„Moderner Verlag des 21. Jahrhunderts“: Wie Gruner + Jahr zurück in die Zukunft will

Das G+J-Führungstrio: CEO Julia Jäkel, Stephan Schäfer (li.) und Oliver Radtke
Das G+J-Führungstrio: CEO Julia Jäkel, Stephan Schäfer (li.) und Oliver Radtke

Publishing Die nackten Eckwerte legen nahe, dass 2015 für Gruner + Jahr kein gutes Jahr war. Der Umsatz: von 1,75 auf 1,54 Milliarden Euro gesunken. Der Gewinn: von 166 auf 128 Millionen Euro eingebrochen. Die Rendite: 8,3 statt wie im Vorjahr 9,5 Prozent. Die Zahlen lügen nicht, aber sie erzählen nur die halbe Geschichte. Bei G+J herrscht Aufbruchstimmung – digital wie im Print mit einer Reihe neuer Titel.

Werbeanzeige

Gruner + Jahr ist im Umbruch, holt nach, was zuvor auf die lange Bank geschoben worden war. Das Verlagshaus befindet sich im wohl tiefgreifendsten Umstrukturierungsprozess seiner mehr als 50-jährigen Geschichte. „Content, Community, Commerce“ lautet der neue Dreiklang, den G+J sich auf die Fahnen geschrieben hat. Das Haus will wachsen, auch wenn es auf dem Papier erst einmal schrumpft. Das Druckereigeschäft wurde abgestoßen, die Pläne für eine weltweite Expansion den Realitäten der Märkte angepasst.

Der vormals ewig gehypte angebliche Wachstumstreiber China ist längst zum Problemfall geworden, die Indien-Investition war ein Fehlgriff, die Südeuropa-Beteiligungen schwächeln. Mit Blick auf die Konzernbilanz ist nur Frankreich eine Bank, alles andere ist zu klein (Holland) oder „liefert“ nicht wie erhofft. Das Ausland steht nicht mehr im strategischen Fokus wie vor Jahren noch. Dass Frankreich aktuell so gut läuft, wird im Konzern damit erklärt, dass dort der digitale Wandel früh und konsequent eingeleitet wurde. Chapeau: Bei den Anzeigenerlösen haben die Franzosen Printrückgänge durch Digitalzuwächse überkompensiert. Insofern gilt Paris intern auch als Musterschüler, von dem G+J lernen kann.

Dass im Digitalen noch Nachholbedarf besteht, bestreitet bei Gruner niemand. 20 Prozent beträgt der Anteil am Gesamtgeschäft in den Kernmärkten, da sind andere Medienunternehmen deutlich weiter. Aber man verweist auch auf Erfolge und ermutigende Entwicklungen. So wuchs die digitale Vermarktung 2015 deutlich, die Bereiche Living und Food legten dank multimedialer Angebote ebenfalls nach Reichweite und Umsatz zu. Der Schöner Wohnen-Shop ist ein ehrgeiziges Projekt mit großem Potenzial. An Bewegtbild-Konzepten wird bereichsübergreifend geschraubt. Dabei sollen die Digital-Baustellen nicht zum Selbstzweck, sondern in die Gesamtstrategie eingebettet werden. „Der Kern bleibt Journalismus“ heißt das Credo. Wenn nebenbei mit einem themenbezogenen Shop schönes Geld verdient werden kann – wer hätte was dagegen? Trotz aller Bemühungen, in den digitalen Welt Fuß zu fassen, untermauert G+J sein Bekenntnis zur Print-DNA, die das Haus einst groß gemacht hat. Und dann ist da noch das Großprojekt im Corporate Publishing, das durch die beschlossene Fusion der G+J Corporate Editors mit der Gütersloher Medienfabrik aufgelegt worden ist.

Seit dem Start von Julia Jäkel als CEO hat sich G+J zum Seriengründer entwickelt. Ein gutes Dutzend neuer Magazine wurden auf den Markt gebracht, darunter unternehmerisch so ambitionierte Titel wie Barbara oder das kürzlich gelaunchte Weekly frei!, die – falls der Versuch gelingt – sehr ordentliche Deckungsbeiträge erwirtschaften können. Das hat etwas Nostalgisches, weshalb es nicht verwundert, dass am Baumwall das woanders schon abgeschaffte Wort Verlag plötzlich wieder Konjunktur hat. Ein „moderner Verlag des 21. Jahrhunderts“ solle G+J sein, heißt es aus dem Umfeld der Geschäftsführung, was hübsch retroavantgardistisch klingt. Dazu braucht es neben den virtuellen Shopping Malls und den Communities eben auch die Zeitschriften. Wie zu hören ist, werden auch 2016 weitere Print-Neustarts erfolgen, von drei bis fünf Objekten ist die Rede. „Zeitgemäßes Publishing“ ist eines der Schlagworte bei G+J.

Aber auch am Baumwall weiß man, dass Ansagen allein nicht genügen. Der Wandel muss sich sich bald auch in den Bilanzen niederschlagen. Die Wachstumsfelder sind definiert, jetzt wird es Zeit, sich dort auch nachweisbar zu bewähren. Das vergangene Geschäftsjahr verbucht offenbar auch die Konzernmutter Bertelsmann als Phase des Übergangs im Zeichen der Investion und Innovation. Immerhin sei trotz dieser Anstrengungen das operative Geschäft ohne Portfolio-Effekte stabil gewesen, verlautet es aus Gütersloh, das mache doch Hoffnung. In Hamburg gewinnt man der durchwachsenen Bilanz durchaus positive Seiten ab. 2015 sei vielleicht kein kaufmännisch beeindruckendes Jahr gewesen, aber dafür ein gutes für die Zukunft von Gruner + Jahr. Tradition plus Moderne heißt die Formel, Magazingeschäft und Digitalisierung – zurück in die Zukunft.

Ein unkonventioneller Weg, aber Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe scheint daran zu glauben. Der Gesamt-CEO sieht die Umsätze bei der Konzern-Tochter ohne Sondereffekt als „stabil“ an. Und er sagte bei der Jahres-PK in Berlin: „Wir gehen davon aus, dass wir bei Gruner + Jahr schon in diesem Jahr steigende Umsätze sehen werden.“

Werbeanzeige

Alle Kommentare

  1. Gruner + Jahr… saß vor einigen Jahren mal in einem Bewerbungsgespräch, um Freier Mitarbeiter bei einem ihrer bekannteren Magazine zu werden. Nachdem alles unter Dach und Fach war, machte man eine 180° Wendung und „bot“ mir statt dessen ein symbolisch bezahltes Praktikum an: „So ist das nun mal in der Branche. Leih dir doch Geld bei der Familie oder nimm einen Kredit auf, wenn du Geld zum Leben brauchst.“

    Ein Unternehmen, das nicht einmal mehr Mitarbeiter bezahlen kann oder möchte, wird von innen verrotten. „So ist das nun mal in der Branche.“

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige