30 Jahre Auto Bild: Wie Springers PS-Magazin mit einer Vollgas-Story beim Porsche-Chef aneckte

Auto Bild-Chefpiloten Hans H. Hamer (re.) und Bernd Wieland: Magazin als „Anwalt des Autofahrers“
Auto Bild-Chefpiloten Hans H. Hamer (re.) und Bernd Wieland: Magazin als "Anwalt des Autofahrers"

Happy Birthday, Auto Bild: Mit der "größten Ausgabe aller Zeiten" feiert Springers Motormagazin ab heute sein 30-jähriges Jubiläum. Mit mehreren Ablegern sowie digitalen Angeboten ist aus dem Prototypen ein reichweitenstarker Medien-Konvoi entstanden. Im MEEDIA-Interview sprechen Verlagsgeschäftsführer Hans H. Hamer und Chefredakteur Bernd Wieland über die Anfänge und ihre Pläne für die Zukunft.

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Erinnern Sie sich noch, wer die Idee zu Auto Bild hatte und wie das Konzept im Konzern durchgesetzt wurde?
Bernd Wieland: Die treibende Kraft hinter dem Auto Bild-Konzept war Günter Prinz, damals Redaktionsdirektor der BILD-Gruppe. Ihm waren die damaligen Autozeitschriften zu technisch. Er hingegen wollte ein Magazin, bei dem man kein Techniklexikon daneben legen musste, um es zu verstehen. Ein bodenständiges, journalistisches Qualitätsprodukt zu einem fairen Preis.

Mit auto, motor und sport gab es damals schon einen übermächtig scheinenden Marktführer. Was wollten Sie damals anders machen, warum sollten Leser sich für den Bild-Titel entscheiden?
Bernd Wieland: Auto Bild war und ist Anwalt des Autofahrers und stellt dessen Interessen in den Mittelpunkt einer kompetenten und mit Sachverstand ausgestatteten Berichterstattung.

Welche Rolle spielte die Gesamtmarke Bild bei der Positionierung von Auto Bild?
Hans Hamer: Unser Markenerbe ist Bild und damit das entsprechende journalistische Selbstverständnis. Wir wollen als Erster und mit viel Leidenschaft neue, wichtige und spektakuläre Themen bringen. Wir wollen unsere Leser nicht belehren, sondern gut informieren und unterhalten.

In den 30 Jahren seit dem Marktstart hat sich die Automobillandschaft enorm verändert. Früher redete man über Katalysatoren und Airbags, heute machen autonom fahrende Fahrzeuge Schlagzeilen, die nicht einmal ein Lenkrad haben. Welchen Einfluss hatten die Entwicklungen auf das redaktionelle Rezept?
Bernd Wieland: Beim Start von Auto Bild 1986 ging es vor allem um die Qualität eines Autos. Damals standen Themen wie z. B. „Durchrostungen“, „Verschleiß“ und „Garantie“ oder „Gewährleistung“ im Mittelpunkt der Berichterstattung. Heute hingegen ist die Digitalisierung des Automobils das allumfassende Thema.

Zum Geburtstag bringen Sie ein Jubiläumsheft an die Kioske. Was erwartet die Leser?
Hans Hamer: Das Jubiläumsheft ist die größte Auto Bild-Ausgabe aller Zeiten und ein Dankeschön an unsere Leser. Sie ist besonders umfangreich und hat einen tollen Themen-Mix mit vielen Entwicklungen rund um die Faszination Auto aus den letzten 30 Jahren. Dazu gibt es ein Gewinnspiel: 30 Traumwagen für 30 Tage.

Der Medienwandel wirkt sich auch bei Auto Bild auf die Auflage aus. Welche Rolle wird Print spielen, was bieten Sie den Lesern im Internet?
Bernd Wieland: Wir unterscheiden nicht mehr zwischen Print und Digital, sondern arbeiten mit integrierten Redaktionen, die Content in allen relevanten Formen und für alle Auto Bild-Kanäle erstellen. Beispiel: Wenn eine Nachricht hereinkommt, müssen wir entscheiden: Ist das Thema hochrelevant? Und können wir es exklusiv halten? Dann lohnt sich der Ausbau im Rahmen einer Hintergrundgeschichte im Heft. Ist die News nicht exklusiv, aber relevant, publizieren wir sie sofort über unsere digitalen Kanäle. Dies können auch externe Social Media-Plattformen sein, um Multiplikatoren-Effekte zu erzielen. Wichtig ist für uns, dass wir die Menschen mit dem jeweils passenden Inhalt unter unseren Marken dort erreichen, wo sie Medien und Dienste nutzen.

