„Schockwirkung journalistisch legitim“: Ex-WDR-Chef Pleitgen springt Bild gegen KJM bei

Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen (Mi.), unterstützt Bild-Digital-Chef Julian Reichelt (li.), gegen den KJM-Boss Andreas Fischer
Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen (Mi.), unterstützt Bild-Digital-Chef Julian Reichelt (li.), gegen den KJM-Boss Andreas Fischer

Nächster Brief im Streit zwischen der Bild und der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). In der Debatte um die Kritik der Jugendschützer an der Veröffentlichung von Kinderleichenfotos aus dem Syrienkrieg bekommt die Springer-Zeitung nun Unterstützung vom ehemaligen WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Er meint, dass es den Bild-Autoren "auch um Schockwirkung" gegangen sei: "Doch das ist journalistisch legitim, wenn man Augen öffnen will, um Unerträgliches erkennen zu lassen."

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Der ehemalige WDR-Chef schrieb für die Bild einen offenen Brief an den KJM-Chef Andreas Fischer. Dem vorausgegangen war eine höchst umstrittene Entscheidung der Medienwächter. Sie störten sich an der Veröffentlichung einiger Fotos (in der Story „Habt Ihr diese Bilder schon vergessen?“). Nach Ansicht der KJM verstoßen diese gegen die Menschenwürde. Konkret ging es um zwei Bilder auf denen unverpixelte Kinderleichen zu sehen sind. In der Begründung schreiben die Medienwächter:

Das Leiden und Sterben der Kinder wird zur Schau gestellt und sie werden dadurch zu Objekten der Schaulust degradiert. Auch wenn es sich um ein tatsächliches Geschehen handelt, besteht nach Meinung des Gremiums kein berechtigtes Interesse an dieser Art der Darstellung, da eine Verpixelung der Bilder die Aussagekraft des Artikels nicht geschmälert hätte.

Dem widersprach mit großer Wut im Bauch in einem ersten offenen Brief Bild.de-Chef Julian Reichelt: „Um es gleich zu sagen: Die Entscheidung, die Sie getroffen haben, ist schrecklich und falsch“, kommt Reichelt direkt zur Sache. „Wir werden sie nicht akzeptieren, sie nicht hinnehmen und mit allen Mitteln – juristisch, journalistisch, politisch – dagegen vorgehen, bis Sie sich korrigieren oder korrigiert werden und anerkennen, dass Sie bei der Wahrnehmung des Ihnen erteilten Auftrags schlicht versagt haben.“

Gegenüber MEEDIA reagiert Fischer auf das Schreiben, zeigte sich von Reichelts Äußerungen jedoch unbeeindruckt. „Bild hat das Recht, sich gegen die Entscheidung der KJM zu wehren. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Medien über die Kritik beklagen und auch juristische Schritte androhen oder sogar gehen. Der Weg, dies über einen offenen Brief mitzuteilen, ist allerdings ungewöhnlich und verleiht der Debatte auch eine neue Qualität“, so der Vorsitzende der Kommission. „Aus unserer Sicht ist es bedauerlich, dass Herr Reichelt die Entscheidung so persönlich aufnimmt.“

Weiter sagte Fischer:

Ich betone noch einmal, dass sich die Kommission eine ganze Reihe von schockierenden Fotos angeschaut und sie gebilligt hat. Wir akzeptieren, dass über schreckliche Folgen drastisch berichtet wird, und auch dass das Grauen des Krieges veranschaulicht wird. Nach langer Diskussion haben wir uns entschieden, nur gegen zwei Fotos vorzugehen. Dabei ist anzumerken, dass Bild eines dieser Fotos bereits vor längerer Zeit wieder von der Online-Seite genommen hat.

Jetzt äußerte sich nun auch Pleitgen zu dem Fall. Die Einschätzung des ehemaligen Intendanten ist deshalb schon interessant, weil er eine ähnliche Entscheidung schon einmal treffen musste:

Ich selbst musste als Intendant für eine zunächst heftig umstrittene Veröffentlichung geradestehen. Es ging um Bilder von einem toten amerikanischen Soldaten, der an den Füßen gefesselt hinter einem Auto durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurde. Ich fragte mich: ist die Veröffentlichung dieser Bilder mit der Würde des Menschen vereinbar? Die amerikanischen Sender stellten mir die Frage nicht. Sie wollten die Bilder haben und sie der Bevölkerung zeigen. Nicht ohne Folgen. Die USA beendeten sofort ihr militärisches Engagement in Somalia.

Der ehemalige öffentlich-rechtliche Journalist hält es für „legitim“, auch mit den Mitteln der „Schockwirkung“ den Lesern die „Augen öffnen“ zu wollen. So schreibt er: „Es gibt Veröffentlichungen von Bildern, die nach dem ersten Erschrecken weitreichende politische Folgen hatten. Dazu gehören die Fotos von dem durch Brandbomben schwer verletzten Mädchen im Vietnam-Krieg oder im selben Krieg von der Exekution eines Vietcongs durch einen südvietnamesischen Polizei-Offizier. Die Veröffentlichungen haben mit zum Ende des Vietnam-Krieges geführt.“

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