreport des Spiegel. Medienexperten geben aber auch Miteigner Gruner + Jahr eine Mitschuld, um das Magazinhaus zukunftsfähiger zu machen.

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Es ist ein Wendepunkt in der Firmengeschichte des Spiegel. Am 8. November 1974 verschenkte Magazin-Gründer Rudolf Augstein die Hälfte des Verlages an die Mitarbeiter. Aus Arbeitnehmern wurden Eigentümer, aus Gehaltsempfängern Gewinnberechtigte. Doch die neue Macht bringt der Belegschaft nicht nur Annehmlichkeiten.

Denn die Mitarbeiter-KG sowie indirekt die Stillen Gesellschafter bestimmen seither mit darüber, wie das Unternehmen an der Ericus-Spitze in Hamburg durch geschickte Investitionen zukunftsfähig bleibt – ein Gesellschafterkonstrukt, das in Deutschlands Medienlandschaft einzigartig ist. Jetzt entpuppt sich diese Gesellschaftsstruktur als ein Mühlstein für den Spiegel, um schnell und kompetent über Produktideen, Investitionen oder eine schlankere Organisation zu entscheiden. Deutlich nennt das Team aus 20 Spiegeln-Mitarbeitern, die den Innovationsreport verfasst haben, hierfür einen Übeltäter beim Namen: die Mitarbeiter-KG. Sie sei ein „Hindernis“. So sei es zwar zu begrüßen, dass „der Spiegel-Verlag seinen Mitarbeitern zur Hälfte gehört, aber dieser Zustand lähmt uns auch“, urteilen die Verfasser. Denn: „Gewinne wurden in der Vergangenheit nur zu einem kleinen Teil reinvestiert, die Vertreter der Mitarbeiter-KG sowie die Stillen Gesellschafter haben zudem nicht immer die Zeit und manchmal auch nicht die ausreichende Kompetenz, alle relevanten Aspekte von Investitionsentscheidungen zu überblicken“.

Noch deutlicher beschreibt der Innovationsreport an anderer Stelle, warum das Printhaus durch das Gesellschafterkonstrukt seine Wettbewerbsfähigkeit verschläft: „Natürlich haben wir Teile unseres Unternehmens neu gegründet (Spiegel Online) und andere, die in Schwierigkeiten waren (Spiegel TV) saniert – aber insgeheim folgten diese Aktionen immer wieder mit dem Ziel, dass im Herzen unseres Hauses, dem Spiegel-Verlag mit seinen 781 KG-Mitgliedern, möglichst alles so schön bleiben möge, wie es ist“, heißt es dort. Und weiter: „Notwendige Anpassungen haben wir deshalb zu lange verschleppt – und das in doppelter Hinsicht: Weder haben wir offensichtliche Effizienzpotenziale genutzt, noch haben wir Einheiten aufgebaut, die unsere Arbeit professionalisieren würden.“

Auch führende Branchenkenner werten die Gesellschafterstruktur des Spiegel angesichts der akuten wirtschaftlichen Probleme als bedenklich. „Bei vielen Medienhäusern sehe ich derzeit die Situation, dass die meist langgedienten Mitarbeiter Innovationen und Neugeschäft gegenüber zurückhaltend sind. Und dies schon in Fällen, wo nur der persönliche Status aufgrund von Wissens- oder Umsatzvorsprung gefährdet ist“, erklärt Prof. Dr. Katja Nettesheim, Gründerin der Berliner Unternehmensberatung Mediate Group. „Im Fall vom Spiegel geht es darüber hinaus um das eigene Geld, denn bei Investitionen werden Ausschüttungen ausbleiben oder verringert. Ein sehr gewichtiger Grund für Innovations-Zurückhaltung, der bei einer anderen Gesellschafterstruktur nicht gegeben wäre“, meint die Expertin. Ähnlich sieht es auch der ehemalige Capital-Chefredakteur und heutige Unternehmensberater Dieter Brunowsky: „In Wahrheit ist nicht das Modell an fehlenden Innovationen schuld, sondern die mangelnde Innovationsbereitschaft der Mitarbeiter, die wiederum mit unterschiedlichen Interessen innerhalb der Mitarbeiter-KG zusammenhängt“, meint er.