Sehen Sie in den vielen digitalen Angeboten rund um das Thema Automobil langfristig eine Gefahr für Ihre Marke?
Hans Hamer: Ganz im Gegenteil, die Reichweiten der Auto Bild-Gruppe haben Print und Online eine neue Rekordhöhe erreicht und wachsen weiter. Unsere Titel sind in der automobilen Welt der Leuchtturm, der Lesern und Usern Orientierung bietet. Die digitale Welt bietet Möglichkeiten, die Zeitschriften nicht haben. Die einfachsten Beispiele sind crossmediale Verweise: Das Heft bietet Mehrwerte, indem es an entsprechender Stelle auf weitere Inhalte verweist, die digital verfügbar sind. Die Bilderstrecke in der Zeitschrift wird online um eine größere Fotogalerie ergänzt. Die „Sitzprobe“ im Heft bei der Neuvorstellung eines Fahrzeugs findet ihr Pendant in einem Video unter autobild.tv. Zudem ist Digital wichtig, um neuen Content zu generieren. Zum Beispiel werden Leseraktionen und Wahlen für unsere zahlreichen Awards meist online durchgeführt. Auch bei Ad hoc-Umfragen oder der Ermittlung von Bestenlisten und weiterem User Generated Content können die interaktiven Möglichkeiten der digitalen Medien gezielt genutzt werden, um Inhalte für die jeweilige Zeitschrift zu generieren.

Vielleicht ist der Rückgang der Verkäufe teilweise auch dadurch bedingt, dass vor allem jüngere Leser im Auto nicht mehr das Statussymbol sehen wie frühere Generationen. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Bernd Wieland: Das stimmt so nicht: Wir erreichen durch die Diversifikation unserer Zeitschriften der Auto Bild-Gruppe heute mehr Leser denn je. Auch die jüngeren Leser lässt das Thema Auto nicht kalt. Auch sie träumen von schönen Autos, müssen sie aber nicht gleich besitzen. Gleichwohl stellen wir fest, dass sich das Interesse wandelt. Es geht nicht mehr darum, die Technik des Autos bis ins letzte Detail zu verstehen, sondern darum, was der Fahrer davon hat. Hinzu kommen andere Themen wie z. B. Mobilität in Verbindung mit der Digitalisierung des Autos. Das haben wir früh erkannt und das Thema „Connected Car“ seit drei Jahren als festes Testschema integriert.

Als Automobilzeitschrift sind Sie bei Vorfällen wie der Abgasaffäre von Volkswagen in der Zwickmühle. Der Hersteller steht wegen Schummeleien in der öffentlichen Kritik, zugleich ist VW für Sie ein wichtiger Anzeigenkunde. Wie gehen Sie damit um?
Hans Hamer: Die Redaktion recherchiert aus Sicht des Autofahrers und beurteilt jeden Hersteller mit unserer ausgewiesenen Testkompetenz aus dessen Sicht. Gerade bei kritischen Themen ist es unsere Pflicht, Autobesitzer kompetent zu beraten, damit sie mit der Situation umgehen können. Das macht unsere journalistische Glaubwürdigkeit und unseren Erfolg aus. Von so einem Umfeld profitiert der Anzeigenkunde immer.

 Wie hat sich die Vermarktung generell entwickelt? Welche Kunden haben Sie neben den Herstellern für Auto Bild gewinnen können?
Hans Hamer: Die Vermarktung der Gruppe entwickelt sich auch durch unsere Dachmarkenstrategie und zahlreiche neue Produkte, Events und Angebote sehr erfolgreich. Unsere Kunden wissen es zu schätzen, dass wir ganzheitliche und integrierte Kommunikationslösungen anbieten und sie mit dem jeweils führenden Medium in den jeweiligen Märkten (z. B. Auto Bild Klassik, Auto Bild Reisemobil, Auto Bild Allrad) zusammenarbeiten können.

