Über eine Million Views: Julian Reichelt über die Bild-Wahlsendung bei Facebook

Collage1.jpg

Fernsehen Bild hat das große Interesse am Superwahlsonntag genutzt, um bei Facebook ein Mobile-Reporting-Experiment zu starten. Neben der laufenden Berichterstattung für Portal und Blatt hat ein Team eine Live-Wahlsendung auf die Beine gestellt, die ausschließlich bei Facebook zu sehen war. Die Reichweite war mehr als beachtlich. "Wir sind begeistert", erzählt Digital-Chef Julian Reichelt und berichtet gegenüber MEEDIA von den Erkenntnissen.

Werbeanzeige

Dass jemand vor ihm auf die Knie fällt, erlebt Nikolaus Blome sicherlich auch nicht alle Tage. Doch ausgerechnet am gestrigen Wahlsonntag war es so weit. Vor ihm auf dem Boden saß allerdings kein politischer Akteur, der eventuell Angst vor der Berichterstattung der Bild hatte, sondern einer seiner Mitarbeiter, um ihm ein Mikro unter die Nase zu halten. Damit bewaffnet wuselte Netzreporter Moritz Wedel den gesamten Abend durch den Bild-Newsroom, um über Wahlergebnisse und Vorgänge der Redaktion zu berichten. Was wegen eines manchmal unscharfen und wackeligen Bildes wie auch durch die ein oder andere Verirrung vielleicht etwas unbeholfen aussah, war letztlich ein kluges und nicht ganz berechenbares Experiment, bei dem Bild erneut gezeigt hat, welches Potential in Mobile-Reporting steckt. Denn Wedels Wahlsendung wurde live übertragen – und war speziell auf die Ausstrahlung via Facebook Mentions, dem Livevideo-Tool des Social Networks, ausgerichtet.

Der Schritt ist bemerkenswert: Während Bild ihre Leser und Zuschauer in die Redaktion hinein holte, lagerten die Macher sie gleichzeitig gewissermaßen aus. „Wir haben die Mentions-Wahlsendung konsequent für unsere User auf Facebook gedacht“, so Digital-Chef Julian Reichelt gegenüber MEEDIA. Auf den vermarkteten Traffic zahlte das Experiment nicht ein. Trotzdem war es ein Erfolg. Eigenen Angaben zufolge erzielte die Mentions-Sendung eine beachtliche Reichweite: Mehr als 1,17 Millionen Views haben insgesamt elf Livestreams registriert, was gemeinsam mit der Website eine Verdoppelung bedeute, so Reichelt. Allein der Hauptaccount von Facebook zählt fast zwei Millionen Fans.

Super Wahl-Sonntag bei BILD – LIVE

Posted by BILD Video on Sunday, March 13, 2016

„Spannend an diesem Abend war nicht nur, dass wir uns in einer Live-Sendung befanden, sondern auch mit einfachsten technischen Mitteln gearbeitet haben. Für uns als professionelle Producer ist es etwas ganz Besonderes so zu produzieren, wie es quasi jeder Mensch mit seinem Smartphone kann.“ Die Streams aus dem eigenen Studio oder auch von den Korrespondenten aus den  Hauptstädten der der Wahlländer wurden über mehrere Bild-Facebook-Accounts ausgespielt und weitergeteilt, so dass Nutzer zur selben Zeit mehrere Kanäle zur Auswahl hatten. Überrascht habe dabei das Nutzer-Engagement, das größer gewesen sei als bei sonstigen Postings und Videos, so Reichelt. „Unser Facebook-Hauptaccount, der direkt normalerweise rund 40.000 Mal pro Tag angesteuert wird, wurde am Sonntag gezielt 80.000 Mal aufgerufen.“ Über zwei Stunden Sendezeit hinweg hätten in der Spitze bis zu 40.000 Zuschauer dabei zugesehen, wie die Reporter eigene Redaktionsexperten befragt, Telefoninterviews mit Politikern geführt oder Hochrechnungen verfolg haben. Ein Nebeneffekt: Brand-Marketing. Wie schon beim Periscope-Tag (damals erzielte Bild 1.923 Stunden Sehdauer, 64.000 Live-Viewer und 130.000 Herzen) gewährten die Bild-Macher ihren Nutzern einen Blick hinter die Kulissen. Der zeigte nicht nur, wie Interviews geführt wurden, sondern auch wie die Redakteure die Ergebnisse einordneten und wie am „Ring“ – so heißt mittlerweile offenbar der „Balken – die Website gesteuert und die Zeitung für den Folgetag gemacht wurden.

BILD-Reporter Hannes Ravic zeigt, wo gleich die AfD-Wahlparty in Magdeburg stattfindet.

Posted by BILD Video on Sunday, March 13, 2016

„Innovation, die Erschließung neuer Zielgruppen und die Weiterentwicklung der Redaktion“

Mit der Aktion ist Chefredakteur Reichelt auch aus weiteren Gründen äußerst zufrieden: „Mit dem Schritt auf Facebook sind wir mal wieder in die Offensive gegangen, was ein tolles Gefühl ist“, so Reichelt. „Bei Bewegtbildinhalten haben wir keine ‚Legacy‘, wir sind nicht mit alten Gewohnheiten vorbelastet.“ Fazit des Projekts ist die Lust auf mehr. „Wir wollen weiter ausprobieren und versuchen zu basteln, um die Mentions-Produktionen zu verbessern.“ Denn vergleichen mit richtigen Live-Sendungen lässt sich eine Mention-Sendung (noch) nicht. Während Reichelt und sein Team für ein paar der fehlenden Technik-Möglichkeiten, wie beispielsweise beim Herstellen von Schalten, Alternativen gefunden haben, gestalten sich Bildqualität wie auch andere Darstellungen (beispielsweise Bauchbinden, unterschiedliche Kameraeinstellungen oder das Ausgleichen von Lichtverhältnissen) als schwierig.

Inwiefern Facebook in diesem Fall mit Publishern zusammenarbeitet, wie die zum Beispiel bei Instant Articles der Fall ist, bleibt abzuwarten. Gleiches gilt für die Frage der Monetarisierung, um die laut Reichelt es dem Projekt zunächst nicht geht. „Unsere Aufgabe ist es, journalistische Inhalte so spannend und zeitgemäß wie möglich aufzuarbeiten und zu verbreiten. Wir fassen drei strategische Ziele ins Auge: Innovation, die Erschließung neuer Zielgruppen und die Weiterentwicklung der Redaktion.“ Bild halte sich an das Vorhaben, dort stattzufinden, wo sich die Leser aufhalten. „Was die Vermarktung langfristig angeht, sind viele Leute bei uns im Haus im steten Austausch mit Facebook, um unsere Interessen klarzumachen und sicherzustellen, dass wir mittelfristig auch auf dieser Plattform mit unseren Inhalten Geld verdienen.“

Super Wahl-Sonntag bei BILD – LIVE

Posted by BILD Video on Sunday, March 13, 2016

Auf die damit einhergehende Frage, was das Loslösen von der eigenen Plattform für die Strahlkraft einer Marke bedeutet, empfiehlt Reichelt, seine Marke anderweitig aufzuladen. „Markenpräsenz muss losgelöst von der Plattform stattfinden.“ Ein Weg sseien natürlich Namen und Gesichter. „Neben einem Reporter wie Paul Ronzheimer muss nicht mehr zwingend das Logo eingeblendet werden, um deutlich zu machen, dass er zu Bild gehört“, so Reichelt.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige