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Der Spiegel „Innovationsreport“: Selbstzerfleischung, Selbsterkenntnis – aber keine Konsequenzen

Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass (mi.), Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (re.) und SpON-Chefredakteur Florian Harms
Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass (mi.), Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (re.) und SpON-Chefredakteur Florian Harms

Es ist ein Alptraum in Sachen PR: Eine interne Mitarbeiterbefragung stellt dem Unternehmen und seiner Führung katastrophale Noten aus und gelangt an die Öffentlichkeit. Für den Spiegel wäre das eine schöne Story, wenn er nicht selbst im Mittelpunkt stünde. Der dem SWR zugespielte „Innovationsreport“ zeigt, dass die Mitarbeiter des Spiegel das eigene Haus kritischer sehen als jeder Kritiker von außen. Radikale Veränderungen, wie sie von den Mitarbeitern offenbar herbeigesehnt werden, sind indes nicht in Sicht.

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Man sollte sich die zeitliche Entstehung dieses nun an den SWR geleakten „Innovationsreports“ vergegenwärtigen. Im Sommer 2015 stellten Spiegel-Chefredaktion und Geschäftsführung eine „Agenda 2018“ vor, ein Mix aus Sparmaßnahmen und Projekten, die den Spiegel zukunftssicher machen sollten. Dazu gehörte auch eine Mitarbeiterbefragung. Ein Team aus Redaktion, Verlag und Dokumentation sollte eine kritische Bestandsaufnahme des gesamten Unternehmens erstellen. Dabei ist der nun durchgestochene „Innovationsreport“ entstanden.

Die Mitarbeiterbefragung lief nach MEEDIA-Infos vom Sommer bis zum Herbst 2015. Der Report, den der SWR öffentlich gemacht hat, ist eine Arbeitsfassung, die vom Januar 2016 datiert. Will heißen: Die oberste Spiegel-Etage ist schon eine ganze Weile darüber informiert, dass es im Hause gewaltig brodelt. Denn die Ergebnisse der vorliegenden Arbeitsfassung des Reports sind desaströs. Offenbar fühlen sich sehr große Teile der Belegschaft abgehängt und haben den Eindruck, die Führungsriege weiß nicht, was sie tut. In Zeugnissprache könnte man darunter schreiben: setzen, Sechs!

Angeprangert werden schlechte Kommunikation nach innen, fehlendes Wir-Gefühl, falsche Prioritäten, Selbstherrlichkeit, Überheblichkeit, eine unfaire Gehaltsstruktur und so weiter und so fort. Ein Satz aus dem Report, der das Spiegel-Dilemma ganz gut auf den Punkt bringt, lautet: „Statt unsere Organisationsstruktur zu modernisieren, die Zusammenarbeit innerhalb des Hauses zu verbessern, den Markenwirrwarr zu beseitigen und die Haltung gegenüber Lesern, Zuschauern zu überdenken, starren wir verunsichert auf den rasanten Wandel der Branche.“

Der große Spiegel, der laut eigener Werbe-Aussage „keine Angst vor der Wahrheit“ haben will, als verängstigtes Kaninchen vor der Schlange namens Fortschritt. Auch die Wünsche, die in dem Report geäußert werden, sprechen Bände: transparente Gehaltsstrukturen, partizipativer Führungskultur, weniger Einzelbüros und mehr Teamflächen. Was aus dem Report bekannt wurde, liest sich wie ein einziger Schrei nach Veränderung.

Nun muss man fairerweise auch festhalten, dass solche Umfragen für die allerwenigsten Unternehmen schmeichelhaft ausfallen würden. Dass es beim Spiegel aber jemand für nötig gehalten hat, dieses Stimmungsbild nach außen zu tragen, zeigt, wie groß der Wunsch nach Veränderung dort sein muss. Bemerkenswert auch, wie sehr sich die Diagnosen von Kritiker von Außen und Spiegel-Mitarbeitern gleichen.

Allein: Es verändert sich nichts wirklich.

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Die Dreifaltigkeit aus Print- und Online-Chefredaktion sowie Geschäftsführung, also Klaus Brinkbäumer, Florian Harms und Thomas Hass, erklärt zu dem Report in schönstem Politiker-Deutsch: „Wir begrüßen den Einsatz und die Arbeit der beteiligten Kolleginnen und Kollegen, weil es unser gemeinsames Ziel ist, den Spiegel als modernes, multimediales Haus in die Zukunft zu führen. Die Projektgruppe kann frei und natürlich ohne jede Zensur arbeiten, weil nur auf diese Weise echte Innovation möglich wird. Naturgemäß stimmen wir nicht mit allen Kritikpunkten überein, aber Offenheit und Kritikfähigkeit gehören zwingend zum von uns gewünschten Prozess der Veränderung. Wir freuen uns auf den Abschlussbericht, den wir, sobald er uns vorliegt, mit dem gesamten Haus diskutieren werden.“

