Richard Gutjahrs SXSW-Bilanz: Mobile, Video und Datamining – der neue Wilde Westen im Digitalen

Richard Gutjahr berichtet für MEEDIA von der größten Digitalkonferenz der Welt
Richard Gutjahr berichtet für MEEDIA von der größten Digitalkonferenz der Welt

Die SXSW-Digitalkonferenz in Austin ist nicht die Zukunft. Aber man kann sie von hier aus ziemlich gut sehen. Besser als auf jedem anderen Mediengipfel – meint der Blogger und Journalist Richard Gutjahr, der für MEEDIA sein Fazit des Kult-Festivals der Digitalbranche zieht, das diese Woche zum 30. Mal im texanischen Austin stattfindet.

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Von Richard Gutjahr

Der interdisziplinäre Mix von Tech, Musik und Film liefert spürbar andere Impulse, als den immer gleichen Selbstbeweihräucherungs-Tunnelblick, wie wir ihn sonst von Medien-Branchentreffs kennen. Und dann wären da natürlich noch die vielen Promis, die das Festival besuchen, die Partys, die Barbecues. Aber der Reihe nach.

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Richard Gutjahr berichtet für Meedia von der SXSW in Austin, Texas (Foto: Daniel Fürg, Fürg Media)

Ein Thema, das dieses Jahr vielfach diskutiert wurde: Die wachsende Bedeutung von Messengern als Drehkreuz für bald sämtliche digitale Inhalte. Personalisierte Bots, die Mitteilungen nach frei definierbaren Kriterien durchsuchen, etwa nach Schlagworten, Absendern, Zeit oder Typus einer Botschaft und diese auf Wunsch bereit halten. In einer nächsten Stufe werden diese Messenger dann mit Sprachassistenten wie Apples Siri oder Microsofts Cortana ausgestattet. Einen Bildschirm braucht es dann nicht mehr, gesteuert werden Rechner oder Smartphone via Sprache.

Conversation Design löst grafische Oberflächen ab

Ein Beispiel für dieses „conversational design“ ist Amazons Echo, ein schwarzer zylinderförmiger Apparat, der Tag und Nacht standby steht und der auf Zuruf einfache Fragen beantwortet, Musik spielt, Nachrichten oder Kochrezepte vorliest. Vorteil einer solchen Sprachsteuerung liegt sprichwörtlich auf der Hand. Die bleibt nämlich frei, denn das Telefon kann dadurch immer häufiger in der Tasche bleiben.

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Der „Martybot“ der Washington Post ermahnt Autoren, die ihre Deadline nicht einhalten (Foto: Richard Gutjahr)

Die wohl erstaunlichste Entwicklung dürfte aber sein, dass die Maschinen Empathie entwickeln. Mit jeder neuen Interaktion lernen sie, sich besser auf die Persönlichkeit ihrer Nutzer einzustellen. So erscheinen uns die Maschinen immer nahbarer, menschlicher. Es werden Studien zitiert, wonach Probanden sogar dazu übergingen, sich lieber mit einem Roboter zu unterhalten, als mit Gesprächspartnern aus Fleisch und Blut. Erklärung der Experten: Die Maschine sei unvoreingenommen, sie wertet nicht.

Auch an den Inhalten selbst wird weiter geschraubt. Ob 360-Grad-Videos, Augmented- oder Virtual Reality, die Geschichten werden vielschichtiger und über alle Plattformen verbreitet. Der User wird durch Social-Media-Monitoring noch stärker in die Themenfindung einbezogen. Mit Loxodo vertreibt die Washington Post seit kurzem eine eigene Redaktionssoftware, die sichtbar macht, wer im Haus gerade an welcher Story arbeitet. Deadlines gibt es nicht mehr für die gesamte Redaktion, sondern für jede Geschichte separat. Wenn ein Autor in Verzug ist, bekommt er Besuch in Gestalt von „Martybot“ (benannt nach Chefredakteur Martin Baron), eine generisch erzeugte Erinnerungsnachricht.

Das Erwachen einer neuen Macht

Auch das Film- und TV-Business erfährt aktuell einige Updates. Der Fan habe in Hollywood eine wichtige Stimme bekommen und säße mittlerweile dank Facebook und Twitter mit an jedem Verhandlungstisch. Das bedeute nicht, dass man immer auf alles hört, was in Sozialen Netzwerken, Blogs oder Foren gepostet wird, sagt JJ Abrams. Der Star-Wars-Regisseur spricht von einer Art „Meta-Kommunikation“, die da zwischen Produzent und Publikum stattfindet.

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Star-Wars-Regisseur JJ Abrams über die neue Macht der Fans dank Social Media (Foto: Richard Gutjahr)

Und dann wären da noch die YouTube-Stars. Auch sie sind in die Jahre gekommen, überlegen, wie es weiter geht. Livestreaming über Periscope oder Facebook laufe den klassischen aufgezeichneten Videos immer mehr den Rang ab. Viele von ihnen würden inzwischen zweigleisig fahren, bauen sich parallel zu YouTube einen neuen Kanal auf Snapchat auf. Vor allem Künstler, die sich mit ihren Filmen auf die einst beliebte Video-Plattform Vine spezialisiert haben, seien in Panik.

SXSW2016x4Die SXSW feiert dieses Jahr ihr 30jähriges Jubiläum (Foto: Richard Gutjahr)

Ob Profi oder Amateur, Computercrack oder Noobie – in einem Punkt scheinen sich alle Konferenzteilnehmer einig: Mobile, Video und Dataminig ist „the new frontier“, der neue Wilde Westen. Bislang betraf das vor allem Startups und App-Entwickler. Neuerdings ist aber auch unter den Kreativen, den Künstlern, Filmemachern und Autoren der Goldrausch ausgebrochen. Die fieberhafte Suche nach neuen Formaten für Millenials hat begonnen, wobei Millenials nicht länger am Alter festgemacht werden, sondern ein Gradmesser geworden sind für Technik-Affinität und digitale Kompetenz.

 

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