„Wir kommen“: Das verzichtbare Romandebüt vom Medienphänomen Ronja von Rönne

Ronja von Rönne und ihr Debüt-Roman „Wir kommen“
Ronja von Rönne und ihr Debüt-Roman "Wir kommen"

Publishing Osterzeit, Lesezeit. Wie wäre es einmal mit einem neuen Roman? Medienmenschen dürfte das Debüt der viel diskutierten Welt-Autorin Ronja von Rönne interessieren. „Wir kommen“ heißt das 200 Seiten dünne Büchlein, das sich, natürlich, wie eine Langfassung ihres Blogs Sudelheft liest. Doch ein paar Twitter-Floskeln machen noch keinen Roman…

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Die junge Dame polarisiert gern. Spätestens seit ihrer Anti-Feminismus-Kampfschrift „Warum mich der Feminismus anekelt“ ist die Welt-Autorin Ronja von Rönne in aller Munde. Die kalkulierte Provokation erzeugte bitterbösen Widerspruch – was unter PR-Gesichtspunkten für eine bis dato unbekannte junge Autorin ja nicht das Schlechteste ist.

Nach dem Aufschrei um den Anti-Aufschrei kannte die halbe Medienrepublik die damals 23-Jährige, die seit drei Jahren mit einigem Eifer das Blog Sudelheft vollschreibt, von dem bis dato kaum jemand gehört hatte. Man kann behaupten, dass sich von Rönne gut auf ihren Auftritt vorbereitet hat.

Fest steht: Social Media-gerechter kann man sich kaum inszenieren. Nachwuchsautoren, die nach einem Erfolgsrezept zum Durchbruch  suchen, sollten ihre Facebook-Seite besuchen. Welchen Anteil das Aussehen nun an ihrem Aufsehen gespielt hat – es wird sich vermutlich nie herausfinden lassen. (Vor allem nicht, ohne den nächsten #aufschrei zu provozieren.)

Fest steht zumindest, dass von Rönne im vergangenen Jahr als Redakteurin bei der Welt landete – was für eine 23-Jährige ziemlich ungewöhnlich ist. Spiegel Online formulierte daraufhin vor Wochen garstig: „Bekannt geworden ist sie als Teil einer Jungfeuilletonisten-Riege, die sich Die Welt seit einiger Zeit hält.“

In den ersten 14 Monaten bei Springer hat von Rönne bei der Welt 31 Texte abgeliefert. Es gibt nicht wenige Redakteure, die schreiben in einem Monat mehr.

Wenn ich Inspiration brauche, gehe ich duschen. Danach bin ich immer noch uninspiriert und habe nasse Haare. Danach…

Posted by Ronja von Rönne on Tuesday, November 3, 2015

Immerhin: Wo von Rönne drauf steht, ist Vice-gerechte Polarisierung drin. Das typische von Rönne-Motto lautet so:  „Das Schöne an Sex: wenn man ihn nicht hat, kann man das Wort immer noch groß auf eine Parkbank schreiben oder als Klickgarant nutzen.“

Logisch also, dass nach dem bisschen Drama ein Buchvertrag winkte. Und ebenso logisch, dass alles ganz schnell gehen musste, um von den 15 Minutes of Fame noch etwas zu haben, ehe sie möglicherweise wieder verflogen sind.

Das war so ein arges Jahr. Und jetzt brachte der Kurier das. Ich breche dafür ein bisschen zusammen. Das ganze letzte,…

Posted by Ronja von Rönne on Tuesday, February 23, 2016

Deshalb liegt seit ein paar Wochen ein 200 Seiten dünnes Büchlein mit einem brennenden Streichholz auf dem Cover in den Buchläden. Das Motto ist glasklar: Ein bisschen Zündeln geht immer. Weswegen das Debüt auch heißt: „Wir kommen.“

Der Titel erinnert an die Charlotte Roche-Masche: Hält man hier neue „Feuchtgebiete“ in den Händen oder ist von Rönne die Wiedergängerin von Helene Hegemann („Haha, du bist ich in alt“,  heißt es an anderer Stelle)?

Jetzt ist sie da! Gestern stellte Ronja von Rönne zum ersten Mal Pressevertretern „Wir kommen“ vor und konnte diese mit…

Posted by Aufbau Verlag on Friday, March 4, 2016

Es geht am Rande natürlich um das vermeintlich skandalöse Leben der Generation Z: Die Protagonistin lebt in einer polygamen Viererbeziehung. Jeder mit jedem – Drama, Baby! Genauso gewollt schreibt auch von Rönne – wie zu kurz gekommene Twitter-Clowns.

Der typische von Rönne-Satz geht so: „Keiner lacht, weil der Witz alt und geschmacklos ist, und wir sind jung und geschmackvoll.“ Wirklich wahr. Voll der Effekt, ey!

