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Erste Sendung nach der Erdogan-Wut: Die viel zu routinierte Reaktion von „extra3“

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Warum so zaghaft, NDR? Haben die Spaßvögel von „extra3“ etwa doch etwas zu viel Respekt vor den Erdogan-Fans, die sich unter dem Hashtag #WeloveErdogan formieren? Bei der ersten Sendung nach dem großen Aufschrei wegen der Wut des türkischen Staatschefs auf einen Spott-Spot der TV-Satiriker, handelten Moderator Christian Ehring und sein Team den Fall etwas zu schnell und routiniert ab.

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So witzelte Ehring gleich zum Anfang der Sendung:

Wenn Sie Kritik hören wollen, gucken Sie extra3. Wenn Sie keine Kritik hören wollen, treffen Sie die Bundeskanzlerin.

Dann bot er dem Präsidenten immerhin noch einen „schmutzigen Deal“ an. Erdogan wolle, dass das Video gelöscht wird. Aber das gehe ja nicht. Man könne allerdings anbieten, ganz im Geiste der EU-Türkei-Vereinbarung bei den Flüchtlingen, dass „extra3“ für jeden Gag, den ein türkischer Satiriker ungestraft auf Kosten von Erdogan machen darf, man eine Spitze gegen den Politiker zurück nehme.

Dabei hätte das Thema doch so viel mehr hergegeben. Wann hat man als Satiriker einer Sendung, die meistens spätabends im dritten Programm läuft, die Chance, sich mit einem ausländischen Staatspräsidenten anzulegen?

Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Türkei den deutschen Botschafter einbestellt hatte. Der Diplomat habe sich für den knapp zweiminütigen Beitrag „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ rechtfertigen müssen. Der Song spießte etwas die Politik des türkischen Präsidenten auf.

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Dazu texteten die Satiriker Zeilen wie: „Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.“ Oder: „Redaktion wird dicht gemacht, er denkt nicht lange nach und fährt mit Tränengengas und Wasserwerfern durch die Stadt“. Bilder eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem sich beide die Hände schütteln, sind unterlegt mit dem Text „Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand.“

Mit dem Beitrag machte „extra 3“ auf die zahlreichen Verstöße gegen Menschenrechte in der Türkei aufmerksam und griff aktuelle Fälle wie beispielsweise die staatliche Übernahme türkischer Medien sowie die Anklagen gegen kritische Journalisten auf.

Die Folge des türkischen Ärgers war natürlich abzusehen. Der Clip ist längst Kult. Die Sendung ist spätestens jetzt über Norddeutschland hinaus bekannt und der türkische Präsident steht dumm da. Allerdings machte auch die deutsche Politik nicht gerade den entschlossensten Eindruck. Es dauerte Tage, bis es ein paar schützende und unterstützende Worte in Richtung Pressefreiheit und „extra3“ gab.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 08.38.37Die Sendung vom gestrigen Mittwoch

Die erste Sendung nach dem medialen Spektakel ging allerdings ebenfalls sehr rücksichtsvoll mit dem Fall um. Natürlich gab es ein paar Spitzen. Auch begrüßte der Studiosprecher diesmal die Zuschauer auf Türkisch und sprach von der „Lieblingssendung von Erdogan“. Dann zeigte die lustige NDR-Truppe noch einmal den Clip. Diesmal mit türkischen Untertiteln. Diese Version war jedoch nicht neu. Sie ist seit Tagen bei YouTube ebenfalls sehr erfolgreich. Nach nur wenigen Minuten ging Moderator Ehring bereits zur Tagesordnung über. Was bleibt, ist das Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre. Immerhin bedeute Satire oftmals ja auch, dass man es gnadenlos übertreibt. Doch wie sagte Ehring: „Wir haben kein Interesse an einer Eskalation“. Er sei bereit „gnädig darüber hinwegzusehen, dass Erdogan extra3 guckt, ohne dafür Gebühren zu zahlen.“

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Alle Kommentare

  1. Die Redaktion von extra3 hat es genau richtig gemacht. Kein Nachdreh, kein Aufblasen eines Themas, das sich eh von selber aufblasen wird… keine minutenlange, mit dramatischer Musik unterlegte, Selbstbeweihräucherung.

    Herr Becker, ich habe beim Lesen Ihres Artikels, besonders der Überschrift, das Gefühl, dass Sie sich ein Aufbauschen im Stil von RTL II oder Pro7 gewünscht hätten. Und genau das ist der Grund, warum extra3 genau da richtig ist, wo es gesendet wird. Denn nichts wäre Schlimmer, als jetzt ein „Haha“ Nachtreten.

    Die Satire sticht besonders deshalb so gut (und schmerzhaft), weil sie direkt ins Ziel trifft, weil sie nicht pompös und gelackt hingeschmissen wird. Und genau das wäre bei den Privat-Sendern passiert. Inklusive ekelhaftem, sinnlosem Nachtreten. Lieber Wirken lassen, Abwarten. Extra3 hats genau richtig gemacht… vielleicht sieht das auch der Meedia-Redakteur irgendwann so. Oder schaltet halt beim x-ten Replay der dramatischen Szenen von Berlin Tag und Nacht ein, keine Ahnung *au, der war fies, ich gebs zu*.

  2. Was wollen Sie? Eine Eskalation um jeden Preis und ein Thema ausschlachten, bis es nicht mehr komisch ist? Ich finde es prima, wie die Redaktion von „extra 3“ damit umgegangen ist – nämlich mit Augenmaß. Auch Journalisten sollten sich nicht so wichtig nehmen.

  3. extra 3 und andere Satiriker missbrauchen oft die sogenannte Pressefreiheit für Geschmacklosigkeiten und Beleidigungen nach allen Seiten. Kritik gehört in eine Satire, Ehrverletzungen nicht. Dass jetzt ausgerechnet Erdogan sich beschwert, ist absurd. Dazu hätten andere und sogar Frau Merkel selber schon Grund dazu gehabt.

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