„Nazis“ rufen reicht nicht – Gebrauchsanweisung für den medialen Umgang mit der AfD

AfD-Chefin Frauke Petry und die Medien
AfD-Chefin Frauke Petry und die Medien

Das hervorragende Abschneiden der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt kommt nicht überraschend. Es ist höchste Zeit, dass die Akteure im Politik- und Medienbetrieb ihren Umgang mit dem Schmuddelkind der Parteienlandschaft überdenken.

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Medien und Politik haben es sich in vielerlei Hinsicht zu leicht gemacht mit der AfD. Es herrschte über weite Teile das Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Auseinandersetzung mit der neuen Partei am rechten Rand erfolgte meist reflexhaft mit der Nazi-Keule oder beschränkte sich auf die Aussetzer des AfD-Personals („Schusswaffengebrauch“, „Kanzlerin nach Chile“).

Auch wenn die Demoskopie einhellig voraussagte, dass die AfD in alle drei Landesparlamente mit bequemen Mehrheiten einziehen würde, wollte viele Medien und Politiker diese unbequeme Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen. Nun ist die AfD drin und alle schauen sich betroffen an: Wie konnte das passieren?

Beispiel SWR

Der baden-württembergische Südwestrundfunk hat sich im Vorfeld der Landtagswahl nicht mit Ruhm bekleckert, was den Umgang mit der AfD betrifft. Zuerst wurde die AfD von der so genannten „Elefantenrunde“, also der TV-Debatte der Spitzenkandidaten aus und dann doch wieder eingeladen. Nur die wiedergewählte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), wollte nicht mit der AfD diskutieren und blieb der Veranstaltung fern.

In der beliebten Radiosendung „Leute“ beim Radiosender SWR1 wurden vor der Wahl in Baden-Württemberg die Spitzenkandidaten der im Landtag vertretenen Parteien befragt. Das war zwar eine klare Regel, trotzdem wirkte es befremdlich, wenn die Vertreter von Grünen, CDU, SPD und FDP sich im Rundfunk ausführlich über die AfD äußerten, die Partei des Anstoßes selbst aber nie zu Wort kam.

Der ZDF-Fernsehratsvorsitzende Ruprecht Polenz (CDU) hatte recht, als er mit Bezug auf das unwürdige hin und her bei der „Elefantenrunde“ konstatierte: „Die AfD bekommt die Märtyrerrolle gratis.“ Die Quittung dafür bekamen die etablierten Parteien am gestrigen Sonntag. Allerdings nicht gratis, sondern zu hohen Kosten. Längst ist das Wahlvolk nicht mehr auf klassische Medien, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar, angewiesen. Viele AfD-Anhänger tummeln sich im Web, bei sozialen Netzwerken wie Facebook und schaukeln sich dort in ihrer Filterblase hoch. Das ignorante Verhalten von großen Teilen des politisch-medialen Komplexes treibt das unzufriedene Publikum zur AfD – bei Facebook und an der Wahlurne. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk missachtet in Sachen AfD seinen Auftrag einer echten Grundversorgung.

Und Politiker vom Schlage eines Ralf Stegner (SPD), der als Vertreter einer Zehn-Prozent-Plus-Partei bräsig bei Anne Will saß, machen es sich schlicht zu leicht, wenn sie in der Diskussion mit AfD-Personal wie Beatrix von Storch reflexhaft immer wieder „Nazis“ und „Schießbefehl“ rufen. Von Storch selbst beschied die anwesenden Mit-Diskutanten beim „Anne Will“-Talk nach den Landtagswahlen, dass diese Ignoranz ihrer Partei gerade geholfen hat. Stegner und Co. müssen anfangen der AfD zuzuhören – auch wenn’s schwerfällt.

AfD-Gegner und Fans im Hass vereint

Ausgrenzen, ignorieren, beschimpfen – das funktioniert nämlich ganz offensichtlich nicht. Ganz und gar nicht hilfreich ist es auch, wenn der Gag-Schreiber und stern.de-Kolumnist Micky Beisenherz nach den Wahlen auf seiner Facebook-Seite ein Foto der knienden AfD-Chefin Frauke Petry veröffentlicht, bei dem man ihr unter den Rock schauen kann, dann ist das einfach nur frauenverachtend und geschmacklos. Dass sich darunter die hämischen, Hass-Kommentare von AfD-Gegnern, ja Gegnern!, häufen, wundert nicht. An diesem Punkt sind sich Gegner und Anhänger der AfD ähnlicher, als es ihnen lieb sein kann.

Und wenn eine Zeitung wie der Berliner Kurier ein absichtlich unvorteilhaft-dämonisches Foto von Frauke Petry raussucht und darüber schreibt, der „AfD-Erfolg schockt Deutschland“, dann geht der Schuss auch nach hinten los. Der AfD-Erfolg schockt vielleicht das Medien- und Politik-Personal Deutschlands. Große Teile der Bevölkerung sind offenbar nicht geschockt, die haben den Verein ja gewählt.

Da ist es schon besser so zu reagieren, wie das ZDF-„Morgenmagazin“. Als AfD-Chefin Petry nicht erscheint, weil sie angeblich den Termin „vergessen“ hat, wird sie erneut eingeladen und die Sache öffentlich gemacht.

Das ist entlarvender als jedes bösartige Unten-ohne-Foto und jede manipulative Schlagzeile. Natürlich gehören AfD-Politiker in Talkshows und man muss mit ihnen Interviews führen (das geschah ja teilweise auch schon vor den Wahlen). Medien und Politiker müssen dann aber die Debatte mit der AfD auf der berühmten Sachebene suchen. Die Vertreter der AfD reden lassen und dann die Aussagen hinterfragen. Das ist nicht immer einfach. Manche erinnern sich vielleicht noch daran, wie Friedrich Küppersbusch, nicht gerade der dümmste Vertreter der Medienzunft, seinerzeit im Interview mit dem Chef der rechtspopulistischen Partei Die Republikaner, Franz Schönhuber, unterging. Aber nur, weil es nicht einfach ist, entbindet das Medien und Politik doch nicht von ihrem Job. Wer immer nur „Nazi“ ruft, wenn ein Rechtspopulist das Haupt hebt, erweist seiner Sache einen Bärendienst.

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Alle Kommentare

  1. Bernd: Sie haben die Gelegenheit zu beweisen, dass nicht alle AFDler immer nur Ihre eigenen Rechte einklagen und sich nur dann beschweren, wenn sie selbst das Ziel von Diffamierungen werden.

    Sondern dass Sie auch die Rechte Ihrer politischen Gegner respektieren und auch die gegen Diffamierung verteidigen. Also: Dass Sie die Regeln, die Sie für sich einfordern auch tatsächlich respektieren.

    Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen, sonst zementieren Sie das Bild von der „Vereinigung der „Es muss sich immer alles um mich drehen“-Narzissten“.

    Noch mehr Mühe kann man sich doch wirklich nicht mehr machen, um Ihnen aufs Pferd zu helfen, bevor Sie wieder zu Fuß auf der Rennbahn herumirren.

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