Auch Joachim Weidemann, ehemaliger Handelsblatt-Journalist und heutiger Unternehmensberater bei Bartholomäus & Cie, sieht die Mitarbeiter-KG in die Jahre  gekommen. Einst galt sie ein sehr fortschrittliches und demokratisch wirkendes Instrument, um den Spiegel aufzubauen. So diente der Mehrheitsgesellschafter „einerseits der Mitarbeiterbeteiligung am Erfolg, andererseits aber auch der Verteigung gegen Übernahmen.“ Die Mitarbeiter-KG legte daher gemeinsam mit dem Führungspersonal „den Grundstein für die institutionelle Unabhängigkeit des Spiegel.“ Ob diese KG aber nachhaltig erfolgreich bleibt, liegt seiner Meinung nach daran, „welches Statut sie sich gibt und wie sie die Verteilung der Anteile definiert. Liegt dem nur die Verweildauer in der Gruppe zu Grunde, führt die Mitarbeiter KG zu einer risikoscheuen und somit innvestitionslähmenden Bequemlichkeit und Sättigung“, meint er. Sein Vorschlag: „Nimmt man dagegen die Aktivität, Initiative und Verantwortung von Mitarbeitern als Grundlage der Anteilsverteilung, könnte man dem Spiegel neues Leben einhauchen, das sich unter anderem in mobilen Start-ups, qualitätiv hochwertigen vertikalen digitalen Medienprodukten und einer Führungsrolle im Datenjournalismus austoben könnte. Immer auch mit dem Recht zu Scheitern, auch wenn die Zeiten nicht leicht sind.“

Doch die Mitarbeiter-KG ist nicht der einzige Malus im Gesellschafterkreis. Auch die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr, die mit 25,5 Prozent am Spiegel-Unternehmen beteiligt ist, dürfte sich kaum als großer Treiber neuer von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer & Co. erdachter Projekte hervorheben. „Ich sehe darüber hinaus noch ein gewisses Konkurrenzverhältnis in der aktuellen Struktur: Warum sollte Gruner +Jahr einer wirklich erfolgversprechenden Neugeschäfts-Chance auf Ebene vom Spiegel zustimmen, wo sie nur zu 25 Prozent partizipieren, anstatt sie selbst zu machen“, fragt die Medienberaterin. Sie schlägt daher vor, die Anteilstruktur des Spiegel radikal zu ändern. „Vorzuziehen wäre also eine einfache Struktur mit einem operativen Mehrheitsgesellschafter mit Entwicklungsstrategie. Ein Kaufinteressent vorausgesetzt, wäre das für die Mitarbeiter – rein wirtschaftlich betrachtet – ein Rechenexempel: Können sie den erhaltenen Kaufpreis für ihre Anteile mit einer besseren Rendite anlegen als sie in Zukunft als Ausschüttung erwarten können“, betont sie.

Doch ist eine neue Gesellschafterstruktur überhaupt realistisch? Als naheliegender Käufer für die Anteile der Stillen Gesellschafter käme in erster Linie Gruner + Jahr in Frage. Das Zeitschriftenhaus hat seit Jahren reges Interesse, alleiniger Herr im Spiegel-Haus zu sein. Denn nach der Übernahme der Anteile der Verlegerfamilie Jahr könnte Thomas Rabe, Chef des G+J-Mutterkonzerns Bertelsmann, problemlos an der Ericus-Spitze durchregieren, wenn Gruner + Jahr hier das Zepter übernimmt. Monatelange Anläufe, das Anzeigen-Back-Office mit der Vermarktung von Gruner + Jahr zu verschmelzen, wären mit einem Wimperzucken erledigt. Doch: „Warum sollten die Mitarbeiter ihre Macht abgeben? Mit der Brechstange diese Mitbestimmung auszuhebeln, wird nicht funktionieren“, meint Wirtschaftsjournalist Brunowsky. Die Mitarbeiter-KG wird weiter ein fester Bestandteil des Spiegel-Konstrukts bleiben – und damit die schwelenden Strukturprobleme.

Schnellere Entscheidungen über neue Zukunftsprojekte sind aber notwendig, um den Spiegel aus der Ertragskrise zu führen. Weiter sinkende Auflagen und ein rasant schwindendes Anzeigengeschäft belasten das Geschäft deutlich. Will Geschäftsführer Thomas Hass allein die drohenden Umsatzverluste beim gedruckten Spiegel in den nächsten Jahren abfedern, müsste das Unternehmen ein Feuerwerk an neuen Produkten auf den Weg bringen. „Um fünf erfolgreiche Produkte zu lancieren, sind allerdings 50 gute Ideen pro Jahr notwendig, eher deutlich mehr. Mit anderen Worten. Wir brauchen mindestens eine gute Idee pro Woche, sei es intern oder extern“, heißt es im Innovationsreport – ein schwieriges Unterfangen also angesichts der Trägheit der Mitarbeiter-KG und ihrer Stillen Gesellschafter.