Sie sind bei Auto Bild auch mit eigenen Ablegern dabei. Vor allem Auto Bild Klassik gilt als Erfolgsgeschichte. Wie sind Sie mit der Performance der Extensions zufrieden?
Hans Hamer: Sehr zufrieden sogar. Alle Auto Bild-Titel sind führend in ihren jeweiligen Segmenten. Besonders stolz sind wir derzeit auf unseren jüngsten Ableger, Auto Bild Reisemobil, der im Einzelverkauf auf Anhieb die Marktführerschaft erreicht hat. 2014 mit zwei Ausgaben gestartet, haben wir ihn 2015 bereits vier Mal herausgebracht. Seit diesem Jahr erscheint das Heft zweimonatlich.

Herr Wieland, als Chefredakteur sind Sie nun auch schon zehn Jahre im Amt. Welche Auto Bild-Geschichten sind Ihnen aus der Zeit am stärksten in Erinnerung geblieben?
Bernd Wieland: Da gibt es viele und einige davon haben wir in der Jubiläumsausgabe auch noch mal zusammengetragen. Mir persönlich ist z. B. die Porsche-Geschichte „Was kostet Vollgas?“ sehr im Gedächtnis geblieben. Wir haben damals im Test nachgewiesen, dass ein Porsche Cayenne bei Vollgas 60 Liter verbrauchte. Sie können sich vorstellen, dass der damalige Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking nicht sehr begeistert von dem Artikel war.

Auto bzw. Mobilität ist ein sehr emotionales Thema. Wie sortieren Sie Vernunft und Leidenschaft in der Berichterstattung?
Bernd Wieland: Diese Grenze ist mir zu künstlich und wir ziehen sie so auch nicht. Es geht doch schließlich darum, auch bei „vernünftigen“ Geschichten Leidenschaft zu erzeugen. Schließlich ist ein Autokauf auch immer etwas Emotionales und sehr Subjektives.

Wenn Sie in die Zukunft schauen. Wie sieht die Auto Bild in zehn Jahren aus, was werden dann die beherrschenden Themen sein?
Hans Hamer: Wir werden unsere Dachmarkenstrategie weiter vorantreiben und die Wachstumsmöglichkeiten in allen Segmenten der Mobilität konsequent weiter ausloten.
Bernd Wieland: Viele der Zukunftsthemen, um die es in zehn Jahren gehen wird, haben wir bereits heute identifiziert, und sie sind fester Bestandteil unserer Berichterstattung. Das beherrschende Thema der modernen Mobiliät wird vom autonomen Fahren über neue Antriebsarten bis hin zur Digitalisierung reichen. Wie das allerdings im Detail aussehen wird, kann heute noch keiner genau wissen.

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Alle Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Altrogge,
    leider ist dieses offenbar auf schriftlichem Wege zustande gekommene „Interview“ nicht wirklich zielführend, es liest sich dann doch eher wie das Intro einer Verlags-Jubelschrift. Es wäre interessant gewesen, einige der Allgemeinplätze wie jenen hinsichtlich der integrierten Redaktion Print/Online (ob die Onliner davon bereits wissen?) oder die kühne und nachweislich falsche Behauptung „Alle Auto Bild-Titel sind führend in ihren jeweiligen Segmenten“ zu hinterfragen.
    Auch ein Statement dazu, wie die Auto Bild binnen fünf Jahren über 30 Prozent im Einzelverkauf und 20 Prozent bei den Abos einbüßte, hätte mich interessiert. Das liegt durchaus signifikant über dem Branchen-Schnitt. Zur neuen Wohnmobil-Bild gibt der Verlag noch nicht einmal Auflagenzahlen bekannt, die Auto Bild Motorsport erscheint seit Jahren bereits nur noch als wenigseitiges dünnes Supplement.
    Dass die Auto Bild im vergangenen Jahr ihre Fotoredaktion entsorgt hat, all die Zwangs-Sparpläne in den Ressorts und in allen Motor-Titeln der AuBi-Familie – kein Grund für eine interessierte Nachfrage?
    Das finde ich dann doch ein bisschen schade.

  2. Das ist ein solches Eigen-PR-Gesülze das mir schlecht wird … Glückwunsch Herr Altrogge zu diesem journalistisch unterirdischen Stück!

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