In dem Report wird auch angesprochen, dass neue Mitarbeiter-Verträge zu einem großen Teil nicht mehr in eine Mitgliedschaft in der Mitarbeiter KG münden. Das gilt umso mehr für Mitarbeiter von digitalen Projekten. Beim SWR heißt es dazu:

Dieser Hinweis zeigt, dass wohl auch in Zukunft die Spiegel-Mitarbeiter nicht „zu den gleichen, transparenten Bedingungen etwa im Hinblick auf Gehalt und Arbeitsverfassung“ arbeiten werden. Dies hätte zur Folge, dass das angestrebte agile Arbeiten für den adaptiven Wandel der Spiegel-Gruppe im Korsett der alten Strukturen geschieht. Und im Bewusstsein, dass die „Behebung der Ungerechtigkeiten der Vergangenheit wahrscheinlich die Basis für neue Ungerechtigkeiten in der Zukunft ist.“

Der Club der privilegierten KG-Mitglieder wird kleiner aber nicht weniger mächtig. Hier sind wir wieder beim Dreh- und Angelpunkt der ganzen Spiegel-Problematik: der Mitarbeiter KG. So lange es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Spiegel gibt – jene, die mitbestimmen und jene, die nichts zu sagen haben – werden sich die besonderen Probleme des Hauses nicht dauerhaft lösen lassen.

Eine Möglichkeit wäre natürlich, dass die KG einsieht, dass sie Macht abgeben muss und stufenweise an der eigenen Abschaffung arbeitet. Dies würde aber ein Maß an Einsicht und Selbstlosigkeit voraussetzen, wie man sie selten findet. Bei der jüngsten Wahl zur Geschäftsführung der KG wurde Martin Doerry zu einem der Vertreter der Redaktion gewählt. Er galt als Wunschkandidat der Chefredaktion und als Schreckgespenst der Reformwilligen beim Spiegel, mithin als Vertreter der alten Print-(Selbst)-Herrlichkeit. Es sieht nicht so aus, als ob sich beim Spiegel ohne Druck von außen grundlegend etwas ändern würde.

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Alle Kommentare

  1. Schnell-Tipp an den Spiegel > Haar-Gel-Spacken raus!
    (diese Typen mit dem Eimer Haargel in den Haaren,
    die sich OBEN breitgemacht haben)

    ernst gemeint, diese Typen braucht kein Mensch.. und keine Firma,
    ausser Versicherungs-Klinkenputzer, ok.. die ja

  2. Die Mitarbeiter sehen halt das die dumpfe Nato Propaganda und Anti Putin hetze….nicht gut für ihren Arbeitsplatz sind….wer glaubt demn noch dem Spiegel…wenn er offensichtlich von anderer Stelle beinflusst wird…..4. Macht sieht anders aus!

    Die Medienkonzerne sitzen zuviel mit Hochfinanz Eliten im Boot….das hat sich absolut negativ auf die ganze Medienbranche ausgewirkt…die Leute wissen längt wie das läuft…..wie im German Marshall Founds of Unites States gearbeitet wird…wie dann Artikel in die Zeitungen lanciert werden….ekelhaft ist das….das hat nichts mit freier Presse und Demokratie zu tun….das ist Propaganda im Sinne von Eliten…..quasi Plutokratie Medien.

  3. Nun, die Konsequenzen sind längst klar: Der Spiegel ist alleine nicht reformfähig. Bertelsmann wartet ab bis das Haus „billigst“ zu haben ist, und wird dann kaufen.

  4. Ich war mal Spiegel Fan! Bahn, Klo, Cafe, Bett ich weiss nicht wo überall „Der Spiegel“ dabei war…. jetzt lese ich eher CT, Handelsblatt, NZZ, Zeit, Guardian,
    oder KenFM – aber auf den Spiegel komme ich meist nur noch in der Online-Ausgabe – für zwei Minuten. So einfach ist das! Für mich war Spiegel früher provozierend, schlau, aufklärend, tendenziell links (aber auch konservativ!!), Regierungsklitisch, Positionen einnehmend und auch anbietend. Eckiger und unbequemer. Wenn ich in meinem Lieblingscafe einen Print-Spiegel sehe und schon wieder Artikel über den 2 WK, (langweilig) über den Kalten Krieg (langweilig) oder über Parteiinterna (langweilig) als Regierungskonformere
    Hofberichterstattung mit laangweiligen „Emotionalen-Text-Einstiegen“ tja – dann leg ich in wieder weg!