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Alle Kommentare

  1. Es kommt weniger auf die Investitionen an, sondern eher auf den Inhalt bzw. Glaubwürdigkeit. Selbst wenn der Spiegel mit Goldrand erscheinen würde, würde das nichts mehr bringen.

  2. „Das Problem” sei es, dass 760 Stille Gesellschafter, die große Mehrheit übrigens Tarifangestellte, nicht wie Unternehmer haften? 760 persönlich haftende und handelnde Unternehmer, und die Zukunft wäre nicht mehr so „ungewiss”? Also bitte, nur zu. Ideen sind die kostbarsten Rohstoffe.

  3. Eine ertragssteigernde Innovation, die *nur* aus der Mitarbeiter-KG kommen könnte, wäre der simple Wechsel von Propaganda zu echtem Journalismus. Wenn’s nicht schon zu spät ist dafür.

  4. „Ein Kaufinteressent vorausgesetzt, wäre das für die Mitarbeiter – rein wirtschaftlich betrachtet – ein Rechenexempel: Können sie den erhaltenen Kaufpreis für ihre Anteile mit einer besseren Rendite anlegen als sie in Zukunft als Ausschüttung erwarten können, betont [die führende Branchenkennerin].”

    Nun werden also diejenigen in Stellung gebracht, die einer Auflösung der Mitarbeiter KG und einem Verkauf des Modells das Wort reden:
    > Ganz so, als hätten Interessenten wie Bertelsmann irgendwelche geheimnisvollen Geschäftsideen für den Übernahmefall in petto, die sie bisher nicht umgesetzen.
    > Ganz so, als könnte irgend jemand das „Rechenexempel”, von dem die Kennerin faselt, auch nur halbwegs seriös durchspielen und heutzutage zwischen guten und besseren Renditen wählen.
    > Ganz so, als ob mit einem Ende der KG nicht grundsätzlich jeder Beschäftigte, ob Stiller Gesellschafter oder nicht, zum Abschuss freizugeben wäre. Frau Jäkel-Wickert hätte wohl schon ein paar Sanierungseinfälle.
    > Ganz so, als hätte die Mitarbeiter KG nicht selber allerhand neue Geschäftsmodelle erwogen (und teilweise ja auch umgesetzt). Nur hat sie sie den externen Spiegel-Verstehern, die sich mit Management-Sprech profilieren wollen, natürlich nicht auf die Nase gebunden.

    1. @Steinauge: etwas mehr Sachlichkeit ist geboten. Man muss weder Medien- noch Finanzexperten sein, um die Kernaussagen des Artikels nachzuvollziehen. Und diese sind nicht kalkuliert oder gar platziert.
      Mitarbeiter in fast jeder Branche sind per se risiko- und veränderungsavers. Das ist auch in Ordnung und in keinster Weise wertend. Das Problem ist, dass Mitarbeiter nicht durch die Übertragung von Anteilen automatisch zu Unternehmern werden. Unternehmer, die bereit sind Risiken einzugehen und persönlich dafür zu haften (wie einst Augstein). Die Abwägung zwischen jährlicher Ausschüttung oder Verzicht darauf zugunsten von langfristigen Investition in eine (ungewisse) Zukunft ist eine Überforderung vieler Mitarbeiter der alten Garde.
      Sie sagen sicherlich zu Recht, die KG hat zahlreiche Innovationen „erwogen und teilweise ja auch umgesetzt“. Tatsächlich ist die Print Auflage vonle Tatsächlich aber seit 2002 rückläufig. Die Abonnentenzahlen sind es seit 2007. Das legt die Vermutung nahe, dass entweder die falschen oder nicht ausreichende Maßnahmen unternommen worden sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen und dann haben Sie Anteile an einer KG die nicht mehr in der Lage ist etwas auszuschütten. Aber bis dahin sind Sie vielleicht ja bereits im wohlverdienten Ruhestand und lesen die Titanic.

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