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Exodus beim Spiegel: Preisgekrönte Journalisten verlassen das Nachrichtenmagazin

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (li.) und Auto-Experte Dietmar Hawranek

Kollateralschaden der Gesundungskur nach der „Agenda 2018“, durch die der Spiegel sparen und zukunftsfit werden will: Der Spiegel-Redaktion kehren viele hochrangige Redakteure – darunter diverse Nannen-Preis-Träger – den Rücken. Sie haben die großzügige Vorruhestands-Regelung angenommen, die das Verlagshaus hingegen viele Millionen Euro kosten wird.

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VW-Großaktionär Ferdinand Piëch gilt als öffentlichkeitsscheu. Gegenüber Journalisten redet er selten. Doch Anfang April 2015 lässt er gegenüber Spiegel-Wirtschaftsredakteur Dietmar Hawranek seine Zurückhaltung fallen. Überraschend diktiert er dem Redakteur einen Satz, der es in sich hat und in der VW-Zentrale Wolfsburg ein wahres Führungsbeben auslöst. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, gemeint ist der damalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, der wenig später über die Diesel-Affäre stolpert. Was folgt ist ein wochenlanger Machtkampf zwischen Winterkorn und Piëch, der am Ende in den Rücktritt des Aufsichtsratschefs mündet.

Solche Scoops aus Hawraneks Feder wird es künftig nicht mehr geben, jedenfalls nicht mehr beim Nachrichtenmagazin Nummer eins. Der Wirtschaftsjournalist wird nach MEEDIA-Informationen den Spiegel im nächsten Jahr verlassen. Ein schwerer Schlag für das Verlagshaus, da Hawranek als einer der best vernetzten Branchenjournalisten in Deutschland gilt.

Doch der Auto-Redakteur gehört zu den 111 Mitarbeitern des Medienunternehmens an der Ericusspitze, der das Vorruhestands-Modell unterzeichnet haben. Hawranek ist nicht der einzige Aussteiger. Darunter sind nach MEEDIA-Informationen auch Dieter Bednarz (Nahost-Experte), Jörg Kramer (Sport), Conny Neumann (Büro München), Ansbert Kneip (Redaktionsleiter Dein Spiegel), Thomas Hüetlin (Kultur-Ressort, Nannen-Preisträger) sowie Horand Knaup (Hauptstadt-Büro).

Da aber viele der betroffenen Mitarbeiter erst im nächsten Jahr das Unternehmen verlassen, hat Chefredakteur Klaus Brinkbäumer genügend Zeit, geeignete Nachfolgeregelungen zu treffen. Dies kommt ihm gelegen. Denn dem Nannen-Preis-Träger treiben derzeit andere Sorgen. Er muss sich in der nächsten Zeit vor allem um ein tragfähiges, wirtschaftlich erfolgreiches Paid-Content-Modell bemühen, wie er auf der heutigen Betriebsversammlung betonte. Es soll dazu führen, dass das Traditionshaus wieder mehr umsetzt. Rückläufige Auflagen und stark fallende Vermarktungserlöse belasten massiv die Geschäftslage. Allein in 2014 sind die Werbeerlöse nach dem jüngsten Innovationsreport, der MEEDIA vorliegt, auf 54,9 Millionen gefallen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Brinkbäumer muss daher gegensteuern. Dafür will der Journalist in den nächsten drei Monaten im Tagesgeschäft kürzertreten. So werde er lediglich die Cover-Gestaltung und große Geschichten des gedruckten Magazins begleiten, heißt es. Auf das Lesen jedes einzelnen Artikels, das er Woche für Woche zu einem wichtigen Teil seiner Arbeit zählt, verzichtet er vorerst und will dies Anderen überlassen.

Doch eine Paid-Content-Strategie ist nicht die einzige Aufgabe, die Brinkbäumer zu lösen hat. Wie aus dem Innovationsreport hervorgeht, müssen er und seine Kollegen insbesondere die behäbige Organisationsstruktur zwischen dem gedruckten Heft, Spiegel Online und Spiegel-TV räumlich und inhaltlich aufbrechen, um die Zusammenarbeit in der Belegschaft zu verbessern. So wird in dem von 20 Mitarbeitern erstellten Bericht beispielsweise gefordert, einen Crossmedia-Desk zu etablieren. Er soll aus einem flexiblen Reporterpool bestehen, der alle Kanäle bedient und „hierarchisch bei den Chefredaktionen“ angesiedelt ist.

Doch das ist nicht alles. Eine bessere Kommunikation zwischen den Mitarbeitern, weniger zeitraubende Sitzungen, ein neues WIR-Gefühl sollen das Nachrichtenmagazin aus der Agonie führen. Denn nur so ist es möglich, dass Deutschlands „Sturmgeschütz der Demokratie“ (Augstein) an Scoops wie die Panama Papers kommt, mit dem die Süddeutsche Zeitung derzeit weltweit für Furore sorgt.

Der Spiegel-Verlag hält sich zu den Personalabgängen bedeckt. „Die Modelle für den erweiterten Vorruhestand im Spiegel-Verlag sind gut angenommen worden. Innerhalb der Zeichnungsfrist, die am 31. März endete, haben 111 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein entsprechendes Angebot unterschrieben“, erklärt eine Spiegel-Sprecherin. Zu den Namen von Redakteuren, die die Vorruhestandsreglung angenommen hätten wollte sie sich nicht äußern.

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