  5. Der Vorredner hat offenbar die Eigentümerstruktur des Spiegel noch nicht durchdrungen: Jenen, die mit dem Printheft immer weniger (und bald gar nichts mehr) erwirtschaften und die deswegen am ehesten auf Geld, Privilegien und ggfls. sogar auf ihre Jobs verzichten müssen, gehört der Verlag. Ganz verkürzt gesagt: Ein Teil der Eigentümer müsste sich selbst kündigen. Auf diese Konstellation hinzuweisen, hat aber auch rein gar nichts mit Gewerkerschafterromantik zu tun.

    Und der Vergleich mit dem Economist ist lächerlich: Der schafft mit seinem Zuschnitt auf eine viel spitzere Zielgruppe als globale Marke gerade mal ein bisschen mehr Auflage als der Spiegel in Deutschland.

    1. „Die Eigentümerstruktur noch nicht durchdrungen”? „Jenen … gehört der Verlag?“ Da sind Sie unzureichend informiert. Er gehört fast zur Hälfte G+J und den Augstein-Erben, die seit Jahrzehnten leistungslos Abermillionen abkassieren und zu Sparrunden nicht das Geringste beitragen. Ganz unromantisch.

      1. Abba abba der Jakob is doch soooo suuuuper, so links und Haltung zeigen und laut gegen rechts

        Da kann „die Fußbevölkerung“ (Volk ist nazikackscheisse-Sprech) ruhig mal den einen oder anderen Subotnik für die Gauche caviar leisten

      2. @ Schabrunski: „Fußvolk” leitet sich vom mittelhochdeutschen „vuoʒvolc” ab. Labern hingegen von „Labbe”, einer wohl aus dem Altsächsischen stammenden Bezeichnung für dicke (Hänge-)Lippe.

    2. Lieber Norman, in fast allen Verlagen wird das Geld immer noch mit Print verdient, auch wenn in vielen Fällen der Umsatz hier zurückgeht. Auch mit Millionen Usern von SPON erwirtschaftet der Spiegel nur einen Bruchteil dessen, was Print immer noch bringt. Wenn Umsätze in ehemaligen Verlagskonzernen im digitalen Bereich gut aussehen, dann liegt das ausschließlich an völlig verlagsfremdem Geschäftsmodellen wie Autoscout & Co.
      Eine Verlagswelt, in der man mit digitalen Produkten überleben kann, wird es noch auf Jahre hinaus nicht geben. Bedauerlich, aber Fakt.

  6. „So lange es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Spiegel gibt – jene, die mitbestimmen und jene, die nichts zu sagen haben — werden sich die besonderen Probleme des Hauses nicht dauerhaft lösen lassen.”

    Das ist der reine Unfug. In jeder Firma gibt es eine Trennung zwischen Entscheidungsträgern und Fußvolk. Und in allen großen Verlagen gibt es erhebliche Gehaltsgefälle. Warum also polemisiert meedia in Permanenz gegen die Eigentümerstruktur des Spiegel? Warum spielt man sich wie eine externe Gewerkschaft auf? Mit welchem Ziel und welchem Interesse?

    Zu klären wäre eher, warum die Kundschaft von der Fahne geht, und das sind inhaltliche wie formale Gründe. Die Kakophonie der Kommentare müsste wohl als erstes beendet werden und eine Rückbesinnung (jawohl!) auf das alte Erfolgsrezept erfolgen: konsequente Anonymität der Beiträge, Abschaffung der nur noch peinlichen „Hausmitteilung”, Schluss mit Autoren-Eitelkeiten und Reporter-Kult, klare politische Linie, analytische Distanz, sorgfältige Gewichtung der Themen nach Relevanz. Und zB auch keine ganzseitigen Fotos mehr von irgendwelchen B-Promis.

    Mit anderen Worten: vom „Economist” lernen.

    1. @Max Schott: Sie missverstehen da etwas. MEEDIA hat weder hier noch in anderen Artikeln kritisiert, dass es beim Spiegel einen (auch gehaltsmäßigen) Unterschied zwischen „Entscheidungsträgern“ und „Fußvolk“ gibt.

      Es geht vielmehr darum, dass alle Mitglieder der Mitarbeiter KG – in der Mehrzahl eben keine Entscheidungsträger – gegenüber den anderen Spiegel-Angestellten Privilegien genießen und über den Kurs des Unternehmens mitentscheiden können.

      Das ist ein Konstruktionsfehler in den Gesellschafterverhältnissen, der das Haus in der gegenwärtigen Situation in existenzielle Schwierigkeiten führen kann, weil ein Interessensausgleich damit ungemein erschwert wird.

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