Information oder Alarmismus? Brüssel und der Turbo-Journalismus in der Endlosschleife

Breaking-News-Situationen stellen die Medien regelmäßig vor Herausforderungen
Breaking-News-Situationen stellen die Medien regelmäßig vor Herausforderungen

Publishing Breaking News bringen Redaktionen an ihre Grenzen. Nur wer kühlen Kopf bewahrt, weiß mit großem Interesse bei nur wenigen verfügbaren Informationen umzugehen. Doch gibt es immer wieder Situationen, wie nach den Terroranschlägen in Brüssel oder auch in Paris, in denen Kritik an der Art und Weise der Berichterstattung geübt wird. Von "Turbo-Journalismus" und Hysterie ist die Rede – Medien im News-Teufelskreis.

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Am Dienstagmorgen explodierten am Brüsseler Flughafen sowie nahe des EU-Viertels Bomben, 34 Menschen starben, etwa 230 wurden verletzt. Es war die zweite brutale Attacke in einer europäischen Hauptstadt innerhalb von nur vier Monaten. Gerade erst hat sich Europa vom erneuten Angriff auf die französische Hauptstadt Paris mit ihren Bombenanschlägen nahe des Fußballstadions Stade de France sowie dem Massaker im Club Bataclan erholt, wird ihnen die Gefahr wieder vor Augen geführt. „Der Westen bewegt sich in einer Endlosschleife der Hilflosigkeit“, kommentierte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart am Mittwoch in seinem Morning Briefing. Der offensichtliche Terror ist vielleicht noch nicht so alltäglich wie im Irak oder in Afghanistan. Aber er ist längst keine Seltenheit mehr, weshalb sich auch Nachrichtenteams öfter auf ihn einstellen müssen.

Journalismus in Breaking-News-Situationen ist eine heikle Angelegenheit. Oft, wie in Brüssel oder in Paris, steht ein hohes Interesse der Öffentlichkeit begrenzten Informationen gegenüber. Viele andere Informationen müssen erst verifiziert werden, damit beispielsweise keine Videos in Umlauf geraten, die bereits einige Jahre alt sind. Immer wieder kommt es zu Fehlern, die dann – zurecht – kritisiert werden. Fehler wie diese werfen kein gutes Licht auf den Journalismus.

Kritisiert wird aber auch, was echt ist. Am Dienstag gerieten Videoaufnahmen aus dem Flughafengebäude in Umlauf, die vom belgischen Sender RTL international weiterverbreitet worden sind. In Nebel des aufgewirbelten Staub ist außer Schutt kaum etwas zu erkennen, zwischendurch erwischt die Kamera Zivilisten, die Schutz in Ecken oder unter Möbeln suchen, Mütter halten ihre Kinder an sich, Hilfeschreie sind zu hören. Das Fernsehen aber auch Online-Medien verwendeten das Material, veröffentlichten es teilweise unzensiert und -kommentiert, wie unter anderem Spiegel Online. Vor das Video setzte die Redaktion einen Warnhinweis, dass der Inhalt verstörend wirken könnte.

Amateuraufnahmen aus dem Brüsseler Flughafen.

Posted by SPIEGEL ONLINE on Tuesday, March 22, 2016

Zahlreiche Nutzer reagierten allergisch. „Wie kann man das zeigen? Ich fasse es nicht! Die Presse ist sich für nichts mehr zu schade!“, „Danke für das perfekte Beispiel, wie moderner Journalismus nicht sein sollte“, „Ihr wurdet soeben zum Spielball des Terrors“. Durch das Zeigen des Materials versetzten Medien die Menschen nur weiter in Angst und Schrecken, es gehe um Panikmache, so die Kritik. Tatsächlich ist der Grat zwischen Terror-Instrumentalisierung und Informationsauftrag ein schmaler. Im aktuellen Fall bezweifeln einige besonders zweites, wie Jens Rehländer, Ex-Journalist und Kommunikator für die VW Stiftung. Der schreibt in seinem Blog: „Da auch diese oftmals verruckelten, stets unkommentierten und folglich kontextlosen – dafür aber kostenlosen – Filmchen nichts mit Journalismus zu tun haben, klebt ihnen die Redaktion im Titel zwar das Zweite-Wahl-Siegel „Amateurvideos“ auf – und lockt trotzdem in der Formulierung der Überschrift mit der Aussicht, Grauenhaftes aus erster Hand zu sehen.“ Aufnahmen wie diese brächten keinen Erkenntniswert, mein Rehländer, sollen aber seine „voyeuristischen Instinkte“ herausfordern. Ganz falsch liegt er nicht. Selbstverständlich bedienen Stücke wie dieses Video ein stückweit auch den Voyeurismus. Doch ist es die Aufgabe der Medien, die Leser zu bevormunden, weil Voyeure unter ihnen sein könnten? Ist der Leser oder Zuschauer nicht mündig genug, frei zu entscheiden, ob er klickt oder weiterscrollt? Und gehört eine angemessene Darstellung vom Leid der Opfer nicht auch zu einer authentischen Berichterstattung über das Grauen, das die Opfer der Anschläge erlebten? Ähnliche Videoaufnahmen veröffentlichte bei Facebook auch der Al Jazeera-Ableger AJ+, unterlegte seinen Beitrag sogar noch mit dramatischer Musik – Kritik daran lässt sich in den Kommentaren kaum finden.