Das ist so ziemlich alles, was man über „Wir kommen“ wissen muss.  Es geht inhaltlich um den Tod der besten Freundin, nächtliche Panikattacken und Therapiesitzungen – doch immer, wenn es interessant werden könnte, etwas tiefer in die Psyche der heute Zwanzigjährigen einzutauchen, verhindert von Rönnes ewig ironische Pose weiteren Tiefgang.

Ich, Ich, ich! Eine Bloggerin interviewt sich selbst„, lautet nicht umsonst ein Welt-Artikel aus dem vergangenen Jahr. Leider ist das auch der Sound von „Wir kommen“ – Selbstbespiegelung und -inszenierung um jeden Preis, die in 140 Zeichen fast immer funktioniert, einen Artikel lang unterhält, aber in über 200 Seiten in Buchdeckel gepresst, furchtbar langweilt.

Wer sich für ein gelungenes, neues Journalisten-Buch interessiert, mag auf die 19 Euro, die für „Wir kommen“ fällig werden, noch vier weitere Euronen drauflegen und zu „Panikherz“ vom Paten der Popliteratur, Benjamin von Stuckrad Barre, greifen. Das ist dreimal so dick und zehnmal so gut – um es im von Rönne-Sound zu formulieren.

Ronja von Rönne wird das verkraften. Sie ist ja noch jung. Und schreibt vielleicht irgendwann auch geschmackvoll.

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Alle Kommentare

  1. Haha, ein sehr guter und sogar höchst amüsanter Beitrag, Herr Jacobsen. Schade, dass hier kein Flattr aktiv ist, sonst hätte ich Ihnen extra ein paar Euronen für die gute Arbeit da gelassen.

  2. Danke für den Tipp. Ich hatte bisher nichts von Ronja von Rönne gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt. Ich finde sie cool. Ansonsten ist mir diese Kritik hier ein wenig zu persönlich. Herr Jacobsen gehört eben nicht zur Zielgruppe. Literaturkritik geht jedenfalls anders.

  3. Mir gefällt dieser Jacobsen auch. An „Euronen“ störe ich mich gar nicht, denn Literaturkritik darf auch witzig sein.
    Aber lieber Horst Strullenköller: „Dalassen“ ist ein ein Wort, also schreibt man auch „dagelassen“ zusammen.

  4. Ich kenne das Buch nicht und kann deshalb erstmal auch nicht sagen, inwiefern die Kritik zutrifft aber eines steht schon mal fest:

    Der Artikel ist bitterböse und lässt nun wirklich überhaupt kein gutes Haar an dem Buch – und noch weniger an der Autorin selbst.

    Ich finde so viele Seitenhiebe und Draufhaun auf die Autorin als Person gehören einfach nicht in einen Artikel, der sich als Buchkritik tarnt.

    Die Technik- und dabei besonders die Apple-Artikel des Autors finde ich ganz und auch sachkundig recherchiert.

    Dabei sollte er aber besser auch bleiben. 🙂

    1. Herr Jakobsen, ich frage mich gerade was ist Ihr Problem?
      Sachliche Kritik könnte ich ja noch verstehen. Man muss die Autorin und ihre Schreibweise nicht mögen aber Ihre Kritik klingt, für mich, wie die Ergüsse eines verschmähten Liebhabers…….schwach
      mfG

      1. Das habe ich insgeheim auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe 🙂

        Und ich dachte schon, ich wäre der einzige.

        Ist aber doch eher unwahrscheinlich, es passt vom Alter her nicht so.

  5. Jacobsen „Das Apple-Imperium“ 2 Sterne auf Amazon
    Rönne „Wir kommen“ 3,2 Sterne auf Amazon

    Vielleicht ist es ja nur Neid 🙂

  6. Es gibt Kritiken, die sind so vorhersehbar, dass der Ärger darüber völlig überflüssig ist. Trotzdem macht mich diese Abrechnung (eine Rezension ist es nicht) wütend. Ronja von Rönne ist eine tolle Autorin. Nachwuchs noch, aber mit Potential, das Herrn Jacobsen erblassen lassen sollte. Ihren Debütroman sachlich zu kritisieren, dazu fehlt es ihm. Mich hat das Buch vorzüglich unterhalten. Weil ich Sprache mag, die den Alltag erhellt. Den ganzen Müll im Netz, in Comments, aus überschätzten Altherren-Federn überstrahlt. Von Leuten die es nicht können. Und die erheben sich dann in dieser Art und Weise über von Rönne. Schlecht.

  7. Lustig, wie Rönnes Follower rumjammern, dabei wird ihr getwittere doch gelobt. Nur für Bücher reichts bei ihr absolut nicht. Unlesbar!

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