Dozens are dead after multiple explosions hit an airport and a metro station in Brussels.

Posted by AJ+ on Tuesday, March 22, 2016

Interessant wird die Abwägung des Deutschen Presserats sein, sollte es zu Anzeigen kommen. Vor einigen Tagen rügte das Ethik-Gremium die Abendzeitung, die ein Amateurvideo nach dem Zugunglück in Bad Aibling veröffentlichte. Zu sehen waren Verletzte, zu hören waren Schreie. Nun sind die Situationen schwer vergleichbar, weil das Interesse nach einem Terroranschlag größer sein dürfte als nach einem Unfall. Das Video aus dem Flughafen macht die Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit des Terrorismus deutlich – es rüttelt auf. Das Video aus Bad Aibling ist eines, dessen Informationsgehalt gegen null läuft.

Doch reicht die Kritik an der Berichterstattung weiter, vor allem die an „Banalitäten“, wie Rehländer anhand des Beispiels Spiegel Online weiter kritisiert. Nun kann infrage gestellt werden, ob Headlines im Konjunktiv zielführend oder alarmistisch sind und Bildergalerien Informationslöcher stopfen sollen, weil die Lage zunächst unklar ist. Das Publikum erwartet, dass die Medien „liefern“, aber denen fehlen Fakten und Substanz. Die Moderatoren, die auf den Nachrichtensendern fast pausenlos redeten, ohne Neues zu sagen zu haben, konnten einem fast leid tun. „Turbo-Journalismus“ nennt Rehländer diesen medialen Zustand. Die Alternative, nicht zu berichten, scheint jedoch auch nicht die richtige, wie ebenfalls vor vier Monaten deutlich wurde, als vor allem die Fernsehsender nach den Anschlägen in Paris – auch aufgrund der Uhrzeit – nicht schnell genug schalteten und Zuschauer wie auch eigenes Personal lange im Leeren stehen ließen. Dass es auch unaufgeregte Möglichkeiten gibt, zeigten die Sender am Dienstag genauso wie einige andere Medien. Zeit Online beispielsweise berichtete vergleichsweise schnell in einem Stück über Fakten und offene Fragen (SpOn und Welt taten das im Laufe des Tages ebenfalls). Traurig ist es natürlich, wenn diese Inhalte nicht schnell auffindbar sind. Ein Fakt, auf den bis Mittwochmorgen niemand anders eingegangen war, lieferte Florian Eder in seinem Politico-Newsletter. Er informierte nicht nur, sondern lieferte auch Hintergrund. Wieso beispielsweise sich die EU-weite Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden, vor allem mit den belgischen, als schwierig erweist (weil die Polizei dort nicht einmal Zugriff auf das belgische Melderegister hat).

Auch im Journalismus und in Breaking-News-Lagen scheint zu gelten: Wie man’s macht, macht man’s falsch – je nach Sichtweise der Betrachter. Dabei ist die Kritik nur ein Baustein eines Teufelskreises. Medien informieren (nicht immer nur nüchtern), Leser rezipieren und kritisieren, Medien reagieren, Leser rezipieren und kritisieren wieder. Am Dienstag wurde kritisiert, was vor vier Monaten in Paris gefordert worden war (freilich gab es auch zahlreiche Stimmen, die die Medien nach Paris lobten). Unzufriedenheit wird eben schneller geäußert als Lob – und sie wird die Medien weiter erreichen. Vermutlich wird als nächstes der Information-Overkill kritisiert, weil eine Sondersendung die andere jagt. Mal wieder.

 

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Alle Kommentare

  1. „Wie man’s macht, macht man’s falsch – je nach Sichtweise der Betrachter.“

    Deshalb wäre es gut, wenn man eine eigene, durchdachte, ethisch begründete Meinung dazu hat, wie man sich verhalten sollte, statt auf das Geschrei einzelner Kritiker zu hören und sich in ethisch bedenkliche Gewässer drängen zu lassen.

    Und die kann dann so klingen: Man berichtet, wenn man die Fakten hat. Wer damit nicht klar kommt, soll halt schreien. Denn das ist Journalismus.

  2. Mir ging und geht die Berichterstattung in Dauerschleife über solche Themen mit immer nur winzigen neuen Informationsbrökchen echt auf die Nerven. Sicherlich würde es ausreichen, mit einer aktuellen Eilmeldung auf die Themen zu reagieren und dann umfassend und korrekt darüber zu berichten, wenn die Faktenlage klarer ist und nicht alle 10 Minuten jeden Popel im Liveblog oder Ähnliches.
    Die Motivation hinter der Art der Berichterstattung ist sicherlich auch im Finanzierungsmodell der jeweiligen berichtenden Stelle zu finden, denn letztendlich geht es den Meisten wohl nicht unbedingt nur um die aktuellen Nachrichten sondern ums Geld verdienen.

  3. Danke für das ausführliche Aufgreifen meines Blog-Beitrags. „Wie man´s macht, macht man´s falsch“, resümieren Sie. Gewiss ist es einfacher zu meckern als es selber besser zu machen. Aber da ich – schon kraft meiner beruflichen Sozialisation – tiefe Sympathie für den Journalismus hege, ist es mir wichtig, auf Tendenzen hinzuweisen, Stichwort „Turbo- oder Echtzeit-Journalismus“, die ich für riskant halte, weil sie – zumindest aus meiner Sicht – die Glaubwürdigkeit und Relevanz des Journalismus weiter aushöhlen. Es gibt interessierte Kreise, die dem Journalismus genau diese Qualitätsmerkmale absprechen – und damit immer mehr Zustimmung in der Bevölkerung finden. Das ist eine Situation, die mich tief beunruhigt. Widerlegen können Journalistinnen und Journalisten diese Vorbehalte nur, wenn sie sich mit ihrem Wirken immer wieder an den Qualitätsmaßstäben ihrer Branche orientieren. Das kontextlose Verbreiten von ungewichteten Info-Krümeln gehört, glaube ich, nicht dazu. Muss man wirklich alles mitmachen, was Klicks bringt?

  4. das meiste geld für radio und fernsehen kommt doch von abgepressten beiträgen. aus diesen sendern kommen doch seit jahrzehnten nur noch lügen.
    diese lügen führen doch dazu, das sich menschen von diesem staat abwenden.
    diese bilder sind doch nur zur effekthascherei, aber die menschen stumpft es mittlerweile ab. mich kotzt das alles nur noch an.

  5. Sehr guter Beitrag!
    Das Ziel dieses Terrors wird aber gerade durch diese emotionalisierende „Berichterstattung“ erreicht. In früheren Zeiten wurden die Mächtigen in Attentaten gezielt angegriffen und ermordet. Warum geschieht der Tyrannenmord heute nicht mehr, sondern es findet nur noch wahlloses Ermorden statt. Weil die Medien zu diesem prefiden Spiel dazugehören!

  6. Der Flüchtlingsschutzreflex fordert offen die Zensur.
    Und die Islamisten hüpfen lachend vor Freude über den politischen Unwillen Demokratie zu leben.
    Die Qualitätsmedien, eben noch mit unseriös und verschwörungsliebend den Konkurrenten bezeichnend, nun mal wieder mit gefakten Bildern und authentischen Horrorszenen um Aufmerksamkeit bemüht, während man sich sonst regierungssensibel mit Meldungen wie „Frau ersticht Bundespolizisten“ bemüht um ja nicht die islamische Zuwanderungspolitik zu gefährden.
    Wenn man wenigstens nicht ständig versuchen würde die moralische Überlegenheit der eigenen bloßen wirtschaftlich orientierten Position herauszustellen…. aber so?
    Aus den Silvestervorkommnissen will man nichts lernen und Irrtümer sind es offensichtlich auch nicht.

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